In meiner ganzen Studienzeit in Freiburg war ich genau ein
einziges Mal am Bollwerk-Festival. (Es muss im Jahr 2000 gewesen sein, aber der
Archiv-Server des Belluard ist leider heillos zerschossen.) Da traten zwei
Männer auf die Bühne, zogen sich nackt aus und gingen dann im Wesentlichen eine
Stunde lang in exakten geometrischen Formen kreuz und quer über die Bühne – so
jedenfalls meine Erinnerung. Das ist jetzt also diese zeitgenössische Performance-Kunst, dachte ich mir, und hielt mich in den kommenden Jahren vom Belluard fern. In
der Zwischenzeit habe ich, wieder mutiger geworden, entdeckt, dass sich dieses
Festival durch eine enorme thematische Breite auszeichnet, und war oft
begeistert von zugänglicheren, intelligenten und vielschichtigen Stücken:
Filmen, Vorträgen, Installationen. Dieses Jahr nun, als ich zusammen mit S. das
Programm durchforstete, fühlten wir beide einen gewissen Übermut, uns wieder
einmal konzeptkünstlerisch die Kante zu geben, und stiessen auf eine
Performance, die folgendermassen angekündigt wurde: „Florentina Holzinger und
Vincent Riebeek loten in Kein Applaus fürScheisse unerbittlich die Grenzen dessen aus, was auf der Bühne möglich
ist.“
Das tönt doch vielversprechend, sagten wir uns, und buchten
gleich einen ganzen Abend am Festival. Nach der Lügendetektor-Performance As It Is, von der noch zu reden sein
wird, stiegen wir zum Bollwerk hoch, während sich der Himmel über der Stadt,
passend zum apokalyptischen Spektakel, das uns erwartete, dunkelschwarz färbte.
Die ersten Tropfen fielen, als das Tor sich öffnete, und als wir in den
Laubengängen des Bollwerks Zuflucht gefunden hatten, prasselte die Sintflut
nieder. Und was sind nun die Grenzen dessen, was auf der Bühne möglich ist? Für
möglich erachtete das Künstlerpaar an diesem Abend unter anderem folgendes:
Vincent Riebeek kotzte eine blaue Flüssigkeit auf seine Partnerin, pinkelte auf
sie und zog ihr mit dem Mund einen Bindfaden aus der Vagina. Dazwischen zeigte
Flo Holzinger hochstehende Akrobatik am Vertikaltuch, feuerte eine
Paintball-Gun ab, und die beiden sangen reichlich falsch einige Lieder.
Dazu zwei Bemerkungen. Zum einen ist es faszinierend, wie
die simpelste Provokation auch im Jahr 2012 noch narrensicher funktioniert. Ich
konnte mir jedenfalls bisher nichts vorstellen, was den Blick am Abend dazu hätte bringen können, über das
Belluard-Festival zu berichten. Jetzt weiss ich: Einmal Kotzen reicht, um in
der Zeitung zu kommen – die genau dann den Ernst und den Anstand raushängt, um
die sie sich das übrige Jahr weitgehend foutiert. Und zum zweiten: Wenn uns
passagenweise nur der Dauerregen davon abgehalten hat, das Bollwerk zu
verlassen, dann lag das weniger am Schock als vielmehr an der Langeweile. Über
weite Strecken war das Spektakel einfach nur langfädig und öde. Und vielleicht
liegt hier der Schlüssel zum Verständnis: Vielleicht war der eigentliche Inhalt
von Kein Applaus für Scheisse die
Reaktion, die das Gesehene bei den Zuschauern auslöste. Holzinger und Riebeek
haben ohne Rücksicht auf eigene Verluste beim Publikum Verwunderung, Staunen,
Ekel, Entsetzen und eben Langeweile produziert. Und wir waren die ganze Zeit
auf einer Meta-Ebene mit der Analyse unserer Emotionen beschäftigt – und haben
dabei unbewusst gespürt, worauf es beim Theater wirklich ankommt: nicht auf
das, was auf der Bühne, sondern auf das, was in unseren Köpfen passiert.
Technisches: Das Belluard Bollwerk International 2012 ist natürlich längst Geschichte; nächstes Jahr geht es um die gleiche Zeit weiter. Florentina Holzinger und Vincent Riebeek sind mit dieser und anderen Performances regelmässige Gäste an Festivals in ganz Europa.
Freitag, 27. Juli 2012
Kein Applaus für Scheisse
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Phemios
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Montag, 9. Juli 2012
Der Spion, der sich liebte
Ein Geständnis: Im Hause Phemios greift man zur Entspannung
nach einem intensiven Tag oder zum gemütlichen Ausklingenlassen eines
Ferienabends gerne mal zu einem amüsanten, meist nicht sehr tiefgängigen Film.
Eine kleine, repräsentative Kollektion komischer DVDs steht dazu im Regal und
wird gelegentlich aus den Wühltischen des Elektronikfachhandels weiter
alimentiert. Die Leserschaft wird mir nachsehen, dass solcherlei Kulturgenuss
eher selten seinen Niederschlag in den Blogspalten findet: In der Regel gibt es
kaum etwas darüber zu sagen, Hauptziel sind schlicht eineinhalb Stunden
Vergnügen.
Auch dieser Artikel dürfte nicht übermässig lang werden. Sein
Interesse liegt vor allem am Hauptdarsteller: Jean Dujardin. Einem breiten
Publikum ist er vor wenigen Monaten bekannt geworden als Oscar-Gewinner für
seine Rolle im Stummfilm The Artist,
für die er bereits praktisch alle anderen relevanten Schauspieler-Preisen
eingeheimst hatte. Vor dem plötzlichen internationalen Durchbruch war Dujardin
allerdings in Frankreich bereits eine feste Grösse im komischen Fach, berühmt
unter anderem für seinen Part in der Paar-Episoden-Serie Un gars, une fille und seine Verkörperung des blondmähnigen Surfers
Brice de Nice. Da und anderswo war
seine Paraderolle diejenige des grenzdebilen Dauergrinsers, den er leicht, frisch
und absolut ungeniert auf die Leinwand brachte.
Die genau gleiche Rolle spielt Jean Dujardin auch in der
Spionageparodie OSS 117. Aus Wikipedia erfahre ich soeben, dass die
literarische Vorlage dazu eine Romanserie von Jean Bruce war, einem Zeitgenossen
von Ian Fleming und diesem offenbar nicht unähnlich, wenn auch sein Ausstoss
(und später derjenige seiner Frau und Kinder) denjenigen des berühmteren
Konkurrenten um ein Vielfaches überstieg. Nach einer Serie von Filmadaptationen
in den sechziger Jahren wurde der Faden von Michel Hazanavicius 2006 mit OSS 117: Le Caire nid d’espions wieder
aufgenommen und ins Parodistische gewendet. Für den aufgeblasenen, schleimigen,
chauvinistischen und reichlich doofen Agenten Hubert Bonisseur de la Bath,
Codename OSS 117, hätte Hazanavicius keinen besseren Darsteller finden können
als Dujardin. Makellos gekleidet und durch keinen Zweifel zu erschüttern
beweist dieser stupende Treffsicherheit auf seiner Mission durch die
Fettnäpfchen des Nahen Ostens.
Freilich kommt die Komödie nicht wirklich zum Fliegen.
Meistens entlockte sie uns nur gerade ein Schmunzeln – zu mühsam entwickelt
sich die Geschichte, zu aneinandergereiht wirken die Gags, zu repetitiv wird
OSS117s überdrehtes Frohlocken. Immerhin sind wir bei einer Szene schier vom
Sofa gerollt vor Lachen: Auf einem Empfang in der britischen Botschaft treffen
sich verschiedene einheimische und fremde Agenten, alle in ihrer Tarnung als
Manager diverser Kleintierzuchtbetriebe, und schlagen sich, nach den
einleitenden Höflichkeiten, mit bedeutungsschwangerem Blick zunehmend
abstrusere Sprichwörter und Redewendungen um die Ohren. Mittendrin: Francois
Damiens (der trottlige Wirt aus Rien à déclarer) als Raymond Pelletier, Direktor der Société Belgo-Egyptienne d'Elevage de Poulet, der von diesem feinen
Netz von Anspielungen überhaupt nichts rafft, aber unverdrossen und mit
Hundeblick seine eigenen Weisheiten ins Gespräch einwirft. Das ist ganz hohe
komödiantische Kunst, meisterhaft geschrieben und ausgeführt. Leider gibts
davon sonst nur ein gelegentliches Aufblitzen zu sehen – zu wenig, um zu
begeistern, gerade genug, um den Film einigermassen über die Distanz zu retten.
Technisches: Auf die
üblichen Distributionskanäle für Filme muss ich wohl nicht mehr hinweisen; dafür
vielleicht auf den überaus gelungenen Titel der deutschen Version: OSS117 – Der
Spion, der sich liebte. Das in Rio spielende Sequel aus dem Jahr 2009 habe ich
noch nicht gesehen.
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Phemios
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