Solange ein Whisky im Fass reift, schwindet er: Durch das
Holz verdunsten alljährlich etwa zwei Prozent des Volumens. „The Angels‘
Share“, den Anteil der Engel, nennt man diesen Verlust, der durch sein
Verschwinden Konzentration und Qualität des Rests erhöht. Whiskyliteratur und
Destillerieführer weisen gerne und mit Augenzwinkern auf dieses wesentliche
Element im Entstehungsprozess hin – und es ist ja auch eine wunderschöne
Geschichte: Sie verdeutlicht den Preis der Reifung, spielt auf die vielen nicht
kontrollierbaren Elemente bei der Entstehung eines guten Whiskys an und hat
einen Anklang von antikem Trankopfer an die Unsterblichen.
The Angels‘ Share
heisst auch der neueste Film von Ken Loach, dem britischen Regisseur, der immer
auf die sozialen Brennpunkte und die entscheidenden historischen Momente
fokussiert. Dass er sich mit etwas Raffiniertem, Luxuriösem wie Malt Whisky
beschäftigt, ist auf den ersten Blick überraschend – und es ist tatsächlich ein
langer Weg, der von den Glasgower Vorstädten in die Destillerien der Highlands führt.
Loach beginnt im Gerichtssaal, wo Kleinkriminelle, Marginalisierte, Sozialfälle
beurteilt werden, meist für Bagatellen, aber keiner das erste Mal. Einen sehen
wir von Nahem an, den arbeitslosen Robbie, tauchen in aller Schonungslosigkeit
ein in sein verpfuschtes Leben, erfahren, wie er im Kokainrausch einen
Unbeteiligten spitalreif geschlagen hat, erfahren von seinem sinnlosen, auf die
Vätergeneration zurückgehenden Krieg mit einem anderen Verlierer, sehen, wie er
von der Familie seiner Freundin Leonie in der Maternité des Spitals vermöbelt
wird. Die Bilder gehen an die Nieren, die Situation ist hoffnungslos.
Angesichts seines neugeborenen Sohnes Luke ist Robbie zwar ernsthaft entschlossen,
sein Leben zu ändern, die schiefe Bahn zu verlassen – aber wie das geschehen
soll, da er von links und rechts unter Feuer steht und in einer Bruchbude bei
einem Kumpel squattet, das ist nicht ersichtlich.
Dann treffen sich Robbie und all die anderen verkrachten
Existenzen unter der Obhut des Sozialarbeiters Harry zur gemeinnützigen
Arbeitsleistung. Harry hat einen gesunden Humor und ein riesiges Herz; ein
guter Mensch, wenn es je einen gab. Das eine fügt sich zum anderen, und ehe er
sichs versieht, hat Harry Robbie in seine Whisky-Leidenschaft initiiert. Es
zeigt sich, dass der junge Mann eine aussergewöhnlich feine Nase hat, und zudem
die Worte findet, um präzis zu beschreiben, was er riecht. Auf den
Whisky-Events, die er mit Harry besucht, fällt er auf – und kommt an eine
wertvolle Information: In der Destillerie Balblair soll in Bälde ein kürzlich
wieder aufgefundenes Fass von einem über dreissigjährigen Whisky versteigert
werden. Der Whisky-Meister Rory McAllister spricht verschwörerisch vom besten Trunk,
den er je verkostet hat, und schätzt, dass die Auktion einen hohen
sechsstelligen Betrag einbringen wird.
Mit so viel Geld wäre Robbie nicht nur seine dringendsten Sorgen
los, sondern könnte mit Leonie und Luke neu starten. Also entwickelt er einen ingeniösen
Plan, von diesem kostbaren Fass heimlich ein paar Flaschen abzuzapfen. Mit drei
Kumpels stürzt er sich in einen Kilt und trampt in den Norden, wo sich ein
Slapstick-Roadmovie erster Güte entwickelt. Wie die vier Helden von der
traurigen Gestalt ihren Plan ausführen, wo sie brillieren und worüber sie
stolpern, wird hier selbstverständlich nicht verraten. Nur soviel: Bis wenige
Minuten vor Schluss war mir absolut unvorstellbar, wie Regisseur Ken Loach
diese haarsträubende Geschichte abschliessend wieder ins Lot bringen würde. Er
hat es meisterhaft geschafft, billige Lösungen und Kitsch zu vermeiden und ein
Finale zu präsentieren, das Hand und Fuss hat und auch richtig ist. Dazu musste
er einiges an schrägem Personal aufbieten und über mehrere Ecken denken; auch
der Anteil der Engel spielt eine Rolle (mindestens das Konzept). Herausgekommen
ist eine Gangster-Tragikomödie, bald abgrundtief trist, bald herzlich lustig,
von Flüchen und Kraftausdrücken durchsetzt, erdig und luftig wie ein guter
Whisky.
Technisches: The Angels‘ Share startet am 29.11.2012 in den
Deutschschweizer Kinos.
Donnerstag, 29. November 2012
The Angels' Share
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Sonntag, 25. November 2012
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben?
Mancher Castingdirektor könnte die Altdorfer
Tellspielgesellschaft beneiden, die ohne weit zu suchen eine solche Anzahl von
Charakterköpfen zusammenbringt. Einer nach dem anderen kommen sie aus dem
Dunkel an den Bühnenrand des Tellspielhauses, langsamen Schrittes, mit offenem
Gesicht, den ernsten Blick ruhig und gerade ins Publikum gerichtet. Dann treten
sie zur Seite, an eine der beiden rostigen, leicht gekrümmten Stahlwände, die
das ganze Bühnenbild ausmachen; und zum Klang der brutalen, rhythmischen
Schläge auf den kalten Stahl krümmen sich die freien Urner, stolpern, schleppen
sich mühsam weiter, in Unterdrückung und Knechtschaft.
Dass es in Schillers Wilhelm
Tell darum geht, wie sich brutal unterdrückte Menschen mit entschlossenem Einsatz
von ihrem Diktator befreien, wissen wir. Wie
das geht, zeigt Volker Hesse in seinem zweiten Gastspiel als Regisseur der
Tellspiele in aller Deutlichkeit. Bereits vor vier Jahren sahen wir in Altdorf
einen schonungslosen, von romantischer Verklärung weitgehend befreiten Tell. Lag Hesses Augenmerk damals auf
den Strategien für den Weg zur Freiheit, so rückte er dieses Jahr die Willkür
der Schreckensherrschaft ins Zentrum. Jede Hoffnung wird brutal unterdrückt;
der grundlose Zorn der Junta verschont auch nicht die Alten und Schwachen.
Aussichtslos erscheint jeglicher Widerstand, und teuer wird er erkauft. Wer
beim Wort „Revolution“ an Freiheitsfahnen und freudentrunkene Siegesfeiern
denkt, vergisst darüber allzu leicht die Toten, die Verstümmelten, die
Gefolterten und ihre Angehörigen. Hesse rückt sie in den Mittelpunkt, gibt
ihrem Leid grossen Raum und vergisst sie auch nicht, als ihr Unterdrücker tot
und seine Schergen gefangen sind: Im wilden Taumel der Schlussszene teilt sich die
Bühne. Während links zum lüpfigen Trommelklang getanzt und gefeiert wird,
sammeln sich rechts all jene, deren Liebste die Freiheit mit Leben und Blut
bezahlt haben. Ihr Weinen und ihre Trauer mischen sich in die Freudenlieder,
und in dieser Dissonanz, dieser Ambivalenz von Triumph und Verzweiflung,
begrüssen die Freien ihre Freiheit.
Gesprochen wird dabei wenig, und das ist gut so. Denn die
grösste Gefahr bei Schiller besteht darin, sich von der Anmut der Sprache zu
sehr mitreissen zu lassen. Schöneres Deutsch ist nie geschrieben worden; jeder
Satz verdiente es, in Marmor gehauen zu werden. Allzu leicht gerät der
empfindsame Zuschauer dabei ins Schwärmen, lässt sich ablenken vom Inhalt oder
sieht diesen im perfekten sprachlichen Kleid zu einem ewiggültigen Schönen,
Wahren, Guten erstarren. Volker Hesse war sich dieser Gefahr offensichtlich bewusst.
Er hat Schillers Tell radikal zusammengestrichen, arbeitete stark mit Bewegungen, tänzerischen Elementen,
ausführlichen und mitreissenden Choreografien und mit einfachen Rhythmen und
Klängen. Und wenn auf der Bühne dann dennoch gesprochen wurde, brachte das
kernige Urner Hochdeutsch gerade so viel Verfremdungseffekt mit, dass hinter
der schönen Form der Inhalt immer durchschien.
Technisches: Die
Altdorfer Tellspiele 2012 sind längst Geschichte, dieser Artikel ist nicht mehr
als eine nachträgliche Hommage an ein grossartiges Stück Theater.
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Phemios
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Freitag, 16. November 2012
Skyfall
Während der Diskussion in der Pause von Skyfall fiel es uns auf: Die früheren James-Bond-Filme (und damit
meine ich mit wenigen Ausnahmen alles von Connery bis Brosnan) machten nie so
richtig Angst. Ich weiss schon, dass jede Epoche ihre spezifischen Bedrohungen
hat, und dass das Wedeln mit Atomraketen in den Eingeweiden eines Zuschauers in
den Sechzigern wohl anderes ausgelöst hat, als es bei uns heutigen auslöst – aber
trotzdem: Die Bösewichte, ihre Pläne und ihre Hauptquartiere waren in der Regel
überdreht-irreal, James Bond dachte beim Begriff „Bodycount“ in erster Linie an
weibliche Körper und konzentrierte
sich darüber hinaus hauptsächlich darauf, seinen Sarkasmus möglichst träf an
den Mann zu bringen. Mit zwei knallharten Fäusten und einer Tasche voll Gadgets
die Welt zu retten, war immer eine (lösbare) Nebenaufgabe, zu deren Bewältigung
gelegentlich auch ziemlich clowneske Stunts eingesetzt werden konnten. Kaum
überraschend, dass die Plots eines Grossteils dieser Filme schon fast
schematisch aufgebaut sind, von der actiongeladenen Eröffnungssequenz über
Briefing und Ausstattung durch M und Q, rituelle Kontaktaufnahme mit dem
Bösewicht (oder seiner Freundin) bis zur Gefangennahme und zum Showdown in
einem möglichst spektakulären Ambiente: alles ein überlanger, hochamüsanter Running Gag. Wiedersehen macht Freude,
und darin liegt ein Grund für den Erfolg der Bond-Reihe.
Mit Daniel Craig wurde vieles anders. Nachdem die alte
Formel in Pierce Brosnans letztem Film, Die Another Day, der an seiner eigenen Absurdität fast erstickte, wieder mal
krachend an die Wand gefahren wurde, scheinen sich die Bond-Macher besonnen zu
haben. Der neue Bond sollte mehr als ein Abziehbild sein; er sollte einen
Charakter bekommen, zweifeln und sich irren dürfen – und sich entwickeln, vom
jungen, ungestümen, kantigen Agenten zu einer Persönlichkeit. Das war ein
gewisses Risiko, denn die bedingungslosen Adepten der alten Formel erkennen
ihren Helden in der neuen Version nicht wieder, und zudem ein gewisser Aufwand,
da ein solcher Charakter nicht nach einem Film schon fertig ist. Im dritten
Craig-Bond, Skyfall, scheint das Ziel
erreicht, und zwar auf magistrale Weise. Ich schliesse mich ohne zu zögern jenen
an, die Skyfall zu den besten
Bond-Filmen zählen. Die Geschichte entwickelt sich dunkel und bedrohlich, aber
ohne die gehetzten Übergänge von Quantum of Solace. Javier Bardem ist als Bösewicht Silva intelligent, gnadenlos,
eine Spur lächerlich und auf fast klassische Weise tragisch. Bond agiert nach
einer Auszeit von ein paar Monaten (wegen Todes) in der ganzen ersten Hälfte
des Films verzweifelt an seinen körperlichen Limiten; sowohl er als auch seine
Vorgesetzte M (Dame Judi Dench) sind in diesen Film als Persönlichkeiten mit
einem guten Teil ihrer Lebensgeschichte involviert. Das epische, düstere Finale
im Nebel der schottischen Highlands ist trotz augenzwinkernder Anleihen beim
A-Team eine ernsthafte, apokalyptische Angelegenheit. Missglückt ist einzig die
Erklärung für Silvas um sieben Ecken herumdenkende Attacke: Sich als Polizist zu
verkleiden und in den Raum einzudringen, in dem er seine Rache vollbringen
will, wäre doch auch möglich gewesen, ohne dass er davor Bond um die ganze Welt
herum auf seine Spur gebracht hätte. Und warum man in sämtlichen mir bekannten
Filmen einen Hacker nie vor einer Kommandozeile, sondern immer nur vor
elaborierten grafischen Animationen sieht, soll mir auch mal einer erklären…
Wer in all dem den klassischen Bond zu vermissen befürchtet,
sei beruhigt: Die Actionsequenzen (besonders im Vorspann) sind auf der Höhe der
Kunst, die Bond-Girls, wiewohl reine Nebenfiguren, bleiben atemberaubend, das
Casino von Macao ist absolut splendid, und Bonds sarkastische Kommentare fehlen
nicht, sind einzig eine Spur grimmiger. Höchste Kunst stellen – wie immer seit Casino Royale – die Dialoge dar, schneidende
Wortgefechte im Kammerspiel-Setting. Der rekordverdächtige kommerzielle Erfolg
des Films ist hoffentlich Garant dafür, dass die nächste Ausgabe in ähnlichem
Stil daherkommen wird
Technisches: Skyfall
läuft in gefühlt der Hälfte aller Kinos der Schweiz. Es versteht sich von
selbst, dass nur Banausen die synchronisierte Version anschauen; wo immer ein
anachronistischer Kinobetreiber auf die Originalversion setzt, sollte er mit grossem Zuspruch
entschädigt werden.
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Sonntag, 11. November 2012
In Marmor gehauen
Von Tinos-Stadt fuhren wir auf die neue Umfahrungsstrasse
hinauf, liessen die Wallfahrtskirche der Panagia links liegen, schlängelten uns
in waghalsigen Serpentinen die steilen Hügel hinan, fuhren auf einer
wunderbaren Strasse mit Panoramablick auf Syros gegen Nordwesten, überquerten
einen letzten hohen Pass und parkierten am Dorfeingang von Pyrgos. Über
marmorgepflästerte Wege, vorbei an schmucken Fassaden, erreichten wir die von
einer enormen Platane beschattete Platia, stiegen am Brunnenhaus vorbei hoch, gelangten
am Dorfrand zum Friedhof, einer regelrechten Freilichtausstellung des lokalen
Marmorhandwerks, und kamen gleich dahinter bei einem modernen Gebäudekomplex
aus Bruchsteinen und Sichtbeton an, dem Museum für Marmortechnik. Die
Kulturstiftung der Piräusbank hat in den letzten Jahren über ganz Griechenland
verteilt ein preisgekröntes Netzwerk von Museen geschaffen, die landwirtschaftliche
Kultur, traditionelles Handwerk und industrielle Entwicklung dokumentieren. So steht
in Volos das Ziegeleimuseum Tsalapatas, und auf Chios wird eines über den
Mastix eingerichtet. Das Museum, das sich mit Abbau und Kunsthandwerk des Marmors
befasst, ist nicht ganz zufällig auf der Kykladeninsel Tinos gelandet: Sie ist
eines der Zentren der Marmorverarbeitung, und das Dorf Pyrgos mit seiner
Kunstgewerbeschule, seinen Marmorwerkstätten und seinen Künstlern ist unbestrittener
Leuchtturm des Handwerks.
Wer die durchschnittlichen archäologischen Provinzmuseen in
Griechenland kennt, jene gefängnisgleichen Betonbauten, wo vor abblätterndem
hellblauem Putz ein paar Vasen und Statuen aufgereiht stehen, im Idealfall
knapp beschrieben auf winzigen, maschinengetippten Kärtchen, wenn dieselben
nicht schon den Gesetzen der Schwerkraft gefolgt sind und irgendwo unten in der
Vitrine liegen; wer also mit dem Stand der Museologie in Griechenland vertraut
ist, wird im Marmormuseum ausgesprochen positiv überrascht. Dieses Haus erfüllt
mit Bravour die diffizile Hauptaufgabe eines Museums, dem Besucher in überblickbarer
Zeit (wir waren kaum eine Stunde dort) wesentliches Wissen begreiflich zu
machen. Im Zentrum stehen zwei grosse Dioramen: ein Steinbruch und eine
Bildhauerwerkstatt. Der Blick gleitet über anstehenden Fels und Marmorblöcke,
über Werkzeuge und Hilfsmittel; das Verständnis beginnt, sich Bahn zu schaffen,
wird dann unterstützt und ergänzt durch Fotos, Videos und knappe, aber präzise
Erklärungen. Die Objekte sind mit Bedacht ausgewählt und nicht selten
spektakulär wie der Schwenkkran auf dem Vorplatz oder die Detailpläne für reich
dekorierte marmorne Ikonostasen. Industrielle und kleinhandwerkliche
Marmorförderung werden gegenübergestellt; Archivmaterial macht Familientraditionen und die
Organisation des Kunsthandwerks verstehbar, und auch die typischen tiniotischen
Oblichter fehlen nicht.
In dieses Haus sind sichtbar viel Geld, Wissen und
Aufmerksamkeit geflossen, und der Aufwand hat sich gelohnt. Gereicht hat es
zudem für einen ausführlichen, aber dennoch handlichen Museumsführer, der einem
die Lektion zuhause nochmals in Ruhe durchlesen lässt. Für zukünftige Ausflüge
in Griechenland empfiehlt sich auf jeden Fall der Blick auf die Museumskarte
der Piräusbank.
Technisches: Tinos
erreicht man täglich mit Fähren von Piräus und Rafina aus, wobei man Wochenenden
und Marienfeste wegen der Pilgermassen besser meidet. Von Tinos-Stadt aus
gelangt man mit dem Bus (wenige Verbindungen täglich) oder mit dem Mietauto wie
im Artikel beschrieben in den Inselnorden. Pyrgos lohnt auch wegen seiner
schönen Gässlein und seiner anderen Museen den Besuch. Zum Mittagessen empfiehlt sich ein Abstecher ans Meer hinunter in den Fischerhafen Ormos Panormou.
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Phemios
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Labels: Architektur, Hellas, Kultur, Museum