Der traditionelle Jahresendpost wird 2013 zu einer Art
Abgesang. Was ich vor genau einem Jahr an dieser Stelle unheilschwanger
angedeutet hatte, bewahrheitete sich vollumfänglich: Mein Leben wurde vor zehn
Monaten auf den Kopf gestellt (oder, vielleicht präziser, vom Kopf auf die
Füsse); Zeit für mich selbst ist seither eine Rarität. Erste Priorität zu allen
Zeiten und in allen Situationen hat die Sorge um das kleine Wesen, das mir
anvertraut ist; und wenn zwischendurch ein paar Minuten übrig bleiben, rufen
Waschmaschine und Staubsauger. Gewiss komme ich gelegentlich zum Lesen, alle
paar Monate sogar zum Theaterbesuch. Aber die Zeit und die Energie, diese
Erlebnisse zu ordnen und in Ruhe niederzuschreiben, bringe ich gegenwärtig
nicht mehr auf.
Also mach ich hier mal die Türen zu. Die Läden bleiben natürlich
offen, das Blog zum Schmökern zugänglich, solange Google mich lässt. Und wenn
mich zwischendurch die Schreiblust überraschen sollte, ist es gut zu wissen,
dass der Schlüssel steckt und ich jederzeit wieder loslegen könnte. Für heute: bonne année et bon vent!
Dienstag, 31. Dezember 2013
Ade nun zur guten Nacht
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Labels: Umbilicoscopica
Freitag, 27. September 2013
Ara Pacis (Katalogreisen, Nr. 4)
Es gibt Museumskataloge, zu deren Lektüre nicht einmal eine Katalogreise motivieren kann. Auf dem römischen Regal bleiben vorläufig ungelesen: die beiden schmalen Bändchen zum Forum Romanum und zum Kolosseum, die eigentlich in die Kategorie Reiseführer gehören; der Führer durch die Domus Aurea, weil ich diese zunächst überhaupt mal besichtigen möchte; und der Katalog des grossartigen Palazzo Massimo alle Terme, der mir jetzt einfach zu gewichtig, zu katalogig ist (und den ich seinerzeit, meinem Italienischen zu wenig vertrauend, auf Englisch gekauft hatte).
Eine Station müssen wir aber unbedingt noch machen in Rom, bevor wir nordwärts weiterreisen, einen Katalog lesen, ein Monument besichtigen: die Ara Pacis Augustae. Jeder Studierende der Klassischen Archäologie hat dieses Denkmal und seine Reliefs vorwärts und rückwärts durchgearbeitet. Allen anderen sei einleitend erklärt, dass es sich um einen Altar handelt, den der Senat 13 v.Chr. zu Ehren des Augustus errichten liess; und weil „Altar“ jetzt nicht gerade umwerfend tönt, sei sogleich präzisiert, dass das Wesentliche an der Ara Pacis ihre Umfriedung ist, eine Art monumentaler rechteckiger Paravent aus Marmor mit reicher Reliefdekoration. Es gibt wenige antike Monumente, die ideologisch, historisch und künstlerisch derart aufgeladen sind wie die Ara Pacis. Anlass für ihre Weihung war Augustus‘ Rückkehr von einer dreijährigen Kampagne nördlich der Alpen, wo er in Iberien, Gallien, der heutigen Schweiz und an der Donau zum Rechten sah und aus Sicht Roms die Periode des augusteischen Friedens einleitete. Die imperiale Propaganda verbreitete das Bild von Augustus als Befrieder des Reiches mittels offizieller Kunstwerke bis in dessen entfernteste Winkel, und Initialzündung und Ausgangspunkt dieser Propaganda war eben der Altar, der dieser Pax Augusta geweiht wurde. Der Botschaft und dem Geehrten angemessen gehören die Reliefs der Umfriedung zu den besten Stücken der römischen Kunst: Im unteren Register ranken sich Akanthus, Palmetten und Blüten; Eidechsen und Skorpione huschen durch das lebendige Grün. Darüber stehen römische Gründungsmythologie und göttliche Symbolik, und über die beiden Schmalseiten schreitet gewichtig eine Prozession (zum Altar hin, mag man sich denken), in der die höchsten geistlichen und weltlichen Würdenträger Roms erkennbar sind (und unter denen die erwähnten Studierenden jeweils auch noch die Grossneffen dritten Grades von Augustus zu identifizieren haben).
Zur künstlerischen Qualität und zum ideologischen Gewicht kommt die bewegte Fundgeschichte der Ara Pacis. Im sechzehnten Jahrhundert tauchten erste Fragmente auf dem Kunstmarkt auf, gelangten in bedeutende Sammlungen. Da der Altar jedoch unter den Fundamenten eines Palazzo lag, waren systematische Ausgrabungen schwierig, bis es einigen Haudegen der 1930er Jahre gelang, 600 Kubikmeter Untergrund einzufrieren, um die Reste der Ara Pacis gefahrlos unter dem Palast herauszuholen. Auftraggeber der archäologischen Kommandoaktion war ein alter Bekannter, Benito Mussolini, der seine eigenen imperialen Ansprüche regelmässig durch ausführliche Rückgriffe auf die Antike ideologisch untermauerte. Zur Zweitausendjahrfeier von Augustus‘ Geburt 1937 wollte der Duce die Ara Pacis rekonstruiert haben, was in einem in aller Eile errichteten Pavillon am Tiberufer auch tatsächlich gelang. Das Providurium musste erst vor wenigen Jahren einem Neubau weichen, einem beeindruckenden Monument von Richard Meier (darunter macht mans nicht), das jetzt den Altar und seinen Kontext mustergültig präsentiert.
Glücklich der Archäologe, der zu einem solchen Denkmal den Katalog schreiben darf! Das Material ist überschaubar genug, dass man bei der Beschreibung ins Detail und daneben in die Breite und Tiefe gehen, Bau- und Grabungsgeschichte rekonstruieren, Verwandtes und Ergänzendes referieren kann. Orietta Rossini hat sich für den offiziellen Führer der Aufgabe gewachsen gezeigt. Ihr Buch, eher eine Monografie denn ein Katalog zu nennen, überzeugt durch seine Systematik, den gelehrten, verständlichen Text, die Auswahl verwandter Themen, zu denen ein Kurzabriss von Augustus‘ Rechenschaftsbericht Res Gestae gehört, und durch die opulente, präzise und detailgetreue Bebilderung. Die endlosen Hypothesen darüber, welche Verwandten von Augustus wo genau in der Prozession dargestellt sind, kann der Nicht-Archäologe ja grosszügig überfliegen. So liest sich das gewichtige, fast furchteinflössende Werk erstaunlich leicht und vergnüglich, und beschwingt verabschieden wir uns vom imperialen Rom heimwärts.
Technisches: Orietta Rossini, Ara Pacis. Milano, Einaudi 22007. ISBN 978 88 370 5367 3. Beim Stöbern in meiner Bibliothek fiel mir ein Vorvorgänger dieses neuen Katalogs in die Hände, Die Ara Pacis Augustae von Giuseppe Moretti (Deutsch von Ernst Hohenemser) von 1938 aus der Reihe der Führer durch die Museen und Kunstdenkmäler Italiens. Das kleine Heftchen bot eine angenehme Zusammenfassung zum Abrunden, ist jedoch vor allem wegen zweier Kuriositäten erwähnenswert: wegen der Preisetikette von 250 Lire und wegen des Datums auf dem Titelblatt: A. XVII E.F. – ja genau, im Jahre 17 der faschistischen Ära.
Die anderen erwähnten Führer: Paola Guidobaldi, Il Foro Romano. Milano, Electa 22004. ISBN 88 435 6333 5. Letizia Abbondanza, Le Colisé. Traduction de Jérôme Nicolas. Milano, Electa 22005. ISBN 88 435 8226 7. Elisabetta Segala, Ida Sciortino, Domus Aurea. Traduction de Jérôme Nicolas. Milano, Electa 22005. ISBN 88 370 4107 1. Adriano La Regina (ed.), Museo Nazional Romano, Palazzo Massimo alle Terme. English Edition. Milano, Electa 1998. ISBN 88 435 6584 2.
Eingestellt von
Phemios
1 Kommentare
Labels: Archäologie, Architektur, Kultur, Literatur, Museum
Sonntag, 4. August 2013
Villa Adriana (Katalogreisen, Nr. 3)
Die Katalogreisegruppe verlässt Rom mit der Metrolinie B,
wechselt in Ponte Mammolo in den Bus Richtung Tivoli, fährt durch ärmliche
Banlieue ostwärts, steigt rechtzeitig vor dem Anstieg nach Tivoli aus, irrt ein
wenig durch ein Mittelklass-Wohnviertel und langt endlich glücklich bei der
Villa Adriana an. Während der langen, intensiven Besichtigung kommt ein Diktum
von Moses I. Finley (Die antike Wirtschaft, p. 118) in den Sinn: Auch sehr
reiche Römer konnten „keinem Vergleich mit den Kaisern selbst standhalten, deren
Ansammlung von Grundeigentum … insgesamt eine Grösse erreichte, die unsere
Vorstellungskraft, wären uns die Zahlen bekannt, übersteigen würde.“ Die Villa
Adriana, Herrschaftssitz des Kaisers Hadrian, auf dem Land gegen die Albaner
Berge angelegt, sprengt alle Dimensionen und entzieht sich allen Vergleichen:
imperiale Residenz und World Miniature
gleichermassen, in freier, fast chaotischer Anordnung in die natürlichen Hügel
und Senkungen eingepasst, die gesamte römische Architektur zitierend und
gleichzeitig nach Belieben innovativ, Arbeits- und Wohnort Hunderter von
Menschen.
Wer an einem heissen Herbsttag stundenlang durch die
hektarweise sich ausdehnenden Ruinen wandert, mit Hilfe des abgegebenen Plans
sich einen Reim auf die Architektur zu machen sucht, vor der Fülle von
Material, Details und Information jedoch zwangsläufig kapitulieren muss, besucht
beim Ausgang gerne den Shop: Das Gefühl, der grossartigen Stätte nicht gerecht
geworden zu sein, verleitet wie von selbst zum Kauf des Ablasses, sprich des
Katalogs, mit dem Ziel, die detaillierte Beschreibung der Villa mindestens durch
Besitz sich zu eigen zu machen. Eher unwahrscheinlich ist der Idealfall,
dieselbe sogar nachzulesen, und ohne meinen Katalogreisenvorsatz hätte auch ich
es wohl bleiben lassen. Das wäre schade gewesen: Das schmale, handliche Buch vermittelt
effizient ein gutes Verständnis der antiken Stätte. Es liefert die notwendigen
biografischen Hintergründe zum Bau- und Hausherrn, skizziert die grossen Linien
des architektonischen Projekts, seine Geschichte und Umsetzung, und beschreibt
dann knapp, aber mit dem gebotenen Detail alle Gebäude, Höfe und Plätze und
versucht eine Interpretation ihrer Funktion. Die Lektüre dauert wenig länger
als eine ausführliche Besichtigung der Villa Adriana und ruft dem
Katalogreisenden die schon verblassten Eindrücke seines Besuches wieder
schlüssig ins Gedächtnis. Kritisch zu bewerten ist einzig (gerade im Vergleich mit
den grossartigen Katalogen der Centrale Montemartini und der Kapitolinischen Museen) das Bildmaterial. Gewisse
Illustrationen sind von mittelmässiger Qualität, gewisse Gebäude sind gar nicht
oder nur mit wenig repräsentativen Aufnahmen bebildert. Am schwersten ins
Gewicht fallen die unzulänglichen Pläne: Der Katalog enthält mehrere Karten,
Gesamtansichten und Rekonstruktionen, aber wirklich hilfreich ist nichts von
alledem – ganz besonders nicht das Foto des Modells auf Seite 26, das
seitenverkehrt abgedruckt wurde... Der an sich gute Gesamtplan hätte unbedingt
mit vergrösserten Details ergänzt werden sollen, um eine komfortable Periegese
zu ermöglichen. So wird die Orientierung etwas zum Sport. Wer kombinieren und Karten
lesen kann, erfährt dafür die Befriedigung, sich sein Gesamtbild aus den bescheidenen
Grundlagen selber erarbeiten zu können.
Technisches: Benedetta
Adembri, Villa Adriana. Milano, Mondadori 22008. ISBN 978 88 435 7718 7. Der
Katalog ist ausser in Italienisch auch in Deutsch, Französisch, Englisch und
Spanisch erhältlich.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Labels: Archäologie, Architektur, Kultur, Literatur
Sonntag, 21. Juli 2013
Kapitolinische Museen (Katalogreisen, Nr. 2)
Unerwähnt und ungeklärt geblieben ist auf der ersten Etappe der Katalogreisen, weshalb sich bei mir die Kataloge und Führer dermassen
stapeln. Auf die Frage werden wir im Reiseverlauf noch das eine oder andere Mal
im Detail zurückkommen, aber ursprünglichster und edelster Grund ist
zweifellos, dass ich mir als Archäologie-Student eine anständige Handbibliothek
anlegen wollte. Wenn immer ich also das Glück hatte, eines der grossen Häuser
dieser Welt zu besichtigen, war der Besuch im Shop obligatorisch und diente der
Dokumentation des eben Gesehenen. Überdies waren mit den Kameras, die wir
damals hatten, ohne Blitz und Stativ kaum passable Bilder zu erreichen. So
liess ich das Fotografieren bald bleiben, konzentrierte mich aufs Sehen und
nahm das Bildmaterial in gedruckter Form nach Hause.
Case in point: die kapitolinischen Museen in Rom, eine der Referenzsammlungen für den Studenten
der Klassischen Archäologie (und nach dem Filialmuseum Centrale Montemartini hier die logische nächste Reiseetappe). Ich
gestehe freilich, dass ich das Haus erst gesehen habe, als ich schon gar nicht
mehr Student war, aber der Reflex blieb (und bleibt) der gleiche. Der erneute
Griff zum Katalog zehn Jahre später macht allerdings auch gleich zwei Nachteile
des Unterfangens Katalogreisen deutlich. Der erste ist die Übersetzung. Wenn
auch der Katalog des Kapitols nicht mit jenen traurig bekannten, stilblütenreichen
deutschen Versionen italienischer Touristenführer zu vergleichen ist, hätte man
sich doch häufig gewünscht, die Übersetzerin würde vom komplexen,
verschnörkelten Stil des Originals ein paar Ecken abschneiden. Es ist alles
richtig, aber vieles etwas schwerfällig. (Und im Nachhinein erscheint es mir
als glückliche Fügung, dass ich in der Centrale
Montemartini direkt die italienische Version gekauft hatte.)
Gewichtiger, aber zugleich fast unvermeidlich, ist der
zweite Nachteil: Ein Museumskatalog, der seinem Namen Ehre macht, kann keine
besonders spannende Lektüre sein. Die detaillierte, fachlich korrekte und
deshalb notwendigerweise trockene Beschreibung aller (oder doch der
wesentlichsten) Stücke des Hauses mit all ihren technischen Details reisst
niemanden wirklich vom Hocker. Ein solcher Katalog hat seinen eigentlichen Platz
folgerichtig nicht auf dem Tischchen neben dem Lesesessel, sondern eben in der
erwähnten Referenzbibliothek, wo er bei konkreten Fragen konsultiert wird.
Entsprechend habe ich im Katalog der kapitolinischen Museen die
Objektbeschreibungen nur kursiv gelesen, die Abfolge der unzähligen Umbauten
und Neueinrichtungen zügig überflogen. Ungemein lehrreich war es jedoch, die Rolle
des Kapitols in der Geschichte der Stadt Rom dargelegt zu bekommen. Auf die
zentrale Funktion des Hügels als heilige Akropolis der Urbs und des gesamten Römischen
Reichs griffen im Mittelalter die Römer gezielt zurück, als sie die politischen
Einrichtungen ihrer entstehenden Stadtgemeinde ebendort ansiedelten; und so
wurde das Kapitol zum symbolischen Austragungsort der Konflikte zwischen Stadt und
Papst. In diesem Kontext entstand das Kapitolinische als ältestes öffentliches
Museum der Welt, begründet durch die Schenkung der Bronzestatuen aus dem
Lateran durch Sixtus IV. im Jahr 1471 – subtile Demonstration des Anspruchs auf
Kontinuität zwischen Römerreich und Papsttum im Gewand eines grosszügigen Geschenks.
Technisches: Margherita
Albertoni et al., Kapitolinische Museen. Übersetzung Maria Böhmer. Milano,
Electa 2005. ISBN 88 435 7514 7. Leider ist mein Bericht veraltet: Kurz nach
meinem Besuch wurde dieser Führer durch eine Neuauflage ersetzt und ist deshalb
nicht mehr erhältlich.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Labels: Archäologie, Kultur, Literatur, Museum
Sonntag, 16. Juni 2013
Centrale Montemartini (Katalogreisen, Nr. 1)
Zum Glück dauert der Vaterschaftsurlaub auf diesem Blog ein
paar Monate und nicht nur eine Woche wie im richtigen Leben: Zeit für
Unmittelbareres als Theater, Packenderes als Bücher, Lehrreicheres als Museen.
Allmählich schaufle ich mir in einem intensiven Stundenplan wieder gelegentlich
einen Moment für mich selber frei. Und habe so Zeit gefunden für eine neue Idee,
die aus der Not eine Tugend macht: Da ich in den nächsten Jahren nicht mehr so
viel und auch nicht mehr gleich in Europa herumkommen werde wie bis anhin, reise
ich stattdessen virtuell. Das Material dafür steht laufmeterweise in den
Regalen hinter mir – all die Führer und Kataloge, denen ich in den Museumsshops
dieser Welt selten widerstehen kann. Wann, wenn nicht jetzt, ist der Zeitpunkt,
in ihren Seiten alte Erinnerungen aufzufrischen und all das zu lernen, das in
der (oftmals leider) Eile des Besuchs übersehen und überlesen wurde?
Eine eher wenig bébétaugliche Destination macht den Anfang
meiner Katalogreisen: Rom. Veteranen des Blogs erinnern sich an meinen
hymnischen Bericht aus der Centrale Montemartini, dem zum archäologischen Museum gewordenen Elektrizitätswerk
im Industriegebiet der Via Ostiense. Allein die Erinnerung macht gute Laune und
motiviert, den stattlichen Katalog zur Hand zu nehmen – der sich als
Glückstreffer erweist: Viel eher als ein Museumskatalog ist das nämlich ein Buch
über die grossen römischen Ausgrabungen vom Ende des 19., Anfang des 20.
Jahrhunderts und ihren museologischen Niederschlag. In die Centrale Montemartini, erfahre ich, sind nicht einfach querbeet ein
paar Statuen aus den Kapitolinischen Museen ausgelagert worden, sondern in
erster Linie die Früchte jener umfangreichen Ausgrabungen, welche die
urbanistischen Umwälzungen des zur Hauptstadt Italiens gewordenen Roms so gut
wie möglich begleiteten. So viel bedeutender Boden wie weltweit niemals sonst
wurde da in kurzer Zeit umgegraben, weite Teile der Stadt innerhalb der Mauern;
darunter insbesondere am Pincio und auf dem Esquilin Gegenden, in denen die
Villen der Reichsten mit ihren weitläufigen Gartenanlagen protzten. Den
künstlerischen Reichtum, der da ans Licht kam, kann man sich ansatzweise
vorstellen; und man muss den Archäologen jener Zeit einen dicken Kranz winden,
dass sie in aller Eile mit unermüdlichem Einsatz wenigstens so viel gerettet
haben, wie möglich war. Auf dem Kapitol waren die schönsten Stücke seinerzeit
nach Gattungen geordnet präsentiert worden. Erst die Neuaufstellung rund um die
Maschinen der Centrale Montemartini hat
die für das Verständnis so eminent wichtigen Fundkomplexe wieder zusammengefügt
– die republikanischen Grabkomplexe im Untergeschoss, das monumentale Zentrum im
Maschinensaal, die horti der
prächtigen Villen im Kesselraum.
Das alles erläutert gelehrt und verständlich der
vorbildliche Führer und präsentiert dazu fast beiläufig die wichtigsten Werke
in Text und schönem Bild. Das Ziel war eindeutig nicht die vollständige
Dokumentation der im Museum versammelten Kunstwerke, sondern waren die grossen
Linien; und mithin ist das Buch für den Katalogreisenden eine ideale,
weiterbildende Lektüre. Ich gestehe verschämt: Diese grossen Linien hatte ich
bei meinem Besuch schlicht übersehen; meine fehlenden Grundlagen in
stadtrömischer Urbanistik taten das Ihrige. Die Versäumnisse sind nachgeholt,
die Lücken gestopft; Gott sei Dank gibt es Museumskataloge…
Technisches: Marina
Bertoletti, Maddalena Cima, Emilia Talamo: Centrale Montemartini. Milano,
Electa 2007. ISBN 978 88 370 4622 4. Der Katalog ist auf Italienisch und
Englisch erhältlich, wir hatten uns standesgemäss für ersteres entschieden.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Labels: Archäologie, Kultur, Literatur, Museum
Freitag, 25. Januar 2013
Herzschläge
Am Anfang war die Musik. Das ist sie zwar bei einem
Ballettabend mit Orchester per
definitionem, aber dieses Mal auf spezielle, intensivere Weise. Die
Orchesterballette, die ich bisher am Stadttheater Bern gesehen hatte, waren
Handlungsballette zu einem grossen Stück. Da wird die Musik schnell zur blossen
Begleitung, während sich auf der Bühne eine Geschichte entfaltet, die sehr
unabhängig sein kann. Herzschläge,
der erste Tanzabend der Saision 2012/13, bestand aus drei individuellen
Halbstündern – oder eben präziser: aus drei musikalischen Meilensteinen des 20.
Jahrhunderts. Drei grosse Choreografen präsentierten dazu je ein Stück. Und sie
taten dies nicht, indem sie Geschichten erzählten oder sich in Extravaganzen
verloren. Sie setzten die Musik in Tanz um.
Am deutlichsten tat dies Örjan Andersson. Seine Ansage im
Programmheft war deutlich: „Das übertriebene Bedürfnis, immer nach einer
Bedeutung zu suchen oder nach einer symbolischen Dimension, ist ermüdend.“ Die Symphony Nr. 3 für Streichorchester von
Philip Glass ist ein schlichtes Werk, das viel mit repetitiven Motiven
arbeitet, um daraus und darüber solistische Melodien erblühen zu lassen. Tatsächlich:
Noch nie habe ich ein Ballett gesehen, das so direkt und schnittstellenlos die
Musik in Tanz übersetzte. In einer kontinuierlichen, oft kreisenden Bewegung
verzahnten sich die Tänzerinnen und Tänzer ineinander, gingen räumlich und im
Gestus aneinander vorbei; plötzlich fanden sich zwei zu einer wie zufällig synchronen
Bewegung, bevor sie wieder ihrer Wege gingen, oder einer stach als Einzelmaske
für kurze Zeit heraus. Es war, als hülfe die optische Umsetzung, einer präzisen
Analyse gleich, die Symphonie in ihrer Struktur zu verstehen. Und umgekehrt half
die Musik, den Tanz als zwingende Einheit wahrzunehmen. Eine Entdeckung war
Glass auf jeden Fall für mich.
War Philip Glass‘ Werk aus dem Jahr 1995 überraschend
zugänglich, ist Igor Stravinskys Ballett Agon
etwas vom Sperrigsten, das ich überhaupt je gehört habe. Melodie, Harmonie, Rhythmus
sind keine erkennbar; über weite Strecken werden die Instrumente des riesigen,
im Graben dicht gedrängten Orchesters wie einzelne Tasten einer
überdimensionierten Orgel eingesetzt. Ein hartes Stück Arbeit, so mein
Eindruck. Und wie Stravinsky die Musiker (und die Zuhörer) an ihre Grenzen
trieb, forderte der in Lyon wirkende Kreter Andonis Foniadakis dem wie üblich
hervorragend disponierten Ballettensemble das Letzte ab. Unglaublich physische,
athletische Szenen, wie spektakuläre Stunts auf Sekundenbruchteile getimt,
prägten das Stück. Grossartig war das Bühnenbild: Eine Art Giants‘ Causeway,
zunächst als Pfad über die Bühne, danach als gewaltiger schräger Baldachin.
Zum Schluss dann ein Klassiker, ein Ohrwurm, die grösste
Effekthascherei im Pantheon der klassischen Musik: Ravels Bolero. Ich wusste
gar nicht, dass dies tatsächlich ursprünglich eine Ballettmusik war, von Bronislawa
Nijinska uraufgeführt, später von Maurice Béjart massgebend interpretiert. Wir
sahen die Fassung des holländischen Choreografen Johan Inger aus dem Jahr 2001.
Seltsam, wie sich Reprisen von Uraufführungen unterscheiden: Die Stimmung ist
eine andere, irgendwie schwingt etwas Museales mit, eine grössere Sicherheit,
die auch mal leicht gesetzt wirken kann. Inger führt eine etwas surreale
Liebeskomödie auf, rund um eine Holzwand, die bald gerade, bald schräg, bald im
rechten Winkel auf der Bühne steht, mit rasant sich öffnenden und schliessenden
Türen. Im Gedächtnis bleibt vor allem das Krachen, mit dem die Körper laufend
auf das Holz knallen. Besonders viel, gebe ich zu, habe ich vom Tanz nicht
mitbekommen: Zu gross war die Versuchung, aus der ersten Reihe des zweiten Balkons
immer wieder in den Orchestergraben zu linsen, die Vielfalt der Instrumente zu
bestaunen und die gerade aktiven auszumachen, der Trommlerin bei ihrer feinen
Fleissarbeit zuzuschauen, das allmähliche, langsame Erstarken auch optisch zu
bewundern. Der Bolero riss das Publikum von den Stühlen. Schroff, aber klug
kontrastierte Inger ihn mit Arvo Pärts Klavierstück Für Alina, das leise und zerbrechlich die frustriert aneinander
vorbeiziehenden Figuren begleitete.
Ich habe viel gelernt an diesem Abend, und viel begriffen.
Und ich habe sehend und hörend wenig überlegt und viel genossen, mich über
poetische Momente gefreut und gestaunt. So abgelutscht und unspezifisch er ist,
der Titel Herzschläge trifft das
Programm gut.
Technisches: Ach, zu
spät – die Dernière ist bereits vorüber, der Abend Geschichte. Leider weiss ich
jetzt auch gar nicht, wie ich darauf verlinken soll...
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Dienstag, 15. Januar 2013
Kalter Wind
Ach, Bacci Pagano. Schon auf den ersten Seiten von Kalter Wind in Genua geht der
Privatdetektiv mit der Frau, die er beschattet, nachts um eins in deren Wohnung
hoch, um alsbald unter dem geblümten Samtmorgenmantel ihre festen,
schneeweissen Oberschenkel und ihre vollen Brüste zu erspähen. Und wenige
Seiten später läuft er wie von ungefähr einer ivorischen Prostituierten in die
Arme, der er ohne viel Federlesens Asyl in seiner Wohnung gewährt – gegen
Bezahlung in Naturalien, wie originell. Ich bleibe dabei: Dieses Machogehabe
passt so gar nicht zum eigentlich komplexen und reflektierten Charakter Paganos.
Und wenn der Gute halt um Gottes Willen ein Frauenheld sein muss: Könnten dann
wenigstens einige der ungezählten Objekte seines Interesses so aussehen, als
wären sie nicht direkt dem Playboy entsprungen?
Nachdem meine Fundamentalkritik an der Hauptfigur hiermit
erneuert und präzisiert ist, können wir zum Buch selber vordringen. Und auch
hier bestätige ich: Bruno Morchio schreibt grossartige Krimis, verliert nie den
Überblick über seine Handlungsfäden und webt sie mit meisterhaftem Timing
ineinander. War jedoch Wölfe in Genua
von einer leichten Eleganz durchzogen, die in der raschen, souveränen
Entschlüsselung des Mordes am alten Halunken gipfelte, so ist Kalter Wind in Genua ein roman noir, grimmig und illusionslos. Bacci
Pagano durchschaut alles – und alles misslingt ihm. Die Verbündeten schwächeln,
die Lizenz wird ihm entzogen, die Faschos der Antiterror-Polizei vermöbeln ihn
nach Strich und Faden, und ein alter, berüchtigter Killer, der einem Geist
gleich durch die Stadt schleicht, kontert den sonst so instinktsicheren
Detektiv zweimal wie einen Schuljungen mit leichter Hand aus. Da hilft es Pagano
wenig, dass er die richtigen Spuren verfolgt, die richtigen Schlüsse zieht, die
richtigen Warnungen ausspricht: Terroristen und Mafiosi lachen zuletzt;
gönnerhaft breiten sie ihr postideologisches Weltbild aus, rücken ihre
Verbrechen streng logisch ins beste Licht und geizen nicht mit Spott an den
Rechtschaffenen. Von Trost, selbst symbolischem, keine Spur. Man muss wissen: Kalter Wind spielt im Genua der
Nullerjahre, kurz nach der Polizeibrutalität am G8-Gipfel, in einem zum
Operettenstaat umfunktionierten Italien, wo ehedem progressive Kräfte durch
Egoismus und Inkompetenz einem alternden Selbstdarsteller den roten Teppich
nicht nur ausgebreitet, sondern auch noch staubgesaugt haben. Hoffnung ist da
wahrlich mit der Lupe zu suchen. Morchio deutet sie in winzigen Details an: In ehrlichen
Gesprächen, in aufmerksamer Grosszügigkeit lässt er da und dort die menschliche
Güte aufscheinen. Auch das ist in seiner Diskretion und Behutsamkeit ganz
grosse Kunst.
Technisches: Bruno
Morchio, Kalter Wind in Genua. Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler. Zürich,
Union 2009 (Unionsverlag-Taschenbuch 444, Reihe metro). ISBN 978 3 293 20444 7.
Das italienische Original ist unter dem Titel Bacci Pagano – una storia da carruggi 2004 bei Fratelli Frilli in Genua erschienen.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Sonntag, 6. Januar 2013
Der Triumph der Tugend
Gibt es eigentlich weltweit irgendjemanden, der wegen der
Handlung in die Oper geht? Der die geistreichen Dialoge schätzt, den kunstvoll
konstruierten Plot? Er müsste sich das Objekt seiner Bewunderung jedenfalls mit
einigem Bedacht auswählen. Eine Opera
buffa (beziehungsweise semiseria)
wie Rossinis Cenerentola zum Beispiel
kann zumindest ich beim besten Willen nicht ernst nehmen – trotz des
hochtrabenden Untertitels Der Triumph der
Tugend und entgegen jenen Interpretationen, die darin von der Aufklärung
geprägte, komplexe Figuren ausmachen. Beruhigend, dass ich nicht der einzige zu
sein scheine: Cordula Däuper inszeniert das Aschenbrödel am Stadttheater Bern
mit überbordender Ironie als einen einzigen grossen Klamauk – und muss ihm dazu
nicht einmal gross Gewalt antun. Es reicht, die von Rossini und seinem
Librettisten Ferretti entworfenen Figuren etwas zu überzeichnen, den Säufer von
Vater so richtig besoffen sein zu lassen, der einen Schwester eine Riesenmasche
in die Haare, der anderen einen elefantenbreiten Reifrock um die Hüften zu
montieren, die Verwechslungskomödie zwischen Prinz und Diener mit steiler
Frisur und spitzer Krone etwas zu akzentuieren: Schon ist der frohe Spass
angerichtet. Überaus köstlich war die Ausstattung des Chors der Höflinge als
schmerbäuchige Wichtel. Und den Vogel schoss die Regisseurin ab mit den Übertiteln.
Erst seitdem diese technologische Innovation etabliert ist, wird ja dem
gemeinen Theaterbesucher die Flachheit der Arientexte überhaupt so richtig
anschaulich. Und was tut Däuper? Sie holt die Übertitel gleichsam vom
Katzentisch auf die Bühne, projiziert sie auf eine barock geschwungene
Kartusche – und fasst längere Dialoge oder wiederkehrende Text kurzerhand auf
knappe, handschriftlich notierte Kommentare zusammen. „Immer das gleiche
Gezicke“, steht dann da etwa, oder „er hat Hunger“. Klarer, aber auch verschmitzter
kann man kaum ausdrücken, dass die ganzen hier gesungenen Texte nur mit
ironischer Distanz zu ertragen sind.
Man verstehe mich nicht falsch: Ich insinuiere in keiner
Weise, dass sich das Berner Opernteam über Rossini lustig gemacht hätte. Vielmehr
muss, wer solch gelungenen Klamauk abliefern will, nicht nur sein Handwerk
perfekt beherrschen, sondern seinen Gegenstand sehr ernst nehmen. Das gilt
nicht nur, wie bereits beschrieben, für Regie, Ausstattung und Dramaturgie,
sondern in höchstem Masse auch für das von Srboljub Dinic geleitete Berner
Sinfonieorchester und die Sängerinnen und Sänger. Ich war überrascht, wie
leicht und durchsichtig, passagenweise fast kammermusikalisch, Rossinis Musik interpretiert
wurde. Der Gesang blieb auch in den Fortissimo-Passagen schlank und fein, frei
von Stemmen, Pressen und Starallüren; und die Chorwichtel überzeugten mit
sattem, wohldosiertem Klang. (Die einzigen Abstriche waren höherer Gewalt
geschuldet, nämlich der Erkrankung zweier Solisten, die sich absolut bewundernswert
schlugen, aber die fehlende Spritzigkeit nicht immer vergessen machen konnten.)
Für nur sporadische Opernbesucher wie uns ist La Cenerentola die richtige Wahl: Ein unbeschwerter, lüpfiger und
durchwegs zu geniessender Abend im grossen Haus am Theaterplatz.
Technisches: Das
Aschenbrödel wird am Stadttheater bis Anfang März noch fünfmal aufgeführt;
Karten gibt’s wie immer on- und offline bei Bern:Billett.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Montag, 31. Dezember 2012
So vergeht Jahr um Jahr
Altjahreswoche, etwas Zeit zum Zurückblicken und -denken. Ein reiches Jahr spannt seine letzten Fäden. Ungezählte Erinnerungen werden bleiben als Schatz der kommenden Jahre, einige unübersehbar, andere so gering, dass sie mir erst nach langer Zeit wieder zufällig durch den Kopf schiessen werden. Etwas handfester ist die Zahl, die hier gleich rechts steht: Um 35 Artikel ist Phemios Aoidos dieses Jahr gewachsen, hat dabei seinen fünften Geburtstag gefeiert und (inkognito) die Zweihundertfünfzigermarke überschritten. In reinen Zahlen setzt sich der lange Negativtrend fort. Das wird sich ganz sicher nicht nächstes Jahr ändern, in dem sich der Fokalpunkt meines Lebens und meiner Energie massiv verschieben wird, und in dem radikal neu definiert wird, was wichtig und was dringend ist. Ich entlasse diesen Blog also in eine ungewisse Zukunft. Das Schreiben war mir nie in dem Masse Sauerstoffersatz, als dass ich für künftige hektische Phasen mir daraus Besinnung und Erholung versprechen würde. Zugleich weiss ich: Prognosen sind nicht mein Ding, und das Leben hat an sich, dass es am laufenden Band für Überraschungen sorgt. Darum wünsche ich ganz simpel hier und heute uns allen einen guten Jahreswechsel und ein frohes neues Jahr, offene Augen und Ohren – und reichlich Material, um sie zu füllen.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Labels: Umbilicoscopica
Donnerstag, 27. Dezember 2012
Blaubart
Wer den abendländischen Kanon intus hat, kann getrost
jederzeit ohne spezifische Vorbereitung ins Theater gehen. Alle anderen haben
jeweils zwei Optionen: sich zuvor etwas einlesen, oder es drauf ankommen
lassen. Ich habe zwar auch schon ein ganzes Buch durchgearbeitet, um für einen
Ballettbesuch einigermassen auf dem Laufenden zu sein. In der Woche vor
Weihnachten haben mich jedoch Fest- und andere Vorbereitungen sowie ein Schuss
Abenteuerlust dazu gebracht, mir im Stadttheater Bern Blaubart anzusehen, ohne auch nur einen Blick in die Wikipedia
geworfen zu haben.
Da B. auch nicht ausführlicher belesen war, konnten wir
unbelastet von jeglicher Voreingenommenheit in das Stück eintauchen – und dabei
ein Konzeptkunstwerk entdecken. Die Inszenierung von Max Frischs letztem grossem Prosastück ist gewissermassen das Aushängeschild der ersten gemeinsamen Saison
des Berner Hochkultur-Trägers Konzert
Theater Bern: ein Abend, an dem Schauspiel, Sinfonieorchester, Oper und
Ballett auch auf der Bühne fusionieren wollten. Und so sah das aus: Auf einem
dünnen Vorhang erzählten ineinander gemorphte Schwarzweissbilder rückwärts die
Geschichte eines Autounfalls, und eine surreale Videosequenz zeigte die
Protagonisten in einem an Sisyphos gemahnenden Duell. Dazwischen schälten die
Scheinwerfer einzelne Zimmer eines überdimensionierten, dreistöckigen
Puppenhauses aus dem Dunkel hinter der Leinwand, in denen sich zwischen
Alltagsszenen finstere Auftritte eines Racheengels mischten. Aus dem
Orchestergraben erklang dazu Franz Schrekers Kammersinfonie, ein akut expressionistisches
Werk, das einer Filmmusik nicht unähnlich düstere Ahnungen anklingen liess. Und
das war erst der Anfang.
Das mag chaotisch tönen und war es auch – aber diese alle
Gattungs- und Genregrenzen umstossende Inszenierung erwies sich als dem Werk
auf intensive Weise angemessen. Max Frischs Blaubart
spielt im Wesentlichen im Kopf und in den Träumen des Dr. Felix Schaad, der vom
Vorwurf, seine sechste Ehefrau erwürgt zu haben, zwar trotz beunruhigender
Indizien freigesprochen wurde, in der Schuldfrage jedoch verstrickt bleibt, den
Prozess mit seinen ausführlichen Zeuginnenbefragungen obsessiv in seinen
Gedanken nachspielt, von queren und schweren Träumen verfolgt wird, ein
unerwünschtes Geständnis ablegt und schliesslich verunfallt. Da ist wenig
Klarheit und Logik, viel Verwirrung und Unverständnis; und dass diese
Gemengelage nicht nur durch schrille Szenen und unvermittelte Übergänge auf die
Bühne gebracht wird, sondern dass da aufs Mal eine Arie einen Traum
kommentiert, dass geistliche Musik das Pathos einzelner Gedanken schroff
überhöht, dass Figuren unerwartet in Bewegung übergehen, ist letztlich nur eine
Illustration jener Grenzüberschreitungen, die in der Vorlage bereits vorhanden
und vollzogen sind. Die Akteure sind allesamt zu loben: Stéphane Maeder als
düsterer Dr. Schaad, Henriette Cejpek als Staatsanwältin und Racheengel und
beides im Gleichen, Milva Stark, die den absurden Reigen der Zeuginnen
inkarnierte, Claude Eichenberger, die der toten Ehefrau eine sehr lebendige
Sopranstimme verlieh. Missglückt ist einzig der Einbezug des Balletts. Das
liegt nicht an Irene Andreetto, die ihre Rosalinde präzis erfasst und mit
dosierter Überzeichnung charakterisiert hat, vielmehr an einer Regie, die in
ihrem Gesamtkonzept für den Tanz keinen Platz gefunden hat, der über ein paar agitierte
Bewegungen hinausgegangen wäre. Ehrlicher wäre vielleicht gewesen, auf den
hohen politischen Anspruch und die Beteiligung des Ballettensembles zu verzichten.
Und ich weiss nicht recht, was ich angesichts der jüngsten Diskussionen über
die Zukunft des Tanzes am Stadttheater dabei fühlen soll: Unbehagen, dass ausgerechnet
diese Sparte in die Gemeinschaftsproduktion nur alibimässig integriert wurde, oder
Erleichterung, dass sie trotz mangelnder Verwendung mit einbezogen wurde?
Technisches: Blaubart
steht in Bern noch am 5. Januar auf dem Programm. Habe ich schon erwähnt, dass ich
die neue Website von Konzert Theater Bern nur für mässig geglückt halte?
Designer und Programmierer haben alles gegeben, das Navigieren ist ein
spektakuläres Erlebnis; aber auf dem Smartphone sehe ich nur die Hälfte, und
wie ich einen Link nicht auf eine spezifische Vorstellung, sondern auf ein
Stück setzen kann, erschliesst sich mir nicht. Wen ich oben gelegentlich ins Leere
schicke, bitte ich mit dieser Beschwerde präventiv um Entschuldigung.
Samstag, 15. Dezember 2012
Kapitale Erfindungen
Das Landesmuseum Zürich beweist wissenschaftliche Kühnheit, ein
so gewichtiges und spannendes, aber komplexes und wenig anschauliches Thema wie
die Herausbildung des Kapitalismus in einer Sonderausstellung umzusetzen: Kapital. Kaufleute in Venedig und Amsterdam.
Zu ihren Blütezeiten im Mittelalter beziehungsweise in der frühen Neuzeit
wurden in diesen beiden Städten wesentliche Elemente unserer heutigen
Wirtschaftsordnung entwickelt. In Analogie zur kulturell-literarischen Klassik liesse
sich von einer „ökonomischen Klassik“ sprechen, um das fruchtbare, komplexe
Zusammenspiel einer jeweils idealen geografischen Lage, einer atypischen
politischen Situation, einer kreativen Denkweise und weiterer Einflüsse zu
charakterisieren. Das führte zur Entstehung von neuen und bis heute
unabdingbaren Konzepten und Finanzierungsmodellen, zur scharfen Konzentration
aller staatlichen und privaten Anstrengungen auf den Handel sowie zu
unermesslichem Reichtum – in erster Linie für die führenden Familien, aber in
beschränktem Mass auch für eine entstehende, schmale Mittelschicht. Und mit dem
Verlust der günstigen Rahmenbedingungen ging in Venedig wie in Amsterdam ein
gleiches Symptom für den Niedergang einher: der Abschied der Kaufleute vom
risikoreichen Handel und der Rückzug auf den Genuss ihres Vermögens. Parallelen
zur Gegenwart werden am Schluss mit einem unerwarteten Schwenk auf China explizit
angedeutet, sind aber in der ganzen Ausstellung präsent.
Soviel zum Thema. Nun soll ein Museum aber Geschichte anhand
von Gegenständen erzählen; wer es besucht, will keine Texte lesen, sondern
Objekte sehen und dann den notwendigen Kontext dazu erfahren. Es zeigt sich,
dass das bei diesem Thema kaum möglich ist. Die Ausstellungsmacher haben zwar grosse
Kreativität bewiesen und kaum einen Aufwand gescheut: Beispielsweise haben sie
das halbe Museo Correr aus Venedig als
Leihgabe nach Zürich geholt. (Aus den eigenen Beständen des Nationalmuseums
konnte zu diesem Thema kaum etwas beigesteuert werden.) Viele der gezeigten Gegenstände
haben jedoch nur eine entfernt illustrative Funktion und stehen deshalb etwas
verloren da. Und viele spektakuläre Stücke sind nur als Kopien zu sehen –
punktuell zwar akzeptabel, aber für ein Museum eigentlich ein Unding. Nur
einige wenige Objekte haben ein echtes Wow-Erlebnis erzeugt: Eindrücklich sind
etwa die kürzlich wiederentdeckte älteste Aktie der Welt, oder die
detaillierten Modelle der Brenta-Villen, starke Symbole für den Rückzug der
reichen Venezianer ins Private in der Zeit des Niedergangs. Doch lässt sich im
Ganzen nicht überdecken, dass die Texte und Filme der zentrale Inhalt der
Ausstellung sind. Die sind freilich magistral, auf den Punkt formuliert, in der
richtigen Länge und Ausführlichkeit, im besten Sinne didaktisch. Aber soll man
deswegen nach Zürich reisen?
Die Frage ist umso berechtigter, weil das Landesmuseum zu
seiner Ausstellung den vielleicht genialsten Katalog veröffentlicht hat, der mir bislang
unter die Augen gekommen ist: Für zwanzig Franken erhält man ein kleines
(Reclam-Format), hochwertiges Bändchen, gebunden, mit goldfarbenem Umschlag und
Lesezeichen, das neben Einleitung und ausführlichem Glossar auf 270 Seiten
genau vier Essays enthält, zwei zu Venedig, zwei zu Amsterdam. Die Texte sind meisterhaft
geschrieben, lesen sich flüssig und logisch, bieten mit sicherer Hand die
Einordnung und die Gesamtsicht, welche die Ausstellung nicht in dieser
Konsequenz leistet. Ich habe es noch auf der Rückfahrt begonnen und mühelos
praktisch in einem Zug gelesen. Und wenn ich wählen müsste zwischen dem
Ausstellungsbesuch und der Kataloglektüre, würde ich mich ohne Zögern für
letzteres entscheiden.
Technisches: Die
Ausstellung „Kapital. Kaufleute in Venedig und Amsterdam“ ist im Landesmuseum
Zürich noch bis am 17.02.2013 zu sehen. Im Eintrittspreis von 10 Franken ist
neben den Sonderausstellungen auch die spektakuläre Dauerausstellung
inbegriffen. (Bernisches Historisches Museum, hörst du mich? Dagegen siehst du
mit deinen Fantasiepreisen ziemlich alt aus.) Der Katalog: Walter Keller
(Hrsg.), Kapital. Kaufleute in Venedig und Amsterdam. Zürich, Kein&Aber
2012. ISBN 978 3 0369 5653 4.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Labels: Ausstellung, Kultur, Literatur, Museum
Freitag, 7. Dezember 2012
Einsamer Wolf
Findige Verleger haben es längst gemerkt: An
Ferienerinnerungen lässt sich im Literaturmarketing trefflich anknüpfen. Was
Donna Leon recht war, soll mir billig sein, scheint sich manch einer zu sagen;
und so übertreffen sich die Klappentexte gegenseitig mit der Versicherung,
umstehend lasse sich in das authentische Florenz, Triest, Bologna oder
Sardinien eintauchen. (Die Rezensenten spielen das Spiel denn auch brav mit,
sprechen von der „lebendigen, bunten Schilderung der Stadt“
oder halten mit der nötigen Dosis Kritik fest, dass der Autor seine Stadt
„alles andere als idyllisch [schildert], aber so liebevoll, dass man gleich
hinfahren möchte.“) Einen Stapel
solcher Bücher, allesamt Krimis und meist in Italien spielend, hat mir L. vor
einiger Zeit ausgeliehen. Da ist ziemlich alles dabei, vom schalen Misserfolg Das Geheimnis der Signora, dessen Florentiner
Lokalkolorit sich auf eine Vorbeifahrt am Ponte Vecchio beschränkt, bis zu
Valerio Varesi, der seinen Commissario Soneri in komplexen Szenarien durch den
Nebel der Bassa Padana streifen lässt und von dem ich mir inzwischen sogar ein Buch auf Italienisch gekauft habe. Inzwischen bin ich fast durch, bin auf
meiner Reise durch Italien in Genua angelangt, und stelle gewisse Ermüdungserscheinungen
fest: All dieser Lokalkolorit, dieses beiläufig-eifrige Namedropping, die
beflissenen Erklärungen des Eingeborenen und die oft kunstvoll distanzierte
Schreibe wiederholen sich allmählich ein bisschen. Und Bruno Morchio macht es
einem bei der ersten Begegnung mit seinem Ermittler Bacci Pagano auch nicht gerade
leicht: Dieser altgediente Schnüffler, der seine tiefgründigen Reflektionen im
Korbsessel auf dem Balkon inszeniert und selbstgefällig mit allem ins Bett
steigt, das einen Rock trägt, erstickt beinahe unter den dicken Schichten von Klischees.
Wer dem Reiz widersteht, Wölfe in Genua umgehend wieder wegzulegen, wird jedoch mit einer starken
Geschichte und einer souveränen Dramaturgie belohnt. Ein fait divers wie aus einem Fantasyroman steht am Anfang: In den
Wäldern über Genua ist ein alter Mann offensichtlich von einem Wolf totgebissen
worden. Wilde Wölfe gibt’s dort gar nicht, aber der Mann hatte seit kurzem eine
gut dotierte Lebensversicherung, und überdies eine schöne junge Frau aus Panama.
Das riecht natürlich nach Ärger, zunächst für die Versicherung, dann für die
Frau und schliesslich noch für andere. Morchio spinnt seine Fäden mit Bedacht, lässt
Pagano überall Witterung aufnehmen, trifft präzise die Ambivalenz zwischen
abgebrühtem Instinkt und ungeschützter persönlicher Verwicklung. Der Plot
entwickelt sich konstant und schlüssig, kein Schritt kommt zu schnell, kein
Faden bleibt unverknüpft, nichts ist an den Haaren herbeigezogen, und wenn ein Deus ex machina gebraucht wird, erscheint
er in unaufgeregter menschlicher Gestalt.
Ärgerlich ist einzig, dass das grosse Lesevergnügen durch
ein paar Dummheiten getrübt wird. Paganos überdrehtes Mackergehabe habe ich
schon erwähnt; es kulminiert in einem Abend, an dem er sich zunächst mit seiner
Ex-Frau hemmungslos betrinkt und gleich danach seiner neusten, nie überwundenen
Verflossenen in die Arme und ins Bett fällt. Das ist nur noch kitschig; und
reichlich sozialkitschig ist auch die Freundschaft des Detektivs zum Sohn seiner
nubischen Putzfrau (und Affäre, klar), der ihm dafür in Genuas Immigrantenbars
die Kastanien aus dem Feuer holen muss. Wenn das alles originell sein soll, so
ist es für mich verschwendete Originalität – aber ohne Schaden überles- und
-stehbar, und somit nur ein kleiner Abstrich an der Stilnote für einen
ansonsten magistralen Krimi.
Technisches: Bruno
Morchio, Wölfe in Genua. Roman. Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler.
Zürich, Union 2007. ISBN 978 3 293 00389 7. Original erschienen bei Fratelli
Frilli, Genua, 2004, unter dem Titel Maccaia. Una settimana con Bacci Pagano.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Donnerstag, 29. November 2012
The Angels' Share
Solange ein Whisky im Fass reift, schwindet er: Durch das
Holz verdunsten alljährlich etwa zwei Prozent des Volumens. „The Angels‘
Share“, den Anteil der Engel, nennt man diesen Verlust, der durch sein
Verschwinden Konzentration und Qualität des Rests erhöht. Whiskyliteratur und
Destillerieführer weisen gerne und mit Augenzwinkern auf dieses wesentliche
Element im Entstehungsprozess hin – und es ist ja auch eine wunderschöne
Geschichte: Sie verdeutlicht den Preis der Reifung, spielt auf die vielen nicht
kontrollierbaren Elemente bei der Entstehung eines guten Whiskys an und hat
einen Anklang von antikem Trankopfer an die Unsterblichen.
The Angels‘ Share
heisst auch der neueste Film von Ken Loach, dem britischen Regisseur, der immer
auf die sozialen Brennpunkte und die entscheidenden historischen Momente
fokussiert. Dass er sich mit etwas Raffiniertem, Luxuriösem wie Malt Whisky
beschäftigt, ist auf den ersten Blick überraschend – und es ist tatsächlich ein
langer Weg, der von den Glasgower Vorstädten in die Destillerien der Highlands führt.
Loach beginnt im Gerichtssaal, wo Kleinkriminelle, Marginalisierte, Sozialfälle
beurteilt werden, meist für Bagatellen, aber keiner das erste Mal. Einen sehen
wir von Nahem an, den arbeitslosen Robbie, tauchen in aller Schonungslosigkeit
ein in sein verpfuschtes Leben, erfahren, wie er im Kokainrausch einen
Unbeteiligten spitalreif geschlagen hat, erfahren von seinem sinnlosen, auf die
Vätergeneration zurückgehenden Krieg mit einem anderen Verlierer, sehen, wie er
von der Familie seiner Freundin Leonie in der Maternité des Spitals vermöbelt
wird. Die Bilder gehen an die Nieren, die Situation ist hoffnungslos.
Angesichts seines neugeborenen Sohnes Luke ist Robbie zwar ernsthaft entschlossen,
sein Leben zu ändern, die schiefe Bahn zu verlassen – aber wie das geschehen
soll, da er von links und rechts unter Feuer steht und in einer Bruchbude bei
einem Kumpel squattet, das ist nicht ersichtlich.
Dann treffen sich Robbie und all die anderen verkrachten
Existenzen unter der Obhut des Sozialarbeiters Harry zur gemeinnützigen
Arbeitsleistung. Harry hat einen gesunden Humor und ein riesiges Herz; ein
guter Mensch, wenn es je einen gab. Das eine fügt sich zum anderen, und ehe er
sichs versieht, hat Harry Robbie in seine Whisky-Leidenschaft initiiert. Es
zeigt sich, dass der junge Mann eine aussergewöhnlich feine Nase hat, und zudem
die Worte findet, um präzis zu beschreiben, was er riecht. Auf den
Whisky-Events, die er mit Harry besucht, fällt er auf – und kommt an eine
wertvolle Information: In der Destillerie Balblair soll in Bälde ein kürzlich
wieder aufgefundenes Fass von einem über dreissigjährigen Whisky versteigert
werden. Der Whisky-Meister Rory McAllister spricht verschwörerisch vom besten Trunk,
den er je verkostet hat, und schätzt, dass die Auktion einen hohen
sechsstelligen Betrag einbringen wird.
Mit so viel Geld wäre Robbie nicht nur seine dringendsten Sorgen
los, sondern könnte mit Leonie und Luke neu starten. Also entwickelt er einen ingeniösen
Plan, von diesem kostbaren Fass heimlich ein paar Flaschen abzuzapfen. Mit drei
Kumpels stürzt er sich in einen Kilt und trampt in den Norden, wo sich ein
Slapstick-Roadmovie erster Güte entwickelt. Wie die vier Helden von der
traurigen Gestalt ihren Plan ausführen, wo sie brillieren und worüber sie
stolpern, wird hier selbstverständlich nicht verraten. Nur soviel: Bis wenige
Minuten vor Schluss war mir absolut unvorstellbar, wie Regisseur Ken Loach
diese haarsträubende Geschichte abschliessend wieder ins Lot bringen würde. Er
hat es meisterhaft geschafft, billige Lösungen und Kitsch zu vermeiden und ein
Finale zu präsentieren, das Hand und Fuss hat und auch richtig ist. Dazu musste
er einiges an schrägem Personal aufbieten und über mehrere Ecken denken; auch
der Anteil der Engel spielt eine Rolle (mindestens das Konzept). Herausgekommen
ist eine Gangster-Tragikomödie, bald abgrundtief trist, bald herzlich lustig,
von Flüchen und Kraftausdrücken durchsetzt, erdig und luftig wie ein guter
Whisky.
Technisches: The Angels‘ Share startet am 29.11.2012 in den
Deutschschweizer Kinos.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Sonntag, 25. November 2012
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben?
Mancher Castingdirektor könnte die Altdorfer
Tellspielgesellschaft beneiden, die ohne weit zu suchen eine solche Anzahl von
Charakterköpfen zusammenbringt. Einer nach dem anderen kommen sie aus dem
Dunkel an den Bühnenrand des Tellspielhauses, langsamen Schrittes, mit offenem
Gesicht, den ernsten Blick ruhig und gerade ins Publikum gerichtet. Dann treten
sie zur Seite, an eine der beiden rostigen, leicht gekrümmten Stahlwände, die
das ganze Bühnenbild ausmachen; und zum Klang der brutalen, rhythmischen
Schläge auf den kalten Stahl krümmen sich die freien Urner, stolpern, schleppen
sich mühsam weiter, in Unterdrückung und Knechtschaft.
Dass es in Schillers Wilhelm
Tell darum geht, wie sich brutal unterdrückte Menschen mit entschlossenem Einsatz
von ihrem Diktator befreien, wissen wir. Wie
das geht, zeigt Volker Hesse in seinem zweiten Gastspiel als Regisseur der
Tellspiele in aller Deutlichkeit. Bereits vor vier Jahren sahen wir in Altdorf
einen schonungslosen, von romantischer Verklärung weitgehend befreiten Tell. Lag Hesses Augenmerk damals auf
den Strategien für den Weg zur Freiheit, so rückte er dieses Jahr die Willkür
der Schreckensherrschaft ins Zentrum. Jede Hoffnung wird brutal unterdrückt;
der grundlose Zorn der Junta verschont auch nicht die Alten und Schwachen.
Aussichtslos erscheint jeglicher Widerstand, und teuer wird er erkauft. Wer
beim Wort „Revolution“ an Freiheitsfahnen und freudentrunkene Siegesfeiern
denkt, vergisst darüber allzu leicht die Toten, die Verstümmelten, die
Gefolterten und ihre Angehörigen. Hesse rückt sie in den Mittelpunkt, gibt
ihrem Leid grossen Raum und vergisst sie auch nicht, als ihr Unterdrücker tot
und seine Schergen gefangen sind: Im wilden Taumel der Schlussszene teilt sich die
Bühne. Während links zum lüpfigen Trommelklang getanzt und gefeiert wird,
sammeln sich rechts all jene, deren Liebste die Freiheit mit Leben und Blut
bezahlt haben. Ihr Weinen und ihre Trauer mischen sich in die Freudenlieder,
und in dieser Dissonanz, dieser Ambivalenz von Triumph und Verzweiflung,
begrüssen die Freien ihre Freiheit.
Gesprochen wird dabei wenig, und das ist gut so. Denn die
grösste Gefahr bei Schiller besteht darin, sich von der Anmut der Sprache zu
sehr mitreissen zu lassen. Schöneres Deutsch ist nie geschrieben worden; jeder
Satz verdiente es, in Marmor gehauen zu werden. Allzu leicht gerät der
empfindsame Zuschauer dabei ins Schwärmen, lässt sich ablenken vom Inhalt oder
sieht diesen im perfekten sprachlichen Kleid zu einem ewiggültigen Schönen,
Wahren, Guten erstarren. Volker Hesse war sich dieser Gefahr offensichtlich bewusst.
Er hat Schillers Tell radikal zusammengestrichen, arbeitete stark mit Bewegungen, tänzerischen Elementen,
ausführlichen und mitreissenden Choreografien und mit einfachen Rhythmen und
Klängen. Und wenn auf der Bühne dann dennoch gesprochen wurde, brachte das
kernige Urner Hochdeutsch gerade so viel Verfremdungseffekt mit, dass hinter
der schönen Form der Inhalt immer durchschien.
Technisches: Die
Altdorfer Tellspiele 2012 sind längst Geschichte, dieser Artikel ist nicht mehr
als eine nachträgliche Hommage an ein grossartiges Stück Theater.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Freitag, 16. November 2012
Skyfall
Während der Diskussion in der Pause von Skyfall fiel es uns auf: Die früheren James-Bond-Filme (und damit
meine ich mit wenigen Ausnahmen alles von Connery bis Brosnan) machten nie so
richtig Angst. Ich weiss schon, dass jede Epoche ihre spezifischen Bedrohungen
hat, und dass das Wedeln mit Atomraketen in den Eingeweiden eines Zuschauers in
den Sechzigern wohl anderes ausgelöst hat, als es bei uns heutigen auslöst – aber
trotzdem: Die Bösewichte, ihre Pläne und ihre Hauptquartiere waren in der Regel
überdreht-irreal, James Bond dachte beim Begriff „Bodycount“ in erster Linie an
weibliche Körper und konzentrierte
sich darüber hinaus hauptsächlich darauf, seinen Sarkasmus möglichst träf an
den Mann zu bringen. Mit zwei knallharten Fäusten und einer Tasche voll Gadgets
die Welt zu retten, war immer eine (lösbare) Nebenaufgabe, zu deren Bewältigung
gelegentlich auch ziemlich clowneske Stunts eingesetzt werden konnten. Kaum
überraschend, dass die Plots eines Grossteils dieser Filme schon fast
schematisch aufgebaut sind, von der actiongeladenen Eröffnungssequenz über
Briefing und Ausstattung durch M und Q, rituelle Kontaktaufnahme mit dem
Bösewicht (oder seiner Freundin) bis zur Gefangennahme und zum Showdown in
einem möglichst spektakulären Ambiente: alles ein überlanger, hochamüsanter Running Gag. Wiedersehen macht Freude,
und darin liegt ein Grund für den Erfolg der Bond-Reihe.
Mit Daniel Craig wurde vieles anders. Nachdem die alte
Formel in Pierce Brosnans letztem Film, Die Another Day, der an seiner eigenen Absurdität fast erstickte, wieder mal
krachend an die Wand gefahren wurde, scheinen sich die Bond-Macher besonnen zu
haben. Der neue Bond sollte mehr als ein Abziehbild sein; er sollte einen
Charakter bekommen, zweifeln und sich irren dürfen – und sich entwickeln, vom
jungen, ungestümen, kantigen Agenten zu einer Persönlichkeit. Das war ein
gewisses Risiko, denn die bedingungslosen Adepten der alten Formel erkennen
ihren Helden in der neuen Version nicht wieder, und zudem ein gewisser Aufwand,
da ein solcher Charakter nicht nach einem Film schon fertig ist. Im dritten
Craig-Bond, Skyfall, scheint das Ziel
erreicht, und zwar auf magistrale Weise. Ich schliesse mich ohne zu zögern jenen
an, die Skyfall zu den besten
Bond-Filmen zählen. Die Geschichte entwickelt sich dunkel und bedrohlich, aber
ohne die gehetzten Übergänge von Quantum of Solace. Javier Bardem ist als Bösewicht Silva intelligent, gnadenlos,
eine Spur lächerlich und auf fast klassische Weise tragisch. Bond agiert nach
einer Auszeit von ein paar Monaten (wegen Todes) in der ganzen ersten Hälfte
des Films verzweifelt an seinen körperlichen Limiten; sowohl er als auch seine
Vorgesetzte M (Dame Judi Dench) sind in diesen Film als Persönlichkeiten mit
einem guten Teil ihrer Lebensgeschichte involviert. Das epische, düstere Finale
im Nebel der schottischen Highlands ist trotz augenzwinkernder Anleihen beim
A-Team eine ernsthafte, apokalyptische Angelegenheit. Missglückt ist einzig die
Erklärung für Silvas um sieben Ecken herumdenkende Attacke: Sich als Polizist zu
verkleiden und in den Raum einzudringen, in dem er seine Rache vollbringen
will, wäre doch auch möglich gewesen, ohne dass er davor Bond um die ganze Welt
herum auf seine Spur gebracht hätte. Und warum man in sämtlichen mir bekannten
Filmen einen Hacker nie vor einer Kommandozeile, sondern immer nur vor
elaborierten grafischen Animationen sieht, soll mir auch mal einer erklären…
Wer in all dem den klassischen Bond zu vermissen befürchtet,
sei beruhigt: Die Actionsequenzen (besonders im Vorspann) sind auf der Höhe der
Kunst, die Bond-Girls, wiewohl reine Nebenfiguren, bleiben atemberaubend, das
Casino von Macao ist absolut splendid, und Bonds sarkastische Kommentare fehlen
nicht, sind einzig eine Spur grimmiger. Höchste Kunst stellen – wie immer seit Casino Royale – die Dialoge dar, schneidende
Wortgefechte im Kammerspiel-Setting. Der rekordverdächtige kommerzielle Erfolg
des Films ist hoffentlich Garant dafür, dass die nächste Ausgabe in ähnlichem
Stil daherkommen wird
Technisches: Skyfall
läuft in gefühlt der Hälfte aller Kinos der Schweiz. Es versteht sich von
selbst, dass nur Banausen die synchronisierte Version anschauen; wo immer ein
anachronistischer Kinobetreiber auf die Originalversion setzt, sollte er mit grossem Zuspruch
entschädigt werden.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Sonntag, 11. November 2012
In Marmor gehauen
Von Tinos-Stadt fuhren wir auf die neue Umfahrungsstrasse
hinauf, liessen die Wallfahrtskirche der Panagia links liegen, schlängelten uns
in waghalsigen Serpentinen die steilen Hügel hinan, fuhren auf einer
wunderbaren Strasse mit Panoramablick auf Syros gegen Nordwesten, überquerten
einen letzten hohen Pass und parkierten am Dorfeingang von Pyrgos. Über
marmorgepflästerte Wege, vorbei an schmucken Fassaden, erreichten wir die von
einer enormen Platane beschattete Platia, stiegen am Brunnenhaus vorbei hoch, gelangten
am Dorfrand zum Friedhof, einer regelrechten Freilichtausstellung des lokalen
Marmorhandwerks, und kamen gleich dahinter bei einem modernen Gebäudekomplex
aus Bruchsteinen und Sichtbeton an, dem Museum für Marmortechnik. Die
Kulturstiftung der Piräusbank hat in den letzten Jahren über ganz Griechenland
verteilt ein preisgekröntes Netzwerk von Museen geschaffen, die landwirtschaftliche
Kultur, traditionelles Handwerk und industrielle Entwicklung dokumentieren. So steht
in Volos das Ziegeleimuseum Tsalapatas, und auf Chios wird eines über den
Mastix eingerichtet. Das Museum, das sich mit Abbau und Kunsthandwerk des Marmors
befasst, ist nicht ganz zufällig auf der Kykladeninsel Tinos gelandet: Sie ist
eines der Zentren der Marmorverarbeitung, und das Dorf Pyrgos mit seiner
Kunstgewerbeschule, seinen Marmorwerkstätten und seinen Künstlern ist unbestrittener
Leuchtturm des Handwerks.
Wer die durchschnittlichen archäologischen Provinzmuseen in
Griechenland kennt, jene gefängnisgleichen Betonbauten, wo vor abblätterndem
hellblauem Putz ein paar Vasen und Statuen aufgereiht stehen, im Idealfall
knapp beschrieben auf winzigen, maschinengetippten Kärtchen, wenn dieselben
nicht schon den Gesetzen der Schwerkraft gefolgt sind und irgendwo unten in der
Vitrine liegen; wer also mit dem Stand der Museologie in Griechenland vertraut
ist, wird im Marmormuseum ausgesprochen positiv überrascht. Dieses Haus erfüllt
mit Bravour die diffizile Hauptaufgabe eines Museums, dem Besucher in überblickbarer
Zeit (wir waren kaum eine Stunde dort) wesentliches Wissen begreiflich zu
machen. Im Zentrum stehen zwei grosse Dioramen: ein Steinbruch und eine
Bildhauerwerkstatt. Der Blick gleitet über anstehenden Fels und Marmorblöcke,
über Werkzeuge und Hilfsmittel; das Verständnis beginnt, sich Bahn zu schaffen,
wird dann unterstützt und ergänzt durch Fotos, Videos und knappe, aber präzise
Erklärungen. Die Objekte sind mit Bedacht ausgewählt und nicht selten
spektakulär wie der Schwenkkran auf dem Vorplatz oder die Detailpläne für reich
dekorierte marmorne Ikonostasen. Industrielle und kleinhandwerkliche
Marmorförderung werden gegenübergestellt; Archivmaterial macht Familientraditionen und die
Organisation des Kunsthandwerks verstehbar, und auch die typischen tiniotischen
Oblichter fehlen nicht.
In dieses Haus sind sichtbar viel Geld, Wissen und
Aufmerksamkeit geflossen, und der Aufwand hat sich gelohnt. Gereicht hat es
zudem für einen ausführlichen, aber dennoch handlichen Museumsführer, der einem
die Lektion zuhause nochmals in Ruhe durchlesen lässt. Für zukünftige Ausflüge
in Griechenland empfiehlt sich auf jeden Fall der Blick auf die Museumskarte
der Piräusbank.
Technisches: Tinos
erreicht man täglich mit Fähren von Piräus und Rafina aus, wobei man Wochenenden
und Marienfeste wegen der Pilgermassen besser meidet. Von Tinos-Stadt aus
gelangt man mit dem Bus (wenige Verbindungen täglich) oder mit dem Mietauto wie
im Artikel beschrieben in den Inselnorden. Pyrgos lohnt auch wegen seiner
schönen Gässlein und seiner anderen Museen den Besuch. Zum Mittagessen empfiehlt sich ein Abstecher ans Meer hinunter in den Fischerhafen Ormos Panormou.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Labels: Architektur, Hellas, Kultur, Museum
Montag, 1. Oktober 2012
Selbstgespräche mit Woody
Ich sehe eben, dass Paris-Manhattan
von Sophie Lellouche diese Woche in die Deutschschweizer Kinos kommt. Deshalb
ist hier vielleicht ein klärendes Wort angebracht: Man muss diese romantische
Komödie nicht wirklich gesehen haben. Das Genre dürfte viele schon von
vornherein aus dem Zielpublikum ausschliessen. Ich bin in dieser Hinsicht zwar
Skeptiker, aber kein Fundamentalist: Eine gut getimte, kreative und
gelegentlich selbstironische Liebeskomödie wie etwa Les émotifs anonymes ist durchaus eine vergnügliche Art, eineinhalb
Stunden zu verbringen. Paris-Manhattan
gehört leider nicht in diese Kategorie. Das liegt nicht an der Story, die
genretypisch vorhersehbar ist, auch nicht unbedingt an den Schauspielern: Der
Sänger Patrick Bruel als desinteressiertes Raubein Victor ist ziemlich
originell, und auch Alice Taglioni als gutmütige Apothekerin Alice gefällt.
Weniger gefallen kann, wie betulich alle kreativen Einfälle verwirklicht werden,
zum Beispiel die Hauptingredienz des Films, der imaginäre Dialog, den Alice
anstelle reeller Beziehungen zu Woody Allen unterhält: Wie sie abends mit dem
überdimensionierten Allen-Poster über ihrem Bett diskutiert, ist die ersten
zehn Sekunden lang witzig, dann nur noch ermüdend. Wie sie in ihrer Apotheke
als Nachbarschaftspsychologin ihre Kundschaft statt mit Medikamenten mit DVDs
kuriert, tendiert auch schnell in den Kitsch – spätestens, als sie auf diese
Weise einen Räuber auf den rechten Weg zurückbringt. Die Rahmenhandlung in
Alices Familie ist langfädig und klischeehaft, und auch der echte Woody Allen,
der am Schluss einen Gastauftritt hat, versprüht zwar entspannten Esprit, kann
den Film nicht wirklich retten. Für das Wochenende empfehle ich einen
Herbstspaziergang
Technisches: Paris-Manhattan
ist ab dem 4. Oktober in ausgewählten Kinos der Deutschschweiz zu sehen.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Sonntag, 23. September 2012
Bis bald
Wer Augen hat zum Sehen, der könnte dauerschmunzelnd oder
-kopfschüttelnd durch die Welt gehen: An jedem Wegrand und in jeder Situation
lauern groteske Momente, die unser Unterbewusstes wohl aus Effizienzgründen
meist ausblendet. Erst wenn wir einen jener raren Menschen treffen, denen
dauernd Absurdes widerfahren zu scheint, amüsieren wir uns darüber und bedauern
vielleicht, selber nicht so viel zu erleben – oder zu bemerken. Einen solchen
Menschen porträtiert Markus Werner in seinem Roman Bis bald: Lorenz Hatt, Leiter der kantonalen Denkmalpflege. Sein
Bericht über seine Herzerkrankung, einem stummen Gesprächspartner vom
Krankenbett aus erzählt, liest sich wie eine Bestandsaufnahme aus Absurdistan. Da
tauchen Figuren auf wie der Elektroniker Grünberg aus Ohio, Hatts
Zufallsbegleiter in den Ruinen von Karthago (wo ihn sein Infarkt ereilt), der
zunächst dumme Fragen zur Geschichte stellt und sich nachher im Spital rührend
(und eben: grotesk rührend) um den Kranken kümmert. Da ist die
Tischgesellschaft im Sanatorium, eine Männerrunde, die sich im Tanz um die
einzige Frau zu immer übleren Selbstinszenierungen antreibt. Da ist die
Wiederbegegnung mit seiner Ex-Frau, wo sich Rührseligkeit mit dem Ekel davor behände
abwechselt. Und da sind all die kleinen Objekte, an denen sich das Groteske
festmacht – klassisch etwa Grünbergs Souvenir aus dem Souk, ein Vogelkäfig aus
Keramik, der im Spital verloren geht, irgendwann wieder auftaucht und Hatt am
Flughafen fast in den Knast bringt. Alles Banalitäten, Alltägliches, nichts
Besonderes; aber der Blick von aussen, den dem Denkmalpfleger zur zweiten Natur
geworden ist, heftet sich daran fest, und die simple, distanzierte und immer
etwas verständnislose Beschreibung legt die den Dingen innewohnende Absurdität
bloss.
Die Lektüre war ein seltener Genuss. Markus Werners Lorenz Hatt
erzählt assoziativ und mäandernd, ein Wort gibt das andere, Exkurse schachteln
sich wie natürlich ineinander, da und dort zischen ansatzlos schneidende
Randbemerkungen heraus. Nur vordergründig ist Bis bald ein Bericht über eine Krankheit; in Wahrheit handelt es
sich um einen Essay über alles, und Werner beherrscht die Kunst des Aphorismus,
fasst Komplexes in die kürzest mögliche Wendung. Zur Fortpflanzung: Ich sehe nicht ein, warum die Leute
unablässig Kinder in die Welt setzen, nur damit Söhne heranwachsen, die auch
wieder Bier trinken und blöd herumschwadronieren, nur damit Töchter
heranwachsen, die auch wieder Teigwaren kochen. Zur Schweizer Classe
politique: Wie sollen Leute, die ach- und
ich-Laut nicht auseinanderhalten können, in der Lage sein, die wirklich
schwierigen Probleme zu bewältigen? Zum Überraschungstod: Ich weiss, er gilt den meisten als der
schönste, obwohl man ihn nur den bequemsten nennen dürfte. Dieser Hatt ist
ein Zyniker, der seinen Zynismus kultiviert, um seine Desillusion zu
kaschieren; aber da er ein trocken-witziger Beobachter ist, verzeiht man ihm manches.
Und man erkennt in Hatts Versuch des kontinuierlichen Sich-Distanzierens die
eigenen Erfahrungen, mit der Unbewältigbarkeit der Welt umzugehen.
So vor zehn, fünfzehn Jahren war Markus Werner plötzlich eine
Art Shooting Star der Schweizer Literatur. Plötzlich schien alle Welt von seiner
lakonischen Prosa zu schwärmen, von seinen präzisen Analysen von Menschen in
einer Extremsituation; und wer eine Lesung miterlebt hatte, berichtete so
fasziniert wie irritiert von diesem fast krankhaft scheuen Autor, der
zurückgezogen und spartanisch ganz für seine Literatur und von ihr lebte. Dann schwoll
der Hype ähnlich schnell wieder ab, jedenfalls in meiner Wahrnehmung. Hätte
nicht L. vor kurzem Platz geschaffen auf ihren Regalen und mir zwei seiner
Bücher geschenkt, hätte ich wohl kaum mehr etwas von Werner gelesen. Das wäre,
wie sich gezeigt hat und hoffentlich noch weiter zeigen wird, nicht nur ein
bisschen, sondern richtig schade gewesen.
Technisches: Markus
Werner, Bis bald. Roman. München, dtv 31997. ISBN 3 423 12112 2. Die
Erstausgabe ist 1992 im Residenz-Verlag erschienen und inzwischen als Fischer Taschenbuch erhältlich.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Sonntag, 16. September 2012
Reichlich Stoff
Seinen Stoffen stellt
Friedrich Dürrenmatt Schopenhauers sarkastische Empfehlungen an den Leser zum
alternativen Gebrauch eines Buches voran, die im Rat gipfeln: Oder endlich er kann ja, was gewiss das
Beste von Allem ist und ich besonders rathe, es recensiren. Wer dies hier zu tun
sich anschickt, stockt aber schon beim ersten Satz; wenn er sich nämlich überlegt,
wie das Werk zu charakterisieren wäre. Nicht dass Dürrenmatt dies nicht
einleitend knapp und präzis unternommen hätte, indem er nämlich ankündigt, im
Folgenden angesichts der Unmöglichkeit einer Autobiografie nicht über die
Geschichte seines Lebens, sondern über die Geschichte seiner Stoffe zu
schreiben. Doch mit dieser Definition einer neuen literarischen Gattung ist wenig
gewonnen. Was ist denn ein Stoff? Wieso spricht Dürrenmatt von seinen Stoffen
wie von Möbeln oder alten Freunden? Wie kommt er dazu, seine ungeschriebenen
Stoffe nun auch noch aufschreiben zu wollen
Es wird dann allmählich klarer. Wenn der Begriff nicht so
New Age wäre, könnten wir von den „Lebensthemen“ des Autors sprechen; „Stoffe“
ist ein handfesteres, Dürrenmattsches Wort dafür. Dass die Stoffe sehr wohl
eine Autobiografie sind, lässt sich auch nicht lange verleugnen – eine
lückenhafte, gewiss, aber das sind sie alle –; eine Autobiografie, die
untersucht, wie das Leben des Autors die paar grossen, wiederkehrenden Themen
erschaffen und geformt hat, die den Steinbruch für seine Literatur ausmachen. So
ergibt sich die Analyse einer gewissen Unausweichlichkeit, mit der sich Erlebnisse
und Ideen zu Themenkomplexen verdichten, an denen sich schon der kindliche und
adoleszente Geist abgearbeitet hat, und die dem Schriftsteller ganz
notwendigerweise zum Gegenstand des Schreibens werden. Viel ist die Rede von
gescheiterten Versuchen, von stecken gebliebenen Ansätzen, und man kann sich
die Mühsal vorstellen, diese Stoffe nicht nur historisch und theoretisch zu
analysieren, sondern sie nun endlich in einem finalen Kraftakt doch noch
literarisch zu gestalten. Das bleibt manchmal skizzenhaft und fragmentarisch;
zwei-drei der Stoffe entwickelt Dürrenmatt in dieser Vergangenheitsbewältigung
jedoch zu kraftvollen, vollendeten Miniaturen – etwa im ersten und längsten dieser
Stücke, dem Winterkrieg in Tibet,
einer apokalyptischen Horrorvision eines sinnentleerten Mordens in einem end-
und aussichtslosen Stollenlabyrinth hoch unter den Gipfeln des Himalaya, die
mich (wiewohl auf einer Fähre in der sonnendurchfluteten Ägäis) mit gehetztem
Blick und beklemmtem Herzen zurückliess und die ich zum Besten zähle, was Dürrenmatt
geschrieben hat.
All diese meine Beschreibungsversuche sind unvermeidlich
Vereinfachungen. Der Dürrenmatt-Spezialist (dessen Namen mir entfallen ist),
der die Stoffe als Antwort auf die abgelutschte Frage nach dem Buch für die
einsame Insel nannte, hat schon recht: Ich kenne schlicht kein anderes Buch,
das dermassen komplex und vielschichtig ist, auf einer oberflächlichen Ebene
immer zugänglich und spannend, darunter aber Schichten der Reflexion auftürmt,
die Literatur- und Kunstgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts in gleicher
Weise analysierend und verknüpfend, philosophische Schulen scheidend und
kritisierend, ein Abriss auch der Schweizer Mentalitätsgeschichte, ein
Rundumschlag im uferlosen Universum des Friedrich Dürrenmatt. Ich bilde mir auf
meine humanistische Allgemeinbildung ein bisschen etwas ein, musste aber
laufend vor dem Anspielungsreichtum kapitulieren. Wer eine gut sortierte
Handbibliothek in Griffweite hätte, könnte das Gewirr dieses Gesamtkunstwerkes
nach Belieben und in aller Tiefe entflechten und analysieren; und wer seinen
Dürrenmatt kennt, entdeckt in den Stoffen gleichsam eine Vielzahl alter
Bekannter, teils in Rohformen, teils in Details, gelegentlich auch im Negativ
(wie beim „Original“ der Alten Dame, die hier ein Alter Herr ist).
Auf paradoxe Weise scheint mir, dass sich der Dramatiker
Dürrenmatt in der Prosa am schöpferischsten austobt, wo er seine endlosen,
verschachtelten und frei assoziierenden Sätze mit grossem Gestus über die
Seiten ausbreiten kann, ohne Rücksicht auf Verluste, en passant philosophische
und politische Grundsatzfragen wenn nicht lösend, so zumindest träf
diskutierend, dabei mit Spott nicht sparend – und immer mit dieser Liebe zum
Absurden, die mich laufend schmunzeln, öfters kichern und gelegentlich ungehemmt
auflachen liess. Die Stoffe sind ein Werk, das man nicht in einem Mal gelesen
hat. Ich zweifle nicht, dass ich sie noch unzählige Male mit gleichem Gewinn
und Genuss lesen, auf Einzelnes fokussieren oder einfach nur irgendwo
aufschlagen kann. Ein Steinbruch von Dürrenmatts Schaffen, ein Steinbruch für
den Dürrenmatt-Leser.
Technisches: Ich habe
mir seinerzeit kurz nach Dürrenmatts Tod die günstige siebenbändige
Gesamtausgabe erstanden, die der Diogenes-Verlag damals anbot und in der die
Stoffe als Band 6 enthalten sind. Ursprünglich sind die Stoffe in zwei Schüben
erschienen: Labyrinth. Stoffe I-III. Zürich, Diogenes 1990 (Erstausgabe unter
dem Titel Stoffe I-III 1981). Turmbau. Stoffe IV-IX. Zürich, Diogenes 1990.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Sonntag, 9. September 2012
Unternehmen Paradies
Hier ist König Albrechts Blut in den Boden gesickert. Von
hier aus hat sein Sohn Leopold die Rache an des Vaters Mördern begonnen. Und
hier hat Albrechts Witwe, Königin Elisabeth, ein Feld abgemessen, das nicht dem
Kampf noch der Rache, sondern der Ruhe und dem Gebet geweiht sein sollte: das
Doppelkloster Königsfelden. Hoch und elegant ragt das Mittelschiff im
Bettelordenstil empor; im Inneren beeindrucken glasklare Formen, sparsame
Ornamente unterstreichen das blendende Weiss der renovierten Wände, ein
schlichter Lettner versperrt den Blick nach vorne, der Blick darüber hinweg
erahnt aber im abendlich dunklen Chor die gotischen Glasfenster, die zu den
schönsten der Welt gehören.
Nach Mit Chrüüz und Fahne
in Villmergen also schon wieder Theater am historischen Schauplatz im Aargau.
Der Anlass ist aber kein Jubiläum, sondern eine Tradition: Alle paar Jahre
bezieht das Königsfelder Festspiel
die Klosterkirche und bringt ein Tanzstück biblischen oder historischen Inhalts
zur Uraufführung. Diesjähriges Thema ist die Geschichte des Ortes selber. Es
liegt ein grosses dramatisches Potenzial in diesem Unternehmen Paradies, diesen beiden Strategien, mit denen König
Albrechts Angehörige auf den Mord reagieren, der männlichen des Sohnes und Erben,
der Rache sucht (suchen muss), und der weiblichen der Witwe, die sich um das
Seelenheil des Verstorbenen sorgt und damit gleichzeitig Raum für Frieden und
Versöhnung schafft. Und wie es in Königsfelden Brauch ist, wird dieses Geschichte
im dichten Zusammenspiel von Musik, Bewegung und Licht erzählt. Der Begriff „Gesamtkunstwerk“
ist hier so angebracht wie selten. Der Tanz ist eher erzählerische Bewegung als
Ballett; die Musik ist nicht lediglich Begleiterin, sondern gleichberechtigte
Partnerin; und beide, Tanz und Musik, forschen den einzigartigen Raum aus, machen
ihn sich zu eigen: Durch das schmale Tor im Lettner sieht man Schemen und
Lichter im Chor; von rechts, hinter den Säulen zum Seitenschiff hervor, ertönt
die Musik; die Sängerinnen und Sänger stehen bald oben auf dem Lettner, bald
mitten in der Handlung, bald sind sie irgendwo verborgen.
Ausgeführt wurde das alles unter der Gesamtleitung von Peter Siegwart mit grosser Perfektion. Das Vokalensemble Zürich sang mit atemberaubender Schönheit Bach, Monteverdi und Siegwart
selber; die individuellen, Alltagskleidern ähnlichen Kostüme (Sabine Schnetz),
welche die zehn Sängerinnen und Sänger anstelle der sonst üblichen schwarzweissen
Choruniform trugen, machten augenfällig, dass es sich nicht um namenlose
Choristen, sondern um Solisten von höchstem Niveau handelte. Die Musiker des Ensemble la fontaine und die ad hoc
rekrutierten Mitglieder des Tanzensemble
Königsfelden (Choreografie Félix Duméril) standen ihnen in nichts nach. Das
Lichtdesign von Bert de Raeymaecker machte den Raum erlebbar. Als schönste
Passagen sind mir zwei im Gedächtnis geblieben: Der Tumult der Rachefeldzüge, in
deren Mitte Königin Elisabeth und ihre Tochter Agnes ruhig, edel und bestimmt den
Raum für Stille und Gedenken sich aneigneten. Und das Zur-Ruhe-Kommen der Schlussszene
in der halbdunkeln, von Kerzen beschienenen Kirche, über der, jetzt von aussen
angestrahlt, die kostbaren Glasfenster leuchteten wie das himmlische Jerusalem.
Technisches:
Unternehmen Paradies ist noch die nächste Woche (Mittwoch bis Samstag) zu sehen,
Karten gibt es online. Letzten Mittwochabend waren leider einige Reihen nicht
besetzt – es sollte also wohl noch Plätze geben, und es wäre schade, wenn sie
leer blieben. Einziger Wermutstropfen: Wer bis zur Abfahrt seines Zuges noch
ein Glas trinken möchte, sucht sowohl im Festspielbistro als auch in der näheren
Umgebung des Bahnhofs Brugg vergeblich. Einzig direkt die Altstadt anzusteuern,
wäre wohl eine gewinnbringende Strategie gewesen.
Eingestellt von
Phemios
0
Kommentare
Labels: Architektur, Kultur, Musik, Tanz, Theater