Freitag, 6. Mai 2011

Zwischen allen Stühlen

Dass ich den griechischen Autor Petros Markaris sehr gerne lese, ist auf diesem Blog bereits zur Genüge dokumentiert. Seine Kostas-Charitos-Krimis habe ich alle verschlungen. Dass mich folglich auch seine Autobiografie interessiert, wird nicht verwundern. Allerdings ist „Autobiografie“ vielleicht die falsche Bezeichnung für das Buch Κατ΄εξακολούθηση, das Markaris 2005 für die Kollektion „In der Küche des Schriftstellers“ (Στην κουζίνα του συγγραφέα) verfasst hat. Es handelt sich präziser um einen Rück- und Überblick über sein literarisches Schaffen und dessen Verortung in seinem Leben, seinem Denken und seinen Erfahrungen. Und es ist dieses aussergewöhnliche und vielseitige Leben, das mich bei der Lektüre am meisten fasziniert hat. Von armenischer und griechischer Herkunft, in Konstantinopel/Istanbul dreisprachig (Griechisch, Türkisch, Deutsch) aufgewachsen, Ökonomiestudent in Österreich und Deutschland, dann nach Athen übersiedelt, Theater- und Drehbuchautor (unter anderem für Filme von Angelopoulos und Fernsehserien), Übersetzer von Brecht und Goethe und eben seit knapp zehn Jahren höchst erfolgreicher Kriminalschriftsteller – einer Katze vergleichbar scheint Markaris mehr als ein Leben zu haben. Eindringlich beschreibt er das Istanbul der 40er und 50er Jahre, eine Stadt, die mit dem Adjektiv „kosmopolitisch“ nur unzulänglich beschrieben ist. In drei Minuten Tramfahrt, erinnert sich der Autor, war es absolut üblich, sechs Sprachen zu hören: Türkisch, Griechisch, Armenisch, Sephardisch, Italienisch und Französisch. Gleichzeitig lebten die bedeutenden Minderheiten der Griechen, Armenier und Juden traditionell nicht nur von den Türken, sondern auch voneinander säuberlich getrennt – so sehr, dass die Ankündigung von Markaris‘ armenischem Grossvater, er wolle eine junge Griechin heiraten, umgehend zu seiner Enterbung führte. Nur am Rand kommt der Autor auf die Pogrome gegen die Nicht-Türken zu sprechen, die in den Fünfziger Jahren viele ihrer Angehörigen ins Exil drängten. Für den jungen Petros bedeuteten sie insbesondere, dass seine Eltern ihre Stadtwohnung aufgeben mussten und sich ins Sommerhaus auf den Prinzeninseln zurückzogen, eine für den Teenager aus der Grossstadt die meiste Zeit sterbenslangweilige Umgebung. Von den weiteren Lebens- und Schreibensstationen seien zwei erwähnt: Markaris‘ einziges Theaterstück, Die Geschichte von Ali Retzo, mit dem er die Zensoren der Militärjunta übertölpelte und nach eigener Einschätzung den bedeutendsten kulturellen Widerstandsakt gegen die Obristendiktatur auslöste; und die augenzwinkernde Art und Weise, wie sich Kommissar Kostas Charitos, dieser kleinbürgerlich-bauernschlaue Polizist, plötzlich und unerwartet im Kopf seines Autors einnistete und diesen im hohen Alter zum Romanautor machte (und zu einem über alle Massen erfolgreichen dazu).

Weniger spannend, streckenweise sogar reichlich langweilig, fand ich die literaturtheoretischen Passagen des Buches. Markaris entwirft eine umfassende Theorie des zeitgenössischen Kriminalromans und lässt sich dazu ausführlich über die bekanntesten literarischen Kommissare Europas, ihre Denkweisen und ihre kulinarischen Vorlieben aus. Das ist für die Einordnung seines eigenen Werks nicht uninteressant, aber für den gemeinen Krimileser etwas langfädig. Auch der Essay über die Brecht-Rezeption in Griechenland gehört in diese Kategorie. Die direkte, ruppige, oft sarkastische Sprache, die Markaris seinem Helden Kostas Charitos in den Mund legt, ist weit besser zugänglich als der häufig etwas schwerfällige griechische Essay-Stil, der viele Seiten des Buches dominiert. Dem Literaturwissenschaftler mag es anders ergehen; ich bin mir bewusst, dass diese Empfindung stark von meinen persönlichen Vorlieben und Interessen abhängt. Deshalb freue ich mich besonders, dass letztes Jahr ein weiterer Charitos-Krimi herauskam (der erste Band einer Trilogie überdies), der als Souvenir aus Athen mitgekommen ist und jetzt in meinem Regal der Lektüre harrt.


Technisches: Petros Markaris, Κατ΄εξακολούθηση. Athen, Patakis 2005. ISBN 978-960-16-2256-9. Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Wiederholungstäter. Ein Leben zwischen Athen, Wien und Istanbul (übersetzt von Michaela Prinzinger) 2008 bei Diogenes in Zürich erschienen (ISBN 978-3-257-06639-5).


P.S.: Auf den Tag meiner Rückkehr aus Athen ist auch der vierte Geburtstag dieses Blogs gefallen. Auch für Blogs scheint zu gelten: Je älter, desto weniger wichtig werden genaues Alter und Jahrestage. Anstelle eines gloriosen Festtagsbeitrags bitte ich deshalb die geneigte Leserin und den geneigten Leser ganz bescheiden um zwei Sekunden Innehalten und Meditieren über die Vergänglichkeit alles Irdischen…

Montag, 18. April 2011

Immer diese Hitze

Ich hätte gewarnt sein sollen: Das Geheimnis der Signora ist bei Bastei-Lübbe erschienen und auf schnell bräunendes Billigpapier gedruckt. Zudem ist nirgends angegeben, wer für die deutsche Übersetzung verantwortlich ist; also wars wohl entweder eine Agentur oder aber ein bedauernswerter Einzelkämpfer, der nicht mit seinem Namen zum schlecht bezahlten Resultat stehen wollte. Tatsächlich holpert und stolpert der Text von Anfang an. Aber dafür, dass die Geschichte nicht funktioniert, kann der Übersetzer nichts – das ist allein die Schuld des Autors Marco Vichi. Sein Krimi spielt im Sommer 1963 im glühend heissen Florenz, als in einer feudalen Villa eine alte Dame tot aufgefunden wird. Commissario Casini, der mit dem Fall betraut wird, erkennt schnell, dass es sich nicht um einen natürlichen Tod handeln kann, und da die Hauptverdächtigen ebenso flott identifiziert sind, könnte es sich hier eigentlich um einen jenen Krimis handeln, in denen die Suche nach dem Täter und dessen Überführung in den Hintergrund rücken zugunsten eines allgemeineren Sittengemäldes. Autoren wie beispielsweise Petros Markaris schätze ich genau für solche Bücher. Doch wenn bei Vichi der Plot mal in den Hintergrund gerückt ist, bleibt nicht mehr viel. Einige bescheidene Ansätze zu einer Meditation über die Relativität von Gut und Böse, von Schuld und Unschuld, wirken plakativ und oberflächlich. Sämtliche Figuren sind wandelnde Klischees, wie etwa der neue Mitarbeiter von Casini, direkt aus Sardinien angekommen, jung, motiviert, blitzschnell und schlau – aber sobald er eine schöne Frau sieht, geht sein südliches Temperament mit ihm durch. (Zudem ist er, o glückliche Fügung, der Sohn von Casinis Kriegskameraden, was jenem Anlass zu allerlei schwermütigen Flashbacks gibt.) Des Kommissars Bruder macht eine jähe und grotesk überzeichnete Wandlung vom mürrisch-strengen Chemielehrer zum langbärtigen liebestrunkenen Hippie durch. Die mutmasslichen Bösewichte sind aufgedunsen, triefen vor Schweiss und tragen bunte Krawatten und zu enge Hemden. Vollends nur noch peinlich wird die Geschichte, als Casini einer langbeinigen Kellnerin hinterherlechzt und sich danach schwülstig an das Kindermädchen erinnert, das den Pubertierenden seinerzeit sexuell initiiert hatte. Da fühlt der Leser die Hitze geradezu physisch, die im Übrigen nicht nur vom Anfang bis zum Ende die einzig vorkommende Wetterlage ist, sondern auch auf gefühlt jeder zweiten Seite ausführlich thematisiert wird. Auch die Gelegenheit, Das Geheimnis der Signora als Lokalkrimi zu gestalten und Orte und Anekdoten aus Florenz einzuweben, versiebt Vichi rettungslos. Wir sehen einmal kurz den Ponte Vecchio und einmal San Miniato al Monte, ansonsten könnte die Geschichte auch in Hintertupfigen spielen. Und bei allem Verständnis für den Verzicht auf einen klassischen Whodunit: Mindestens eine halbe falsche Fährte hätte der Autor legen können, zumal er sich das Personal dafür (etwa die Gesellschafterin oder den Arzt der Signora) pfannenfertig geschaffen hat.

So könnte man das Buch als Strand- oder Zuglektüre ohne grossen Anspruch bezeichnen, wenn es für diese Anlässe nicht so viele packendere und gleichwohl intelligentere Romane gäbe. Auf dem Umschlag jubiliert Italia Oggi: „Ein neuer italienischer Commissario ist geboren.“ Diese Feststellung ist nicht falsch; aber wenn er nicht geboren wäre, hätte ich zumindest ihn nicht vermisst.


Technisches: Marco Vichi, Das Geheimnis der Signora. Commissario Casinis erster Fall. Bastei Lübbe Taschenbuch 15155. Bergisch Gladbach, Verlagsgruppe Lübbe 2004. ISBN 3 404 15155 0. Das italienische Original ist unter dem Titel Il Commissario Bordelli (sic!) 2002 bei Ugo Guanda Editore erschienen.

Freitag, 8. April 2011

Herbst in Kaschmir

Kaschmir, sagte der indische Schauspieler und Regisseur Aamir Bashir bei der Vorstellung seines Films Harud (Autumn) am 25. Festival International de Films de Fribourg (FIFF), sei früher wegen seiner Naturschönheit auch als die Schweiz Asiens bezeichnet worden. Seit den kriegerischen Auseinandersetzungen, die vor rund 30 Jahren begannen, sei das ehemalige Paradies aber zur Hölle geworden.

Diese beiden Sätze können gleichsam als Zusammenfassung des Films verstanden werden. Autumn zeigt nämlich das Leben in dieser Hölle, die sich zwar nicht durch Feuer und offene Brutalität auszeichnet, aber durch Trostlosigkeit und Verzweiflung. Verkörpert werden diese in erster Linie von Rafiq, der jungen Hauptperson, der den ganzen Film hindurch ein dermassen leeres, von jeglicher Energie und Freude freies Gesicht zeigt, dass man ihn schütteln möchte, wenn man nicht wüsste, dass Schütteln nicht reichen wird. Rafiqs älterer Bruder gehört zu den Tausenden von spurlos Verschwundenen, und es ist als ob der Vermisste jegliches Leben aus der Familie saugen würde. Die Mutter leidet still, protestiert wöchentlich gegen die Praxis des Verschwindenlassens. Der Vater, Verkehrspolizist und eine markante Erscheinung mit seiner Uniform, seinen scharfen Zügen und dem grauem Haar, versinkt in der Verzweiflung, bis er buchstäblich den Verstand verliert. Rafiq selber will über die Grenze nach Pakistan flüchten, scheitert aber, muss zurück in die Hölle, in die Apathie. Weder seine Freunde noch die bevorstehende Einführung der Mobiltelefonie können ihn daraus aufwecken. Einmal kommt beim Betrachter kurz Hoffnung auf, als Rafiq nämlich die Kamera seines Bruders findet, den Film entwickeln lässt und auf den Fotos eine junge Frau entdeckt, die ihn offensichtlich interessiert. Aber auch dieser mögliche Rückweg ins Leben stellt sich als Sackgasse heraus, versandet im Niemandsland der Tristesse.

Die Geschichte wird mehr angedeutet als erzählt, vieles muss man sich zusammenreimen. Fragmente des kaschmirischen Herbstes reihen sich aneinander, Hintergrundmusik fehlt vollständig. Die Kamera hat viel Zeit: Es passiert hier nichts. So inszeniert sie meisterhaft Stillleben mit bunten Blättern, blickt desillusioniert auf die Grenzanlagen, folgt lange den davonfliegenden Vögeln. Das lässt die drückende Stimmung in der Hölle Kaschmir erleben und macht Autumn trotz seiner Kürze zu einer schweren Kost: kein Film also, den man aus vollem Herzen weiterempfehlen könnte, aber ein wichtiger Film, einer, der eine Fussnote der Aktualität fühlbar und begreifbar macht. Nur selten gestatten wir dem Kino diese aufklärerische Funktion. Einem Festival wie dem FIFF ist es zu verdanken, dass es immerhin einmal jährlich geschieht.


Technisches: Harud (Autumn), Regie Aamir Bashir, Indien 2010. Von den Filmen aus dem Wettbewerb beim FIFF schaffen es bekanntlich die wenigsten regulär in die Schweizer Kinos. Dass ausgerechnet dieser schwierige Film dazu gehören sollte, ist kaum zu erwarten.

Sonntag, 3. April 2011

Everybody's looking for something

Film, Tanz, Theater – das alles lässt sich durchaus unbefangen geniessen, unmittelbar, unhinterfragt, ohne dass man dem Kunstwerk dabei Unrecht täte. Entscheidend für die Interpretation ist der Interpret, und seine Freiheit ist praktisch unbeschränkt. Wenn ich auf diesem bescheidenen Blog versuche, den Werken, die ich gesehen habe, etwas tiefer auf den Grund zu gehen, so geschieht das nicht aus elitärem Dünkel, sondern aus meinem Interesse, aus dem reichhaltigen Material, das uns geboten wird, mehr als nur den ersten Eindruck herauszulesen. Das macht Spass, ist aber durchaus auch Arbeit. Dass dabei Übung den Meister macht, wird mir (und hoffentlich auch den gelegentlichen Mitlesenden) beispielsweise beim Tanz bewusst, wo ich mich nach ein paar Jahren Schauen und Bloggen inzwischen sicherer fühle, mehr verstehe und besser analysieren und einordnen kann. Ein bisschen schmerzlicher ist das Fazit bei der freien Theaterszene. Da bin ich mangels Erfahrung in der Regel immer noch ziemlich aufgeschmissen, zu wenig vertraut mit dem narrativen, inszenatorischen und musikalischen Vokabular, um zu mehr als einer fragmentarischen Interpretation zu gelangen. Weil dieser Blog aber auch ein Lehrblätz sein soll, kommt hier ein Artikel als learning by doing, oder zumindest als Versuch dazu. Sein Objekt ist Platonow von Anton Tschechow, dessen zweiter Teil kürzlich auf der Bühne des Nouveau Monde in Fribourg zu sehen war.

Hilfreich ist dabei eine Lektion aus der Archäologie: Der Weg zum Verständnis führt über die präzise Beschreibung. Da ist zunächst die kuriose Geschichte des Stückes selber. Tschechow hatte das Manuskript aus Enttäuschung eigentlich vernichtet; erst in seinem Nachlass wurde die Erstfassung wieder entdeckt. Ein namenloses Frühwerk mit einer Spieldauer von gegen acht Stunden – kein Wunder, dass Platonow (so der Ersatztitel) kein Bühnenrenner wurde. Der junge Regisseur Alexandre Doublet hat sich mit seiner Compagnie des sperrigen Stückes angenommen und bringt es adaptiert als Trilogie unter dem Titel Il n’y a que les chansons de variété qui disent la vérité zur Aufführung. Das Setting: eine Party in einer schicken Villa, alles wahnsinnig entspannte thirty-somethings, teils mit Kindern, plus die Hausherrin, die junge Witwe Anne. In der zweiten Episode (Sweet Dreams) geht das Fest langsam in den Abend über. In den netten Fassaden zeigen sich schnell die Risse. Die erfolgreiche Bande kämpft mit Eifersucht und Sticheleien; man mag sich nicht wirklich leiden und teilt ordentlich und unverhohlen nach allen Seiten aus. Wer den Schaden hat (wissenschaftlich oder finanziell), braucht für den beissenden Spott nicht zu sorgen. In brutalen Wortgefechten werden Beziehungskrisen ohne Rücksicht auf Verluste ausgetragen. Die Handkamera hält schonungslos auf die Opfer dieser Kleinkriege drauf, die entwaffnet und wehrlos in den Ecken liegen – bis sie sich in neue Kleider und wieder in den zerstörerischen Mahlstrom des Festes stürzen, als wäre nichts gewesen. Und da sind da noch die chansons de variété: Plötzlich hält der Nahkampf inne, und einer oder mehrere seiner Protagonisten greifen zur Gitarre, trällern uns ein Liedchen – wie eine kurzzeitige Flucht in eine kleine heile Welt, gleichermassen tiefe Einsicht wie zynischer Kommentar zur Ausweglosigkeit ihres Lebens.

So bietet Sweet Dreams mehr als zwei Stunden Material für verschiedene Interpretationsansätze an. Beeindruckt hat mich, wie der schöne Schein demaskiert wird; wie nicht mehr ganz junge Menschen sich gegenseitig von dem schmalen Felsvorsprung in einer endlos hohen Wand, auf dem sie sich gerade so knapp und mühevoll eingerichtet hatten, mit grosser Bosheit hinunterstürzen – und wie sie in einer schwer zu beschreibenden Weise in ihrem Scheitern, ihrem Fallen, so etwas wie eine Statur gewinnen, eine Würde, eine Entschlossenheit, die vorher gespielt war und jetzt irgendwie echt ist.


Technisches: "Sweet Dreams" der Compagnie Alexandre Doublet wurde im Winter 2010/11 auf den koproduzierenden Westschweizer Bühnen gezeigt. Weitere Aufführungen sind momentan nicht vorgesehen. Der dritte Teil von "Il n’y a que les chansons de variété qui disent la vérité" ist in Vorbereitung. Auf Deutsch ist "Platonow" übrigens jetzt gerade im Zürcher Schauspielhaus zu sehen, in einer bemerkenswerten Inszenierung von Barbara Frey.

Sonntag, 27. März 2011

Karthaia

Die Insel Kea (für Altgriechen: Keos) liegt dem Festland von allen Kykladen am nächsten, gehört aber dennoch nicht zu den ausserhalb Griechenlands bekannten Reisezielen. Wer ein Auto zur Verfügung hat, erreicht den kleinen Hafen Lavrio an der Südostspitze Attikas von Athen aus relativ speditiv; mühsamer reist an, wer auf den öffentlichen Verkehr angewiesen ist. In Lavrio schifft man sich auf der Fähre ein, die einen in gut einstündiger Fahrt, vorbei an der langgestreckten ehemaligen Gefängnisinsel Makronissos, in Keas Hafenort Korissia bringt. Die eindrücklichste Attraktion der ruhigen, grünen Insel ist der Hauptort Ioulis, spektakulär auf einem Sattel zwischen zwei Hügeln gelegen, mit seiner archaischen Kolossalstatue eines liegenden Löwen. In der klassischen Antike bestanden auf Kea vier politische Zentren: neben Ioulis und Koressia auch Poieessa und Karthaia, dessen Akropolis sich an der Südostküste auf einem schmalen Felshügel zwischen zwei Bachbetten erhebt. Wer nicht per Boot an dem flachen Strand an Land gehen kann, erreicht Karthaia nur per mindestens einstündigen Fussmarsch auf einem der diversen Wanderwege, die sich die Flanken der Insel hinunterwinden.

Dieser unzugänglichen, aber spektakulär gelegenen und archäologisch wertvollen Stätte wurde zwischen 2002 und 2008 durch das „Programm zur Konservierung und Entwicklung des antiken Karthaia“ – unter anderem mit Geldern aus dem Europäischen Fonds für Regionalentwicklung – neues Leben eingehaucht: Die Steine wurden vom Wildwuchs befreit, Mauern gerade gerichtet und ausgebessert, Bauglieder der Tempel und anderen Gebäude identifiziert, und die Rekonstruktion einzelner Säulen und Maueransätze (zusammen mit den Informationstafeln) erleichtert dem unerfahrenen Besucher das Verständnis der Fundamente. Parallel dazu vervollständigten punktuelle Ausgrabungen das Bild, das sich die Fachwelt bisher von der archäologischen Stätte gemacht hatte. Ausdrückliches Ziel war es, in Karthaia einen sanften, möglichst naturnahen Tourismus anzuregen. Entsprechend wurden die althergebrachten Wander- und Ziegenwege nicht zu Autobahnen ausgebaut, sondern einzig instand gestellt und markiert. Karthaia soll weiterhin hauptsächlich zu Fuss erreicht werden.

Die Restaurierungs- und Rekonstruktionsarbeiten wurden vor bald zwei Jahren abgeschlossen. Dazu erschien die Publikation, um die es hier eigentlich gehen soll: Καρθαία / Karthaia. Ich muss gleich anfügen, dass ich das Buch nicht gekauft, sondern geschenkt bekommen habe, und zwar von einer der Autorinnen, meiner Studienkollegin Tania Panagou. Wenn ich mir trotzdem eine kurze Besprechung erlaube, dann aus zwei Gründen: Erstens glaube ich nicht, dass irgendjemand, der hier mitliest, zum potentiellen Käuferkreis des Werkes gehört. Zweitens aber finde ich es wichtig zu betonen, wie schön und zugleich nützlich die Publikation einer archäologischen Stätte sein kann, wenn alle Ingredienzen stimmen – wenn Geld und Zeit vorhanden sind, um Stress und Schludrigkeit zu verhindern, wenn eine kleine Equipe mit Herzblut bei der Sache ist, und wenn auf die Selbstbespiegelung in einer abgehobenen Fachdiskussion verzichtet wird zugunsten einer zugänglichen, aber immer präzisen Darstellung. Dass eine relativ entlegene Stätte mit einer so gelungenen Publikation geehrt wird, ist beglückend. Das Buch ist reich und hilfreich bebildert, und der in drei Sprachen parallel gehaltene Text (Griechisch-Englisch-Französisch) überlässt dem geneigten Leser jederzeit die Wahl, welche Fremdsprache er aktuell gerade revidieren möchte.


Technisches: E. Simantoni-Bournia, L.G. Mendoni, T.-M. Panagou, Καρθαία. ...ἐλαχύνωτον στέρνον χθονός... Athen 2009. ISBN 978 960 89366 2 1. Einen Link zum Buch konnte ich beim besten Willen nicht finden.

UPDATE: Wer des Neugriechischen mächtig ist, findet hier ziemlich ausführliche Informationen zur Restaurierung von Karthaia mitsamt der zugehörigen Bilddokumentation. Und anstatt auf Google Maps zeigt der Link zu Kea jetzt auf die offizielle Website der Insel.

Freitag, 18. März 2011

Les émotifs anonymes

Eine krankhaft scheue Confiseurin sucht Arbeit in einer etwas heruntergewirtschafteten Schokoladenfabrik, trifft dort auf einen Patron, der ebenso gehemmt ist wie sie selber – und die beiden verlieben sich auf den ersten Blick. Wie aber sollen die Ärmsten je zusammen kommen? Und überhaupt: Wie soll man aus dieser Idee einen Film machen, der sich nicht in Peinlichkeit und billigen Scherzen erschöpft? Jean-Pierre Améris hat das Kunststück mit Les émotifs anonymes geschafft. Den grössten Anteil daran haben seine Hauptdarsteller. Wie Benoît Poelvoorde als Jean-René Van Den Hugde zwischen gelegentlichem Mut, häufiger Traurigkeit und abgrundtiefer Verzweiflung fast simultan hin- und herwechselt, wie er all diese Gefühle mit sparsamster Mimik und Gestik auslebt – das ist ganz grosse Schauspielkunst. Und Isabelle Carré als Angélique Delange legt mit übermenschlicher Anstrengung immer wieder einen dünnen Firnis von Selbstbewusstsein über ihre dennoch kaum zu bändigende Menschenscheu. Und wie sie einen der besten Filmsätze der letzten Jahre, ein simples: „Ah, tiens, bonsoir!“, so setzt, dass im ganzen Kino fröhliches Gelächter ausbricht, muss man gesehen haben (ich empfehle dringend die Visionierung des Trailers).

So ist dieser kurze, leichtfüssige Film nie verletzend, sondern bittersüss-komisch. Mit ein paar klugen Weichenstellungen im Drehbuch gibt Améris seinen gehemmten Protagonisten regelmässig den nötigen Anstoss, die Geschichte voranzubringen: Jean-Renés Psychologe stellt ihm kleine Aufgaben, die das Potential sowohl zu desaströsen als auch zu wunderbar intimen Situationen in sich tragen. Angélique ist in Tat und Wahrheit keine simple Confiseurin, sondern eine der talentiertesten Chocolatières, die das Land je gesehen hat. Und die Selbsthilfegruppe der Emotifs anonymes steuert im richtigen Moment ganz regelwidrig den sanften Tritt in den Hintern bei, den sich Jean-René und Angélique trotz aller Willensanstrengung selber nicht geben können. So kann der Film leicht selbstironisch enden, in einer wunderschön poetischen Szene, entspannt untermalt vom eingängigen Big Jet Plane von Angus & Julia Stone.


Technisches: Les émotifs anonymes ist einer jener französischen Filme, denen man den Sprung über den Röstigraben von Herzen wünscht. (Es existiert auch bereits ein deutscher Titel, der leider ziemlich missglückt ist: Anonyme Romantiker.) Im Moment läuft er noch da und dort in der Westschweiz.

Montag, 7. März 2011

Geschacher um Sarpedon

Im Mittelpunkt dieses Beitrags hätte der Krater des Euphronios mit Eros und Thanatos stehen sollen, die den toten Sarpedon aus der Schlacht tragen: vielleicht die schönste bekannte griechische Vase, ein Meisterwerk der Kunstgeschichte – und zentrales Objekt eines Kunsthandelsthrillers, packender als jede Fiktion. Wer sich mal ein Stündchen gut unterhalten will, dem sei die mitreissende Aufzeichnung dieser Verwicklungen durch Thomas Hoving herzlichst empfohlen, dem damaligen Direktor des Metropolitan Museum of Art. Ihm wurde nämlich dieses Meisterstück im Herbst 1971 vom bereits damals skandalumwitterten Antikenhändler Robert Hecht angeboten. Hecht machte vage Andeutungen zur herausragenden Bedeutung und zum exorbitanten Preis einer bislang unbekannten Vase vorerst unklarer Provenienz und lud zur Besichtigung in Zürich ein (of all places). Kann man „Grabraubgut“ noch deutlicher schreiben? Hoving, der sich damals stark für einen Ehrenkodex der Antikenmuseen zum Umgang mit Antiquitäten zweifelhafter Herkunft engagierte, war natürlich auf der Hut. Er beschreibt aber auch offen, wie absolut rettungslos ihn der Krater faszinierte, als er ihn zum ersten Mal zu Gesicht bekam – und wie erleichtert, als Hecht Nachweise für die Provenienz des Kunstwerks aus altem Privatbesitz lieferte, die sich zuerst zwar etwas unglaubwürdig anhörten, sich aber nach und nach unter dem prüfenden Blick der italienischen Justiz und der Presse erhärteten. Hoving handelte den Kaufpreis auf eine Million Dollars herunter, zahlte, und der Krater kam nach New York.

Dabei hätte es bleiben können, wenn Hecht wirklich ein anständiger Händler gewesen wäre. War er aber nicht: In jenem Herbst 1971 gingen nämlich nicht ein, sondern unglaublicherweise gleich zwei Kratere von Euphronios durch seine Hände, beide in Scherben: einer aus libanesischem Privatbesitz, der andere aus der illegalen Ausgrabung eines etruskischen Grabes bei Cerveteri. Sein Geniestreich war es, letzteren mit der Provenienzdokumentation des ersteren zu adeln und ihn so vermeintlich gefahrlos auch einem kritischen Kunden, nämlich einem renommierten Museum, zu verkaufen. Und da nun Italien seit einigen Jahren eine intensive Kulturaussenpolitik betreibt, um den Antiquitätenschmuggel zu beleuchten, zu denunzieren, und um Kunstwerke zu repatriieren, die ganz offensichtlich unrechtmässig das Land verlassen haben, wurde alsbald der zweite Akt des Thrillers geschrieben, der (für mich reichlich überraschend, siehe z.B. die Parthenonskulpturen) damit endete, dass der Euphronios-Krater an den italienischen Staat zurückgegeben wurde. Mit Pomp und Prominenz wurde das gute Stück willkommen geheissen und fand seinen ihm zustehenden Platz im Museo nazionale etrusco in der Villa Giulia in Rom.

Damit rückte dieses Meisterwerk für mich sozusagen in Griffweite und ein Besuch der Villa Giulia ins Pflichtprogramm für die nächste Romreise. Im Oktober des letzten Jahres war es endlich so weit. Doch dann: Als wir zur Kasse der Villa Giulia kamen, begrüsste uns ein Plakat mit der Information, dass der Krater des Euphronios zurzeit nach Venedig ausgeliehen sei, an die Ausstellung I Carabinieri per l’arte. Tessere di un patrimonio recuperato… Ich hätte das gesamte Personal samt Putzfrau würgen können, aber die gute Erziehung machte sich glücklicherweise noch rechtzeitig bemerkbar, und wir lösten artig zwei Eintritte. Tatsächlich lohnte sich der Besuch auch ohne Euphronios, mindestens im kürzlich neugestalteten ersten Teil. Das Ordnungsprinzip ist dort der Fundzusammenhang der Objekte, sind die einzelnen etruskischen Siedlungen und Nekropolen. Dennoch gelingt den Gestaltern eine klare, verständliche Darstellung der Epochen und Stile, und ich muss gestehen, dass wir etliche Meisterwerke entdecken konnten. Deutlich mühsamer und anstrengender war dann die zweite, noch nicht aktualisierte Partie der Villa Giulia, wo in nicht enden wollenden Räumen randvolle Vitrinen im Sechziger-Jahre-Design dumpf aufeinander folgten. Und in sträflicher Nonchalance haben es die Verantwortlichen fertig gebracht, das Highlight des Hauses (jedenfalls für mich) sehr effizient zu verstecken: In einem kleinen, düsteren Nebenraum standen drei Vitrinen wie zwischengelagert eng aufeinander, von wenigen Spots halbbatzig beleuchtet – und erst im letzten Moment, schon beim Herausgehen, entdeckte ich in der einen von ihnen die Olpe Chigi, Meisterwerk der korinthischen Vasenmalerei und seinerzeit Stammgast in meinen archäologischen Vorlesungen.

Bei solchen und ähnlichen Erlebnissen bin ich durchaus versucht, mich zu fragen, ob es wirklich Sinn macht, einem Staat Kunstwerke zurückzugeben, der mit seinen eigenen Schätzen so lieblos umgeht. Aber als Schweizer hält man bei dieser Thematik wohl besser den Mund. Nichts hätte dies treffender illustrieren können als der grosse Saal neben der erwähnten Abstellkammer. Dort wird anscheinend ein neuer Ausstellungsteil zum Thema Kunstraub und Kunsthandel aufgebaut, und bereits sind da einige in den letzten Jahren wiedergefundene Objekte höchster Qualität versammelt. Eine besonders unrühmliche Rolle spielt dabei das Zollfreilager Genf – was mich unweigerlich wieder einmal zu der Frage führt, weshalb die offizielle Schweiz während Jahrzehnten nicht nur nichts gegen den internationalen Kunstraub unternahm, sondern ihn durch spezielle Gesetze sogar noch aktiv beförderte. Da ist viel Unheil angerichtet worden, und Patentrezepte gibt es keine. Eines immerhin zeigen das Schicksal des Euphronios-Kraters, aber auch die aktuellen Prozesse gegen der erwähnten Robert Hecht oder die Getty-Kuratorin Marion True: Das Bewusstsein für das Unrecht steigt.


Technisches: Das Museo nazionale etrusco befindet sich in der Villa Giulia, der ehemaligen Sommerfrische von Papst Julius III. am Nordrand der Villa Borghese. Von der Piazza del Popolo (Metro A, Flaminio) ist das ein angenehmer Spaziergang; man kommt aber auch mit Bus 19 oder Tram (Bus) 3 bis fast vor die Tür. Nur erkundige ich mich nächstes Mal vielleicht vorher, ob das Objekt meiner Begierde im Haus ist…