Zum Glück dauert der Vaterschaftsurlaub auf diesem Blog ein
paar Monate und nicht nur eine Woche wie im richtigen Leben: Zeit für
Unmittelbareres als Theater, Packenderes als Bücher, Lehrreicheres als Museen.
Allmählich schaufle ich mir in einem intensiven Stundenplan wieder gelegentlich
einen Moment für mich selber frei. Und habe so Zeit gefunden für eine neue Idee,
die aus der Not eine Tugend macht: Da ich in den nächsten Jahren nicht mehr so
viel und auch nicht mehr gleich in Europa herumkommen werde wie bis anhin, reise
ich stattdessen virtuell. Das Material dafür steht laufmeterweise in den
Regalen hinter mir – all die Führer und Kataloge, denen ich in den Museumsshops
dieser Welt selten widerstehen kann. Wann, wenn nicht jetzt, ist der Zeitpunkt,
in ihren Seiten alte Erinnerungen aufzufrischen und all das zu lernen, das in
der (oftmals leider) Eile des Besuchs übersehen und überlesen wurde?
Eine eher wenig bébétaugliche Destination macht den Anfang
meiner Katalogreisen: Rom. Veteranen des Blogs erinnern sich an meinen
hymnischen Bericht aus der Centrale Montemartini, dem zum archäologischen Museum gewordenen Elektrizitätswerk
im Industriegebiet der Via Ostiense. Allein die Erinnerung macht gute Laune und
motiviert, den stattlichen Katalog zur Hand zu nehmen – der sich als
Glückstreffer erweist: Viel eher als ein Museumskatalog ist das nämlich ein Buch
über die grossen römischen Ausgrabungen vom Ende des 19., Anfang des 20.
Jahrhunderts und ihren museologischen Niederschlag. In die Centrale Montemartini, erfahre ich, sind nicht einfach querbeet ein
paar Statuen aus den Kapitolinischen Museen ausgelagert worden, sondern in
erster Linie die Früchte jener umfangreichen Ausgrabungen, welche die
urbanistischen Umwälzungen des zur Hauptstadt Italiens gewordenen Roms so gut
wie möglich begleiteten. So viel bedeutender Boden wie weltweit niemals sonst
wurde da in kurzer Zeit umgegraben, weite Teile der Stadt innerhalb der Mauern;
darunter insbesondere am Pincio und auf dem Esquilin Gegenden, in denen die
Villen der Reichsten mit ihren weitläufigen Gartenanlagen protzten. Den
künstlerischen Reichtum, der da ans Licht kam, kann man sich ansatzweise
vorstellen; und man muss den Archäologen jener Zeit einen dicken Kranz winden,
dass sie in aller Eile mit unermüdlichem Einsatz wenigstens so viel gerettet
haben, wie möglich war. Auf dem Kapitol waren die schönsten Stücke seinerzeit
nach Gattungen geordnet präsentiert worden. Erst die Neuaufstellung rund um die
Maschinen der Centrale Montemartini hat
die für das Verständnis so eminent wichtigen Fundkomplexe wieder zusammengefügt
– die republikanischen Grabkomplexe im Untergeschoss, das monumentale Zentrum im
Maschinensaal, die horti der
prächtigen Villen im Kesselraum.
Das alles erläutert gelehrt und verständlich der
vorbildliche Führer und präsentiert dazu fast beiläufig die wichtigsten Werke
in Text und schönem Bild. Das Ziel war eindeutig nicht die vollständige
Dokumentation der im Museum versammelten Kunstwerke, sondern waren die grossen
Linien; und mithin ist das Buch für den Katalogreisenden eine ideale,
weiterbildende Lektüre. Ich gestehe verschämt: Diese grossen Linien hatte ich
bei meinem Besuch schlicht übersehen; meine fehlenden Grundlagen in
stadtrömischer Urbanistik taten das Ihrige. Die Versäumnisse sind nachgeholt,
die Lücken gestopft; Gott sei Dank gibt es Museumskataloge…
Technisches: Marina
Bertoletti, Maddalena Cima, Emilia Talamo: Centrale Montemartini. Milano,
Electa 2007. ISBN 978 88 370 4622 4. Der Katalog ist auf Italienisch und
Englisch erhältlich, wir hatten uns standesgemäss für ersteres entschieden.
Sonntag, 16. Juni 2013
Centrale Montemartini (Katalogreisen, Nr. 1)
Eingestellt von
Phemios
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Labels: Archäologie, Kultur, Literatur, Museum
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