Freitag, 26. Februar 2010

Rückwärts-Leben

Glückliche Freiheit des Autors, des Regisseurs: Nicht nur können sie Figuren und Geschichten erfinden; wenn sie Lust haben, denken sie sich etwas aus, dass es gar nicht geben kann, und schauen dann, was passiert. So geschehen im letztjährigen Erfolgsfilm The Curious Case of Benjamin Button von David Fincher (den wir wegen Kinophlegma eben erst auf dem Bildschirm gesehen haben). Die Idee stammt von F. Scott Fitzgerald: Der Protagonist wird als alter Mann geboren, mit Falten und sterbensmüden Knochen, und während alle anderen altern, wird er jünger. Die Geschichte ist zunächst ein Vorwand dafür, verschiedene schöne Frauen, kantige Kerle und witzige Alte zu zeigen, zudem den überbordenden Südstaatendekor der Zwanziger Jahre und die Fortschrittsinfrastruktur der Nachkriegszeit. Aber es steckt mehr dahinter: Benjamins Rückwärts-Leben spiegelt sich im Vorwärts-Leben von Daisy, seiner stetigen Begleiterin von den Kinderspieltagen bis zum Grab. Und währenddem die gegenseitige Anziehung und Zuneigung die ganze Zeit spürbar ist, verbringen sie nur ein gutes Jahrzehnt als ein Liebespaar miteinander – die Zeit, in der Benjamins körperliches Alter seinen Lebensjahren entspricht. Es ist atemberaubend zu sehen, wie Brad Pitt die umgekehrt alternde Hauptfigur verkörpert: Da ist ein (in seiner Merkwürdigkeit) charmanter, zuvorkommender Mann, der jedoch immer ganz leicht neben den Schuhen zu stehen scheint. Als sich aber die Alterslinien seines Körpers und seiner Jahre annähern, da fällt alle Anspannung, alle Unsicherheit von ihm ab. Jetzt ist er bei sich selbst angekommen, und Pitt füllt diese schlafwandlerische Gelassenheit, dieses Mit-sich-im-Reinen-Sein, mit einer Selbstverständlichkeit ohnegleichen aus. Dann entfernt er sich wieder von diesem Schwebezustand und wird erneut zum Fremden im eigenen, immer jünger, immer kindlicher werdenden Körper.

Die beiden Rahmenhandlungen – Daisys Gespräch mit ihrer Tochter auf dem Totenbett und die Geschichte des blinden Uhrmachers Mr. Gateau, der für den Bahnhof von New Orleans eine rückwärtsgehende Uhr konstruiert – unterstreichen, worum es geht: um die Unausweichlichkeit des Alters, um die Brutalität des Alterns und Vergehens, aber auch um die Wichtigkeit, mit seinem Alter im Reinen zu sein. Mit seinen grossartigen Darstellerinnen und Darstellern (neben Pitt allen voran Cate Blanchett als Daisy und Taraji P. Henson als Benjamins Pflegemutter Queenie) ist dieser bemerkenswerte Film eine inspirierte und beflügelnde Parabel des Lebens.


Technisches: The Curious Life of Benjamin Button ist – wie es sich gehört – in allen Varianten und Formen von silbernen Scheiben erhältlich.

Samstag, 13. Februar 2010

Die Räuber

Ein schöner Zufall wollte es, dass Schillers Räuber wenige Monate, nachdem ich das Stück gelesen hatte, in Fribourg gezeigt wurden: von den Theatergastspielen Kempf im Rahmen von „Theater in Freiburg“. Ich war gespannt. Nach der Lektüre war mir alles andere als klar, wie dieses dichte, reiche Stück überhaupt spielbar sei. Regisseur Christoph Brück schaffte dies zunächst, indem er grosszügig strich, vor allem in den philosophischen Passagen. Ohne Hemmungen griff er auch in Schillers Sprache ein, glättete Widerspenstiges da und dort, fasste zusammen und formulierte um. Er nahm einen gewissen Verzicht auf Tiefe und Vielschichtigkeit in Kauf, um seine Figuren klarer, vielleicht auch klischierter zu gestalten. Das galt vor allem für Franz von Moor, dessen hinterhältige Schlechtigkeit einen komisch übersteigerten und so demaskierenden Zug gewann. Das galt für die in ihrem Liebesleid versinkende Amalia (was die Aufgabe für ihre Darstellerin Kerstin Dietrich noch undankbarer machte); das galt für den wilden Haufen der rauen Räuber. Bestechend klar erschien aber die Ambivalenz, das zerrissene Herz des Räuberhauptmanns Karl von Moor, von Julian Weigend intensiv dargestellt, ja gelebt. Karl ist ein moderner Held, von Widersprüchen geprägt und zugleich von feuriger Überzeugung. Er rückte damit entschieden ins Zentrum des Trauerspiels, welches zu seiner persönlichen Tragödie wurde. Er war es auch, der gegen Ende, in der ergreifenden Szene mit seinem totgeglaubten Vater, den Satz aussprach, der mich absolut umgehauen hat, der präzise die Essenz des Werkes formuliert: „Heute hat eine unsichtbare Macht unser Handwerk geadelt – (und jetzt wieder Brück) aber wir sind dennoch verloren.“ Karl von Moor, der in extremem Anspruch an sich selbst grösstmögliche Reinheit anstrebt, sucht das richtige Leben im falschen. Seine Tragik tritt in dem Moment offen zu Tage, in dem ihm dies bewusst wird. Die eigentliche Klimax ganz am Schluss des Stücks, die den tragischen Konflikt ausdekliniert und in der Kempfer Version ein noch illusionsloseres Ende findet, als es Schiller vorgesehen hatte; diese Klimax ist dann eigentlich nur noch Zubrot.


Technisches: Die Theatergastspiele Kempf touren mit den Räubern noch bis am 20. März und dann wieder nächstes Jahr durch die deutschsprachigen Lande. Zum Nachlesen und Vergleichen empfehlen sich wie immer Reclam oder Gutenberg.

[UPDATE: Einige Links gehen unwiderruflich ins Leere und wurden entfernt, derjenige zu Gutenberg repariert.]

Sonntag, 7. Februar 2010

Von den Altertümern

Mit dem Begriff Ἀρχαιολογία (Archaiologia) bezeichneten die Griechen ganz allgemein die Kunde aus alter Zeit, später auch die Untersuchung der Anfänge einer Kultur, der Vorgeschichte. Schleiermacher übersetzt das Wort bei seinem ersten uns bekannten Vorkommen in Platons Hippias Maior (285d) mit „Altertümer“, und darin klingt schon elegant die Bedeutung an, die uns heute vertraut ist: Die Archäologie ist die Wissenschaft, die sich mit der Erforschung der materiellen Substanz unseres geschichtlichen Erbes beschäftigt.

Und damit zu Hans Georg Niemeyers Einführung in die Archäologie, mit der ich, meinen guten Vorsätzen folgend, noch an Neujahr mein diesjähriges Lektüreprogramm in Angriff genommen habe. Das Buch datiert zwar (in dritter Auflage) von 1983, hat also die Fortschritte des letzten Vierteljahrhunderts nicht mehr mitgekriegt, aber das ist kein Unglück. Was es bietet, ist ein kurzgefasster, präziser und sehr gelehrter Überblick über die wissenschaftliche Disziplin Archäologie, und wenn da und dort methodisch oder definitorisch ein weniges nachzutragen wäre, bleibt doch alles Wesentliche gültig. Im Fokus des Buches steht das Objekt der Archäologie, die Denkmäler. Die klare und übersichtliche Darstellung beginnt mit ihrer Überlieferung, Wiedergewinnung und Beschreibung und führt über Kapitel zur Zeitbestimmung und zu Stil, Entwicklung, Struktur schliesslich zur Erklärung und Deutung. Das alles ist in jenem schönen literarischen Deutsch des klassischen Gelehrten abgefasst, das die Lektüre zu einem intellektuellen Genuss macht.

Von besonderer Dichte, Prägnanz und Eleganz sind einleitend die nur zwölf Seiten zur Geschichte der Archäologie als universitäres Lehrfach. Ihre Wurzeln liegen bekanntermassen im Klassizismus des 18. Jahrhunderts, verkörpert vor allen anderen durch den „Gründerheros“ J.J. Winckelmann. Neben der Wiederentdeckung der antiken Kunst (und ihrer Erhebung zum Ideal) verdanken wir ihm vor allem den Begriff der Entwicklung, der heute als Selbstverständlichkeit angesehenen Abfolge verschiedener Epochen und ihrer Stile. Die Etablierung der Archäologie an den Universitäten und damit als Wissenschaft in ihrem eigenen Recht wurde von klassischen Philologen betrieben, die als erste auf die neu errichteten archäologischen Lehrstühle berufen wurden und das Fach in seinen Anfängen entscheidend prägten. Mit den grossen Ausgrabungskampagnen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (in Mykene, Troia, Olympia, Delphi und anderswo) – und erst dann! – wurde die Archäologie zur Grabungswissenschaft und erweiterte gleichzeitig ihren Horizont von den römischen auf die bald in grosser Zahl zugänglichen griechischen Denkmäler. Die Betrachtungsweise blieb jedoch eine kunstgeschichtliche; erst deutlich im 20. Jahrhundert wuchs das Interesse an der materiellen Hinterlassenschaft der Antike im weiteren Sinn, womit auch der Verzicht auf die Idealisierung des Klassischen einher ging.

Archäologie und klassische Antike bleiben aber für Niemeyer untrennbar verbunden. Das wird auf den ersten Seiten des Buches deutlich, wo er die (oben kurz angedeutete) Begriffsdefinition zu einem programmatischen Bekenntnis nutzt: Da unser geschichtliches Erbe dasjenige der klassischen Kulturen des Mittelmeerraumes ist, ist die Wissenschaft, die sich mit den Denkmälern dieser Kulturen befasst, die Archäologie schlechthin. Alle anderen Archäologien benötigen ein charakterisierendes Beiwort. (Und Disziplinen wie der altamerikanischen Archäologie spricht er die korrekte Verwendung des Begriffs mit leichter Polemik gar ab, da es bei ihrem Studienobjekt nicht um ein lebendiges historisches Erbe gehe.) Diese Position ist mit Blick auf die Geschichte des Fachs unbestreitbar korrekt. Was mir übertrieben (und damit eben doch wieder klassizistisch) scheint, ist die Einschränkung des europäischen historischen Erbes auf die griechische und römische Antike. Die Mittelalterarchäologie mag zur Abfassungszeit der vorliegenden Einführung noch wenig etabliert gewesen sein; ihr Forschungsgegenstand ist für das Verständnis der abendländischen Gegenwart jedoch nicht weniger wichtig als die Antike. Und die vor- und frühgeschichtliche Archäologie ist stetig mit der äusserst komplexen Aufgabe befasst, solche Aspekte unserer Geschichte zu erhellen, die kaum durch literarische Überlieferung beleuchtet sind. Dass die verschiedenen Archäologien nicht scharf gegeneinander abzugrenzen sind und methodisch ohnehin alle voneinander profitieren, gesteht Niemeyer aber diskussionslos zu.

Die Einführung in die Archäologie war für mich eine ideale Einführung in die erneute Beschäftigung mit der Antike. Die klare Darstellung ihrer Methodik und Struktur wird mir als Leitfaden für die weitere Lektüre dienen.


Technisches: Hans Georg Niemeyer, Einführung in die Archäologie. Darmstadt, WBG 31983. ISBN 3-534-03962-9.

[UPDATE: Bei der Jungius-Gesellschaft und beim Projekt Gutenberg hat die Linkstruktur geändert...]

Samstag, 30. Januar 2010

Ein Tag und ein Leben im Kloster

Liegt es nur an meinem einseitig fokussierten Interesse, oder sind in letzter Zeit religiöse Themen im kulturellen Geschehen tatsächlich besser vertreten? Vor Weihnachten lief hier in Fribourg für kurze Zeit Soeurs, ein Dokumentarfilm über das Leben in drei Frauenklöstern: die Benediktinerinnen-Abtei in Pradines bei Lyon, das Dominikanerinnen-Kloster in Estavayer-le-Lac und das Kloster der Visitandinnen in Fribourg selber. Soeurs erwies sich als diskreter, unspektakulärer Film. Er verzichtete weitgehend auf poetische Inszenierungen der klösterlichen Architektur und Stimmung, und seine sehr dokumentarische Bildsprache war weit entfernt von der fast liturgischen Intensität, die vor vier Jahren den Karthäuser-Film Die grosse Stille ausgezeichnet hatte. Rhythmisiert durch den strengen klösterlichen Tagesablauf rückte er vielmehr den ganz gewöhnlichen Alltag hinter Klostermauern in den Fokus der Kamera, die uralte Abfolge von Gebet und Arbeit, von Gemeinschaft und Einsamkeit. In kurzen Porträts gaben einzelne Nonnen Auskunft über ihren Glauben und ihre Art, ihn zu leben. Dabei entstanden so berührende Momente wie im Gespräch mit einer alten Dominikanerin aus Frankreich, die schon drei Mal ihr Leben in einem aussterbenden Kloster hatte aufgeben müssen, um an einen neuen Ort zu ziehen, oder wie in den Erinnerungen der Benediktinerin, die 1945 an einem Samstag zum letzten Mal zum Tanz ging und tags darauf ins Kloster.

Besonderen Raum gab die junge Schweizer Regisseurin Katharine Dominice den Vorsteherinnen der drei Klöster. In ausführlichen Gesprächen analysierten sie ihre Rolle als Oberhaupt ihrer Gemeinschaft und die Ausübung von Autorität in einem Umfeld der Demut und des Gehorsams. Bei allen Ähnlichkeiten in der Rollenauffassung wurden dort die Unterschiede zwischen den Orden deutlich: Das Spektrum reicht von der benediktinischen Äbtissin, die sehr wohl weiss, wie sehr sie mit ihrem auf Lebenszeit ausgeübten Amt nolens volens ihre Gemeinschaft prägt, über die dominikanische Priorin, die in burschikos-kollegialer Art ihre Mitschwestern zusammenhält, bis zur jeweils für vier Jahre gewählten Superiorin der Visitandinnen: Sie interpretiert ihre Leitungsfunktion als temporäre Aufgabe wie jede andere – so wie sich jemand um die Werkstatt kümmert, muss halt auch jemand an der Spitze der Gemeinschaft stehen.

Dass Dominice diese Thematik so prominent präsentiert, unterstreicht ihre Wichtigkeit. Ich denke, dass die Art und Weise, wie mit Autorität, Gehorsam und Entfaltung der Persönlichkeit umgegangen wird, für die jeweils spezifische Spiritualität eines Klosters, eines Ordens sehr entscheidend ist; ja ich sehe darin einen wesentlichen Unterschied zwischen Männer- und Frauenorden in der katholischen Kirche. Was ich damit meine: Mönche sind vielfach Priester und haben damit ganz von selbst eine definierte Autorität innerhalb der katholischen Hierarchie. Orden wie die Dominikaner oder Jesuiten definieren sich stark über die Intellektualität, stellen Professoren und Lehrer; Benediktinerklöster sind schon von ihrer Architektur her Zitadellen, spielten und spielen als Lehrorte eine gewichtige Rolle. Regelmässig greift die Kirche zudem für Bischofs- und andere Leitungsämter auf Ordensangehörige zurück. So sehe ich bei Angehörigen von Männerorden in der Regel ein breites Spannungsfeld zwischen ihrem Gehorsam gegenüber den Ordensregeln und der Autorität ihrer Oberen und der Möglichkeit, ihre eigene Persönlichkeit zur Geltung zu bringen. Demgegenüber spielen – von aussen gesehen – bei Angehörigen von Frauenorden Demut und Selbstaufgabe eine viel zentralere Rolle: Ihre Klöster sind oft geschlossen und unzugänglich, ihre Aufgaben dienender und betreuender Art. Ich fürchte, dass dieser mein Eindruck ein etwas oberflächlicher ist, und hätte gerade deshalb gerne mehr darüber gelernt.

Dass dies in anderthalb Stunden Film kaum möglich ist, ist mir freilich klar. Was durchscheint in allen Gesprächen: Der Entscheid zum Klosterleben ist im höchsten Grad persönlich und individuell. Dem Aussenstehenden können die spezifischen Charakteristika der einzelnen Orden und Klöster, können Worte und Gesten der Nonnen immerhin eine Ahnung davon vermitteln. Gleichwohl: Das Mysterium wird beleuchtet, bleibt aber mysteriös.


Technisches: „Soeurs“ läuft inzwischen nicht mehr im Kino. Beim Warten auf die DVD kann die Website schon mal einen guten, umfangreichen Einblick in den Film und seine Hintergründe geben.

Sonntag, 24. Januar 2010

Fribourg miniature

Beschäftigungsprogramme für Arbeitslose stehen oft im zweifelhaften Ruf, dass sie nicht mehr sind als eben das: Programme, damit die Arbeitslosen irgendwie beschäftigt sind. Kürzlich war jedoch in Fribourg das Resultat eines Arbeitslosenprojekts zu besichtigen, das nichts weniger als spektakulär zu nennen ist: das Modell der Stadt Fribourg im Jahr 1606. 1996 gaben Stadtrat und Arbeitsamt den Anstoss zum Projekt, die berühmte Stadtansicht des Graveurs Martinus Martini in drei Dimensionen zu realisieren, und seither haben insgesamt 450 Stellensuchende über 150'000 Stunden in das Stadtmodell investiert und sich dabei Zusatzqualifikationen in Gebieten wie AutoCAD oder Modellbau erworben. Jetzt ist das Modell fertig und konnte über die Weihnachtszeit zum ersten Mal in seiner Gesamtheit der Öffentlichkeit präsentiert werden. Ort des Geschehens war die Safe Gallery im Untergeschoss der Kantonalbank; grosszügige, weitläufige Räumlichkeiten an einem Ort, wo man gemeinhin Tresore erwarten würde. Das Modell füllte den grossen Saal allerdings locker: Auf 55 m2 breitet sich die Canyonlandschaft von Saane und Galterenbach aus, 17 Laufmeter Stadtmauern umgeben 1'700 präzise nachgebildete (und von innen beleuchtete) Miniaturgebäude im Massstab 1:250. Von schmalen Podesten rundherum konnte man sich dieses Miniatur-Fribourg zu Gemüte fügen, soweit einem nicht jemand anderes die Sicht verdeckte – der Publikumszuspruch war enorm, das Interesse riesig. Eine Art son et lumière liess einen Tag im Fribourg von 1606 wieder aufleben, beleuchtete die einzelnen Quartiere und ihre Geschichte, berichtete aus dem Alltag und ergänzte das Modell mit virtueller Realität. Noch spannender und bereichernder fand ich aber das einfache Betrachten, Entdecken und Analysieren. Die aussergewöhnliche didaktische Wirkung einer Luftansicht verband sich dabei mit dem Entdeckungspotential eines Stadtrundganges zu einem tieferen Verständnis der Geschichte, der Entwicklungen, der geografischen und baulichen Struktur.

Das Projekt ist zu Ende, das Modell ist fertig – was jetzt? Selbstverständlich wäre es jammerschade, dieses fantastische historische Anschauungsmaterial wieder zu magazinieren und nur alle paar Jahre an irgendwelchen Messen aufzubauen. Deshalb sammelt ein Unterstützungsverein Geld, um diesem Kunstwerk im kürzlich abgebrannten und wiedererrichteten Werkhof an der Unteren Matte einen festen Platz zu geben. Ich kann mir keine bessere Ergänzung zu einem Rundgang durch die Freiburger Altstadt vorstellen als dessen Nachvollzug anhand des Stadtmodells, zumal mehr als zwei Drittel der darauf dargestellten Gebäude immer noch stehen. Deshalb wünsche ich dem Verein Association Werkhof-Frima raschen Erfolg mit seinem Vorhaben und werde selber natürlich auch mein Scherflein beitragen.

Sonntag, 17. Januar 2010

Ein Winternachtstraum

Neben dem Theatergebäude von Nuithonie steht gegenwärtig ein eigenartiger, zwölfeckiger, gedrungener Turm, kunstvoll aus Holz errichtet: eine verkleinerte Nachbildung des Londoner Globe Theatre aus Elisabethanischer Zeit und gleichzeitig eine Wanderbühne (mit dem sinnigen Namen Tour Vagabonde), auf der bzw. in der das unmittelbare, volkstümliche, interaktive Theatererlebnis wiederbelebt wird, das Shakespeare seinem Publikum geboten hatte. Man sitzt im Parterre hart unter der Bühne oder auf den beiden schmalen Etagen rund um sie herum und sieht die Akteure aus nächster Nähe – oder sieht sie gelegentlich auch nicht, denn gespielt wird überall, auch in den toten Winkeln. Der englische Regisseur Pip Simmons bringt in diesem ungewohnten Raum eines der bekanntesten Stücke Shakespeares zur Aufführung, die Komödie A Midsummer Night’s Dream. Das ist ein furioses Spektakel, ein Stück der Irrungen und Wirrungen, durchsetzt mit viel handfester Komik. Simmons fokussiert stark auf diese derbe Seite, die Schauspielerinnen zeigen viel Unterwäsche und nackte Haut, die Figuren sind häufig grotesk überzeichnet. Das kommt dem ursprünglichen Shakespeare wohl sehr nahe, hat aber auch etwas Ermüdendes: Bald hat man begriffen, dass der Elfenkönig Oberon und sein Helfer Puck famos heitere Gesellen sind, so dass das neckische Lachen, mit dem sie jeden Satz beschliessen, etwas aufgesetzt zu wirken beginnt. Und auch Theseus’ Macke, keinen Busen und kein Champagnerglas unangetastet vorbeigehen zu lassen, nützt sich mit der Zeit ab. So war vieles überdeutlich gespielt, waren alle Figuren letztlich sehr eindimensional. Ob das gewollt war, gar ebenfalls Shakespearisch? Ich weiss es nicht. (Nicht hilfreich war bei dem Ganzen natürlich, dass ich vom rasanten, kunstvollen französischen Text einiges nicht verstand. Meine Gewährsperson bestätigt mir allerdings, dass die Übersetzung geistreich und gelungen war und sich durch viel Wortwitz auszeichnete.)

So bleibt mir von diesem winterlichen Theaterabend weniger die Interpretation in Erinnerung als vielmehr der einmalige Rahmen: die kunstvolle Turmskulptur im gefühlten Niemandsland neben den Hochhäusern von Cormanon, die zirkusartige Atmosphäre der schmalen Bänke, die von schräg oben den Blick auf das Geschehen gewähren, die raumgreifende Bespielung der Etagen, Treppen und Säulen. In den wärmeren Jahreszeiten, lese ich, kann das Dach entfernt werden, und die Tour vagabonde wird gewissermassen zum geschlossenen Freilichttheater. Wenn sie im Mai wieder in der Gegend ist, gehe ich gern wieder hin.


Technisches: „Songe d’une nuit d’été“ wird noch bis am nächsten Sonntag in Fribourg gespielt; im Februar und März gastiert die Tour vagabonde dann auf dem Campus der Uni Lausanne.

Dienstag, 12. Januar 2010

Julia und Romeo

Die erneute lange Blogpause ist Cablecom geschuldet, beziehungsweise deren Unfähigkeit, innert nützlicher Frist unser neues Modem zu aktivieren. Nach einer Woche digitaler Abstinenz steht jetzt immerhin die Verbindung mit dem Internet wieder. Das ermöglicht es mir, den längst fälligen Bericht zur Saisoneröffnung des (glücklicherweise geretteten) Berner Balletts nachzuliefern. Auf dem Programm stand Shakespeare, „Romeo und Julia“ – beziehungsweise „Julia und Romeo“. So benennt Cathy Marston ihre Interpretation von Prokofjews Ballettmusik, so gewichtet sie. Julia steht im Zentrum, und sie liegt ganz zu Beginn vorne an der Bühne; zum wuchtigen, dissonanten Einsatz des Orchesters spielt sie selbstverloren mit dem Dolch, der hier noch mehr Accessoire als Mordinstrument ist (zumal es sich um eine Spiegelscherbe handelt), aber trotzdem von Anfang an das Stück überschattet und schneidend deutlich auf dessen tragisches Ende hinweist. Cathy Marston zeigt in ihrer Choreografie zunächst auf, dass das eigentlich nicht so sein müsste. Denn eigentlich ist diese Julia ein vom Glück angelachter Mensch. Ihre Beziehung zu Romeo ist unbeschwert und innig, und in den dunklen Stunden der Angst und des Zweifels steht ihr liebevoll und aufmunternd Bruder Lorenzo zur Seite. Doch das private Glück der Julia hat keine Chance gegen die Mächte des Schicksals. Wie die verfeindeten Familien bedrohlich ihre Fehden austragen und brutal das Leben aller Involvierten in Beschlag nehmen, wie der mögliche Ausweg immer schmaler, immer weniger gangbar wird, wie schliesslich alle Lösungen bis auf eine ausser Betracht fallen – auch das wird deutlich und schonungslos gezeigt. Zuletzt sehen wir die tote Julia in einer Schlussszene von plötzlicher poetischer Schönheit.

Hier werden grosse Gefühle verhandelt; hier verbindet sich die expressionistische Intensität der Musik mit der Körperbeherrschung der Tänzerinnen und Tänzer zu jenem Gesamtkunstwerk, als das ich das Ballett lieben gelernt habe. Das Bühnenbild, eine Stahlgerüstkonstruktion, erinnert (passend für dieses tänzerische Stück) an die Stangen im Tanzsaal, an die Burgen und Paläste, die den Rahmen der Handlung bilden, aber auch an ein Gefängnis, dessen Mauern sich die Protagonisten entlang hangeln, ohne sie bezwingen zu können.


Technisches: Zwischen Zügelstress und Kommunikationspannen kommt dieser Post nur noch der Form halber rechtzeitig vor der Dernière. Aber die Saison geht ja noch vielversprechend weiter…