Unerwähnt und ungeklärt geblieben ist auf der ersten Etappe der Katalogreisen, weshalb sich bei mir die Kataloge und Führer dermassen
stapeln. Auf die Frage werden wir im Reiseverlauf noch das eine oder andere Mal
im Detail zurückkommen, aber ursprünglichster und edelster Grund ist
zweifellos, dass ich mir als Archäologie-Student eine anständige Handbibliothek
anlegen wollte. Wenn immer ich also das Glück hatte, eines der grossen Häuser
dieser Welt zu besichtigen, war der Besuch im Shop obligatorisch und diente der
Dokumentation des eben Gesehenen. Überdies waren mit den Kameras, die wir
damals hatten, ohne Blitz und Stativ kaum passable Bilder zu erreichen. So
liess ich das Fotografieren bald bleiben, konzentrierte mich aufs Sehen und
nahm das Bildmaterial in gedruckter Form nach Hause.
Case in point: die kapitolinischen Museen in Rom, eine der Referenzsammlungen für den Studenten
der Klassischen Archäologie (und nach dem Filialmuseum Centrale Montemartini hier die logische nächste Reiseetappe). Ich
gestehe freilich, dass ich das Haus erst gesehen habe, als ich schon gar nicht
mehr Student war, aber der Reflex blieb (und bleibt) der gleiche. Der erneute
Griff zum Katalog zehn Jahre später macht allerdings auch gleich zwei Nachteile
des Unterfangens Katalogreisen deutlich. Der erste ist die Übersetzung. Wenn
auch der Katalog des Kapitols nicht mit jenen traurig bekannten, stilblütenreichen
deutschen Versionen italienischer Touristenführer zu vergleichen ist, hätte man
sich doch häufig gewünscht, die Übersetzerin würde vom komplexen,
verschnörkelten Stil des Originals ein paar Ecken abschneiden. Es ist alles
richtig, aber vieles etwas schwerfällig. (Und im Nachhinein erscheint es mir
als glückliche Fügung, dass ich in der Centrale
Montemartini direkt die italienische Version gekauft hatte.)
Gewichtiger, aber zugleich fast unvermeidlich, ist der
zweite Nachteil: Ein Museumskatalog, der seinem Namen Ehre macht, kann keine
besonders spannende Lektüre sein. Die detaillierte, fachlich korrekte und
deshalb notwendigerweise trockene Beschreibung aller (oder doch der
wesentlichsten) Stücke des Hauses mit all ihren technischen Details reisst
niemanden wirklich vom Hocker. Ein solcher Katalog hat seinen eigentlichen Platz
folgerichtig nicht auf dem Tischchen neben dem Lesesessel, sondern eben in der
erwähnten Referenzbibliothek, wo er bei konkreten Fragen konsultiert wird.
Entsprechend habe ich im Katalog der kapitolinischen Museen die
Objektbeschreibungen nur kursiv gelesen, die Abfolge der unzähligen Umbauten
und Neueinrichtungen zügig überflogen. Ungemein lehrreich war es jedoch, die Rolle
des Kapitols in der Geschichte der Stadt Rom dargelegt zu bekommen. Auf die
zentrale Funktion des Hügels als heilige Akropolis der Urbs und des gesamten Römischen
Reichs griffen im Mittelalter die Römer gezielt zurück, als sie die politischen
Einrichtungen ihrer entstehenden Stadtgemeinde ebendort ansiedelten; und so
wurde das Kapitol zum symbolischen Austragungsort der Konflikte zwischen Stadt und
Papst. In diesem Kontext entstand das Kapitolinische als ältestes öffentliches
Museum der Welt, begründet durch die Schenkung der Bronzestatuen aus dem
Lateran durch Sixtus IV. im Jahr 1471 – subtile Demonstration des Anspruchs auf
Kontinuität zwischen Römerreich und Papsttum im Gewand eines grosszügigen Geschenks.
Technisches: Margherita
Albertoni et al., Kapitolinische Museen. Übersetzung Maria Böhmer. Milano,
Electa 2005. ISBN 88 435 7514 7. Leider ist mein Bericht veraltet: Kurz nach
meinem Besuch wurde dieser Führer durch eine Neuauflage ersetzt und ist deshalb
nicht mehr erhältlich.
Sonntag, 21. Juli 2013
Kapitolinische Museen (Katalogreisen, Nr. 2)
Eingestellt von
Phemios
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Labels: Archäologie, Kultur, Literatur, Museum
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