Dienstag, 3. April 2012

Sapperlot!

Die Schweiz ist ein raumfüllender schwarzer Spannteppich, nahtlos ins Ausland übergehend; nur die Negative der Seen akzentuieren diese uniforme Landschaft und machen sie kenntlich. Darüber hängen dreizehn Lautsprecher, und daraus tönt Dialekt. Sapperlot! Mundarten der Schweiz heisst die Ausstellung in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern, und drei Dutzend Tonzeugnisse spielen die Hauptrolle, nehmen den Raum ein, bevölkern die leere Schweiz aus Teppich: witzig-trockene berndeutsche Gedichte von Eggimann und Marti, Slampoesie avant la lettre von Niklaus Meienberg, der verhalten melodische Klang der romanischen Idiome, ein edles, ein wenig steifes Stadtbaseldeutsch, das Greyerzer Patois mit seinen an alles, nur nicht ans Französische erinnernden Lauten, und die ausgesprochen farbigen, etwas wilden Dialekte aus den Tessiner Tälern. Überraschend gut verständlich ist das Walserdeutsch aus Bosco/Gurin, hart an der Grenze der Haslitaler Dialekt, und eine richtige Fremdsprache ist das ausgestorbene Surbtaler Jiddisch, aus dem nur einzelne Begriffe wie Tachles oder Mischpòòche herausleuchten. Man kann problemlos lange verweilen unter diesen Hörfenstern in die gesprochene Sprache (oder an den Hörstationen mit identischem Inhalt), und dazu kann man im schönen Begleitheft mitlesen, so gut es geht, die überbordenden Akzentlandschaften des Patois durchmessen und die ü-punktierte Bibelstelle aus Cavergno, und immer wieder staunen über den seltsamen und leicht anarchischen Vorgang, der aus einer gesprochenen Sprache wie dem Entlebuchischen einen Text macht. Die faszinierende Diglossie der Deutschschweizer wird auch in einigen träfen Zitaten von Dichtern und Denkern im Gang vor der Ausstellung meditiert und auf den Punkt gebracht.

Den Wänden nach zeigen Vitrinen die Dokumentation des schweizerischen Sprachreichtums. Bücher, Briefe, Notizen und Zettelkasten zeugen von den verschiedenen Versuchen, den Dialektbestand der vier Sprachgebiete festzuhalten: das Schweizerische Idiotikon, das Glossaire des patois de la Suisse romande, das Vocabolario dei dialetti della Svizzera Italiana und der Dicziunari Rumantsch Grischun entpuppen sich als monumentale Forschungsunternehmungen, aus bescheidenen Anfängen geboren und geprägt von mühevoller Kleinarbeit. Eine Zusammenstellung der Aufnahmegeräte ergibt eine beeindruckende Technologiegeschichte, vom Phonographen bis zum Flash-Recorder – und das Problem der Archivierung der Aufnahmen wird implizit überdeutlich. Ein kleiner Querschnitt durch Schweizer Dialektliteratur aus den hauseigenen Beständen sorgt für Wiedersehensfreude und Aha-Effekte.

Wie in der Nationalbibliothek üblich ist die Ausstellung klein aber fein. Extra nach Bern reisen werden dafür wohl nur speziell Interessierte. Es empfiehlt sich aber, Sapperlott! quasi als Zugabe zu geniessen, zum Beispiel zu einem Besuch im neueröffneten Alpinen Museum gleich um die Ecke oder in einem der anderen Häuser des Berner Museumsquartiers.


Technisches: Sapperlot! Mundarten der Schweiz ist in der Schweizerischen Nationalbibliothek in Bern (Hallwylstrasse 15, Erdgeschoss rechts) noch bis am 25. August zu sehen – beziehungsweise zu hören. Hören kann man die Tonbeispiele auch im Internet.

Sonntag, 25. März 2012

A Single Man

George Falconer (Colin Firth) zieht sich langsam an: Er setzt die markante Hornbrille auf, zerreisst das Siegel der Reinigung um das makellos gestärkte, weisse Hemd, bindet die schmale schwarze Krawatte. Der dunkle Anzug ist rasiermesserscharf geschnitten, das blütenreine Einstecktuch steht exakt einen Zentimeter über der Brusttasche. Die ästhetische Perfektion von Modeschöpfer Tom Fords erstem Spielfilm ist atemberaubend. Die flamboyante Julianne Moore als Georges beste Freundin Charley sorgt mit generös toupiertem Haar und wallendem farbigem Kleid für den Wow-Effekt. Georges weisser Mercedes brilliert, seine avantgardistische Villa hoch über Los Angeles ist eine architektonische Wucht.

A Single Man ist ein hundertminütiger Genuss für die Augen – und gleichzeitig ein ungewöhnlich dichtes, intensives Kammerspiel, ein klassisches Drama, in dem sich zwischen drei Hauptpersonen und wenigen Figuranten ein Tag am emotionellen Abgrund entwickelt – unter weitgehender Wahrung der drei Einheiten von Zeit, Ort und Handlung. Es ist der Tag, den der englischstämmige Literaturprofessor George Falconer ausgewählt hat, um aus dem Leben zu scheiden. Die Papiere sind geordnet, ein Wort des Abschieds an die Haushälterin geschrieben, der Revolver steckt in der Aktentasche. Vor acht Monaten ist Georges langjähriger Partner Jim bei einem Autounfall gestorben. Zum unerbittlich nagenden Schmerz kommt die Unmöglichkeit der Trauer (wir schreiben das Jahr 1962): Die Beziehung war nicht öffentlich, Jims Familie ignoriert seinen Freund kategorisch. Jetzt ist das Mass voll, das aufgestaute Leiden nicht länger zu ertragen. Wir begleiten George Falconer durch seinen letzten Tag und erleben die Intensität jedes der nunmehr gezählten Augenblicke, kosten die aufgeladenen Begegnungen mit Schülern, Freunden und Unbekannten aus, werden durch die stetig changierenden Stimmungslagen transportiert, von Hoffnung über Bitternis zur Trostlosigkeit und zurück.

Drei wunderbare Schauspieler tragen den Film ohne Aussetzer durch diese intensive und heikle Thematik hindurch. Colin Firth setzt George Falconer präzis auf den schmalen Grat zwischen Verzweiflung und Selbstbeherrschung. Ich habe keine Ahnung, wie er das macht, aber im einen Moment verströmt er beruhigende Präsenz ­– der Blick klar und bestimmt, der Massanzug wie eine Rüstung –, und alsbald ist er unversehens völlig geknickt, ist das gleiche leicht zerdrückte Gesicht plötzlich ein Mahnmal der Trostlosigkeit, füllt zähflüssige Traurigkeit jeden Winkel des Raumes. Julianne Moores Charley erleben wir zunächst mit brüchiger Stimme, rauchend im zerknüllten Bett, eine scheiternde Existenz auch sie, die aber im Sarkasmus immer noch souverän ihre leichtfüssige Jugend aufleben lassen kann. Mit George verbindet sie eine lange Geschichte, die in einer zentralen Szene des Films gipfelt: einem grossartigen und grossartig inzenierten gemeinsamen Nachtessen, wo die unbeschwerte Vertrautheit plötzlich in Verstörung umschlägt, als klar wird, dass nicht einmal Charley ihren Freund wirklich verstehen und seinen Schmerz begreifen kann. Nicholas Hoult als Falconers glutäugiger Student Kenny schliesslich bringt Offenheit und Zukunft in diese in der Vergangenheit klebende Geschichte. Ihre ausführlich erzählte Begegnung in der Nacht dieses intensiven Tages, fast schwerelos in einem glücklichen Niemandsland zwischen Nostalgie, Verführung und unverhofft aufkeimendem Optimismus birgt den Schlüssel zur Katharsis, zur Auflösung der unüberwindlich geglaubten Verzweiflung.


Technisches: A Single Man ist an den üblichen Orten auf den üblichen Datenträgern erhältlich. Zu erwähnen ist daneben die gleichnamige Romanvorlage von Christopher Isherwood bei University of Minnesota Press, die ich leider noch nicht gelesen habe.

Sonntag, 18. März 2012

Von Laokoon zur Skylla: Archäologische Ermittlungen

Archäologisches habe ich in letzter Zeit regelmässig gelesen und hier auch darüber berichtet. Aber eine Monografie, die mit elegantem, sicherem Strich das Porträt nicht nur einer, sondern gleich mehrerer Epochen entwirft, die aus der Alten und Neuen Geschichte ihre Quellen heranzieht und deutet, die von eigenen, spektakulären Ausgrabungen berichten kann, und die all diese Fäden mit deutscher Gelehrsamkeit zu einem Gesamtbild verwebt, zu einer neuen Interpretation eines bekannten, ja berühmten Bildwerks – ein solches Buch ist kein alltägliches Phänomen. Deshalb ist hier zunächst das Vergnügen zu erwähnen, das mir die Lektüre von Bernhard Andreaes 1988 erschienenem Band über Laokoon und die Gründung Roms bereitet hat. Ansetzend bei der frühen Rezeptionsgeschichte der Laokoon-Gruppe referiert er die verschiedensten archäologischen, historischen und philologischen Themenkomplexe, taucht unvermittelt in detaillierteste Stilkritik ein, streift dabei wie von ungefähr Indizien, die sich viel später als entscheidend herausstellen sollen, um dann nach dieser Ausbreitung seines gesamten argumentativen Materials mit unerbittlicher Stringenz auf seine Schlussfolgerungen hin zu fokussieren. Das ist hochwissenschaftlich und gleichzeitig beste Unterhaltung.

Der vatikanische Laokoon steht also im Zentrum von Andreaes Überlegungen: eine der bedeutendsten antiken Skulpturen, weit über die Spezialistenzirkel hinaus bekannt und berühmt, was sich beispielsweise in einer Fülle von Parodien und künstlerischen Zitaten äussert. In den Jahrhunderten der Forschung und Rezeption haben sich die Widersprüche um die Datierung (und damit um die kunstgeschichtliche Einordnung) dieses Meisterwerks immer stärker akzentuiert und schliesslich in eine vollkommene Aporie gemündet. Eine etruskische Gemme, die gemäss Andreae eindeutig die Laokoon-Gruppe zum Modell hatte, liefert einen terminus ante quem kurz nach der Mitte des 2. Jh. v.Chr., in welches die Gruppe gemeinhin auch aus stilistischen Überlegungen datiert wurde. Der hintere Teil des Altarblockes jedoch ist aus Marmor von Carrara gearbeitet – von einem Steinbruch also, der erst um 50 v.Chr. eröffnet wurde. Diese Aporie aufzulösen, hat sich Andreae zur Aufgabe gemacht.

Im Rückblick erstaunt, dass die eigentlich nächstliegende Lösung nie wirklich in Betracht gezogen wurde: dass nämlich der vatikanische Laokoon eine römische Marmorkopie eines hellenistischen Bronzeoriginals sein könnte. Andreae identifiziert den Grund dafür im schieren Nimbus dieses Kunstwerkes. Es gehört zu den wenigen, die in der uns erhaltenen antiken Literatur erwähnt sind, notabene vom römischen Universalgelehrten Plinius dem Älteren höchstpersönlich, der den Laokoon allen anderen Werken der Malerei und Bildhauerkunst vorziehen wollte (so jedenfalls die herkömmliche Übersetzung der entsprechenden Passage in Naturalis historia 36, 37). Und in seine Auffindung war ein illustres Dreigestirn – Papst Julius II., sein Architekt Giuliano da Sangallo und Michelangelo – unmittelbar verwickelt. Die Begeisterung war grenzenlos, der Link zu Plinius schnell hergestellt und die Interpretation der Laokoon-Gruppe als Illustration der entsprechenden Szene im zweiten Buch von Vergils Aeneis zu verlockend: Schnell etablierte sich die Datierung als ein (freilich etwas isoliertes) römisches Originalwerk in die Jahre um 30 v.Chr.

Ein archäologischer Glücksfall lieferte schliesslich 1957 den fehlenden Kontext, der die Laokoon-Gruppe aus ihrer Isolation herausholte. In der Grotte des Tiberius von Sperlonga wurden Reste von skulpturalen Monumentalensembles mit Szenen der Odyssee gefunden. Von besonderem Interesse ist eine Gruppe mit Skylla und dem Schiff des Odysseus, die von exakt den drei rhodischen Bildhauern signiert ist, welche Plinius als Urheber des Laokoons erwähnt. Andreae diskutiert die Skylla-Gruppe ausführlich. Er führt sie auf ein Bronzeoriginal des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts zurück und hebt die ausserordentliche Qualität der Kopistenarbeit hervor. Das verwundert nicht, da der Auftraggeber ein Kaiser war, legt aber gleichzeitig eine andere, korrektere Übersetzung der erwähnten Pliniusstelle nahe: Er hat die Laokoongruppe wohl „nur“ allen anderen Werken des Bronzegusses vorgezogen, was wenig erstaunt, wenn man die Vorliebe der Römer für Marmorskulpturen kennt. So wurde der Nimbus zerschlagen, der den richtigen Deutungsansatz überstrahlte, und der vatikanische Laokoon zugleich in den Kontext der hellenistischen Monumentalskulpturen gesetzt, die vor allem mit Rhodos verbunden werden.

Solch monumentale Werke wurden selbstredend nicht einfach so geschaffen und aufgestellt, sondern sind unweigerlich mit politischen Absichten und klaren Aussagen verbunden. Andreae skizziert abschliessend einen wahrscheinlichen Aufstellungskontext: Es könnte sich um die Stadt Pergamon im Jahr 139 handeln. König Attalos II. herrschte dort über ein blühendes Reich mit hochstehender Kultur. In Anbetracht der römischen Expansionspolitik könnte die Laokoon-Gruppe als eindringliches Mahnmal gegen die menschliche Hybris und die Schrecken des Krieges gedacht worden sein. Obwohl Bernard Andreae den Indizienprozess mit geballtem Wissen und punktgenauer Analyse führt, muss diese Deutung vorerst hypothetisch bleiben. Nichtsdestoweniger überzeugt sie durch Stringenz und eine zeitlose Botschaft.


Technisches: Bernard Andreae, Laokoon und die Gründung Roms. Kulturgeschichte der antiken Welt, Band 39. Mainz, Philipp von Zabern 1988. ISBN 3 8053 0989 9. Das Buch ist in verschiedenen Aggregatszuständen, aber nur noch antiquarisch erhältlich.

Freitag, 9. März 2012

Banker enthaupten

Gefragt, was ihn dazu bewogen habe, Der Name der Rose zu schreiben, antwortete Umberto Eco seinerzeit, er hätte den Drang gehabt, einen Mönch zu vergiften. Ob es Petros Markaris mit Ληξιπρόθεσμα δάνεια (Fällige Kredite) ähnlich erging? Ob er den Drang verspürte, einen Banker zu enthaupten? Damit hat er freilich seinen Detektiv, Kommissar Charitos, ziemlich in die Bredouille gebracht. Denn solches, nämlich als Selbstjustiz umgesetzte Bankenkritik, kommt international überaus schlecht an, vor allem zu einer Zeit, da ohnehin schon alle gebannt und etwas herablassend auf Griechenland schauen. Entsprechend gross ist die Hektik in Polizei und Politik. Zunächst beherrscht Charitos‘ Intimfeind Stathakos, Chef der Antiterror-Abteilung, die Szene. Dessen wilde Theorie, dass eine Terrororganisation hinter dem Mord stecken müsse, überzeugt unseren Helden nicht im Geringsten, dafür die nationale und internationale Öffentlichkeit – und die zählen offenbar mehr als der gesunde Menschenverstand. Charitos ist gezwungen, mit angezogener Handbremse zu ermitteln, um dem Platzhirsch nicht zu öffentlich in die Parade zu fahren. Entsprechend kommt er trotz schöner punktueller Erfolge kaum voran, währenddem spektakuläre Plakataktionen und weitere Morde die Öffentlichkeit aufrütteln.

So hat Markaris genügend Zeit, in diesem ersten Band seiner Trilogie der Krise über Griechenland im Sommer 2010 nachzudenken. Aus der Sicht eines ausländischen Lesers ist es nicht das geringste Verdienst dieses Krimis, dass er aufzeigt, was die reichlich abstrakten Berichte und Beschlüsse konkret bedeuten, die uns aus Griechenland in betäubender Regelmässigkeit erreichen. Wohlgemerkt: Das Buch spielt lange bevor die Hilfe der europäischen Partner Griechenlands Wirtschaft erwürgt hat. Dennoch spürt jeder in Charitos‘ kleinem Umfeld die Krise: Er selber kann sich immerhin glücklich schätzen, dass er seine Tochter Katerina studieren und dissertieren lassen konnte, bevor die Talfahrt begann, muss aber fürs Erste mit ein paar Jahren Arbeit mehr rechnen bis zur Rente. Seine Kollegen mit kleineren Kindern bezweifeln rundheraus, ob sie sich deren Ausbildung überhaupt noch leisten können. Koula, die Sekretärin seines Chefs, hat ein ganz anderes Problem: Im Namen der Gleichberechtigung muss auch sie nun vierzig volle Jahre gearbeitet haben, bevor sie in Pension gehen kann. Entweder zieht sie ihre Kinder nebenbei gross, oder ihre Rente verspätet sich. Katerina macht ein unbezahltes Praktikum; der zurechtgestutzte Lohn ihres Ehemannes Fanis, Arzt an einer öffentlichen Klinik, ermöglicht dem jungen Paar nur eine spärlich möblierte Wohnung und kaum mehr einen Abend im Restaurant.

In einer Mischung aus Fatalismus und Pflichtgefühl ermittelt Charitos weiter. Sein Instinkt hat ihn natürlich nicht getrogen, und nachdem sich sein Konkurrent öffentlich blamiert hat, hat er selber endlich freie Bahn. Mit zäher Detailarbeit, untrüglichem Bauchgefühl und tatkräftiger Unterstützung von Koula, die sich an die Front versetzt als Naturtalent erweist, gelingt es Charitos endlich, die diversen Fäden, die er erhascht hat, zu jenem Netz zu verknüpfen, das sich lückenlos um den Mörder zusammenzieht. Die Auflösung ist allerdings fast zu perfekt: Die Mordopfer sind allesamt widerliche Gestalten, der Mastermind des Verbrechens dadurch fast schon ein Wohltäter, der zudem seine Komplizen nur soweit nötig und immer abstreitbar mit Schuld belastet hat und einem Winkelried gleich sich selber für seine hehre Sache opfert. Das ist als literarische Konstruktion grossartig, aber als tatsächlicher Verbrechensplot ein kleines Bisschen unrealistisch. Dem Lesevergnügen tut dies freilich keinen Abstrich.


Technisches: Auf Deutsch ist Ληξιπρόθεσμα δάνεια unter dem Titel Faule Kredite 2011 bei Diogenes erschienen, übersetzt wie immer von Michaela Prinzinger (ISBN 978 3 257 06793 4). Das griechische Original ist bei Gavriilidis erhältlich. Teil zwei der Trilogie der Krise liegt bereits vor (Περαίωση, 2011), und Markaris sitzt gegenwärtig am dritten Teil.

Freitag, 2. März 2012

Heilige Strippenzieher

In den letzten Monaten macht der Vatikan seinem zweifelhaften Ruf als Weltzentrum der Intrigen wieder einmal alle Ehre. Da war zunächst der auf Wikileaks aufgetauchte Brief von Erzbischof Carlo Maria Viganò, seinerzeit die Nummer zwei im Governatorato, der Regierung des Vatikanstaates, an Benedikt XVI, in welchem er von seinen Bemühungen berichtet, mit Korruption und Vetternwirtschaft in den heiligen Palästen aufzuräumen, und den Papst bittet, ihn nicht ausgerechnet jetzt wegzubefördern, da er sich kurz vor dem Ziel wähnt. Genau dies ist freilich passiert: Viganò ist nun Apostolischer Nuntius in Washington, ein prestigeträchtiger Top-Job innerhalb der päpstlichen Diplomatie, aber eben weit entfernt vom Machtzentrum. Und vor ein paar Wochen machte ein seltsames angebliches Mordkomplott gegen Papst Benedikt XVI und seine rechte Hand, Tarcisio Kardinal Bertone SDB, die Runde in den Medien. Das las sich zwar so wirr wie Dan Brown mit Alzheimer; die Reaktion der Presse zeigte jedoch deutlich, dass diese den vatikanischen Eminenzen buchstäblich alle Schandtaten zutraut.

Die Gefahr ist freilich, dass solch krude Theorien von den tatsächlichen Strippenziehern in der katholischen Hierarchie ablenken. Denn dass im Vatikan diverse Seilschaften mit unterschiedlichem Erfolg um Einfluss ringen, steht ausser Zweifel. Hilfreicher als aufgeregte Zeitungsartikel ist in dieser Hinsicht das Buch von Hanspeter Oschwald, Im Namen des Heiligen Vaters. Oschwald, ein Vatikankenner mit jahrzehntelanger Erfahrung, verspricht im Untertitel nichts weniger als aufzuzeigen, „wie fundamentalistische Mächte den Vatikan steuern“. Seine zentrale Aussage: Wer verstehen will, was wie läuft im Vatikan unter Benedikt XVI, tut gut daran, die neuen konservativen und charismatischen Bewegungen in den Fokus zu nehmen.

Erstere sind einem breiteren Publikum bekannt, vor allem das berüchtigte Opus Dei, aber auch die militärisch-elitäre Kongregation der Legionäre Christi, die freilich in den letzten Jahren hauptsächlich wegen des skandalösen Doppellebens ihres Gründers Schlagzeilen gemacht hat. Die neuen charismatischen Bewegungen stehen weniger im Rampenlicht: Die Focolarini, Comunione e Liberazione und der Neokatechumenale Weg sind vordergründig von Laien dominierte Erweckungsbewegungen, welche die Offenheit des Zweiten Vatikanischen Konzils mit einer sehr konservativen Spiritualität und teils sektenähnlichen Gehorsamsstrukturen kombinieren. Hinter den Kulissen streben sie jedoch auf nicht immer nur subtile Weise nach handfestem Einfluss in der Hierarchie. Wer innerkirchlich Karriere machen will, tut offensichtlich gut daran, sich mit diesen Bewegungen gut zu stellen. Oschwald zählt darüber hinaus auch die Gemeinschaft von Sant’Egidio zu den heimlichen Strippenziehern. Er hegt zwar sichtlich Sympathien für die linkskatholisch dominierte „UNO von Trastevere“, die durch ökumenische Offenheit und friedensstiftende Diplomatie bekannt geworden ist, kann ihr aber einen ausgeprägten Machtinstinkt dennoch nicht absprechen. (Ihr Gründer Andrea Riccardi ist übrigens inzwischen Minister ohne Portefeuille in der Expertenregierung Monti – soviel zum Thema Machtstreben.)

Hanspeter Oschwald liefert zahllose Indizien für seine These, und Im Namen des Heiligen Vaters liest sich packend wie ein Krimi. Das Buch leidet allerdings unter zwei Mängeln. Der erste ist gewissermassen unvermeidlich: Wie die regelmässigen Enthüllungen zahlreicher bestens informierter Vatikanisten belegen, gibt es zwar innerhalb der römischen Kurie genügend lose Mäuler, die gerne pikante Interna ausplaudern, wenn es ihrer Sache dient. Aber es ist praktisch unmöglich, aus dieser verschwiegenen Welt belastbare Informationen herauszukriegen. So kann auch Oschwald eine Fülle meist beunruhigender Details liefern, muss jedoch über weite Strecken im Ungefähren bleiben und sich auf Andeutungen, Vermutungen und Gerüchte beschränken. Das schränkt den Wert seiner Aussagen natürlich ein – oder anders ausgedrückt: Um zu vermuten, dass das Opus Dei grossen Einfluss im Kardinalskollegium hat, brauche ich nicht extra ein Buch zu lesen.

Der zweite Mangel wiegt umso schwerer, als dass Oschwald ein altgedienter Journalist und langjähriger Leiter der Burda-Journalisten-Schule ist. Seinem Buch mangelt es nämlich empfindlich an Stringenz. Mehrmals steigt er mit einer pikanten Anekdote ins Thema ein, verpasst es dann aber, präzise den Bogen zum Kern hin zu schlagen. Viele Kapitel stehen reichlich unverbunden nebeneinander, Querbezüge fehlen häufig, einzelne Themen werden mehrfach von neuem behandelt. Vor allem vermisste ich die inhaltliche Geschlossenheit. Ich hatte beim Lesen den Eindruck, als hätte Oschwald nichts weniger als eine Fundamentalkritik von Benedikts Pontifikat angestrebt. So berechtigt eine solche ist: Ein Buch, das die heimlichen Strippenzieher entlarven will, hätte gut daran getan, nicht auch noch die Umstände von Ratzingers Wahl, den päpstlichen Geheimdienst und die Situation der Frauen in der Kirche ausführlich durchzunehmen. So aber sitzt man nach der Lektüre ein bisschen wie betäubt da; als hätte man einen Haufen bunter Steinchen betrachtet, aber kein fertiges Mosaik. Ich tröste mich mit dem Wissen, dass dies das Schicksal jeder zeitgeschichtlichen Darstellung ist, und dass allenfalls aus historischer Distanz ein schlüssiges Bild entstehen kann.


Technisches: Hanspeter Oschwald, Im Namen des Heiligen Vaters. Wie fundamentalistische Mächte den Vatikan steuern. München, Heyne 2010. ISBN 978 3 453 16724 7. Das Buch ist, wenn ich richtig sehe, nurmehr als E-Book erhältlich.

Freitag, 17. Februar 2012

Der Adler der neunten Legion

Noch ein Sandalenfilm: Der Adler der neunten Legion; letztes Jahr erst im Kino, mit zwei Hollywood-Jungstars in den Hauptrollen. Bei dieser Ausgangslage, und weil ich die gleichnamige literarische Vorlage von Rosemary Sutcliff aus den fünfziger Jahren in guter Erinnerung hatte, war ich der filmischen Umsetzung gegenüber etwas skeptisch. Zu meiner freudigen Überraschung erwies sich die Skepsis als unnötig. Zwar war die gesamte Pflicht-und-Ehre-Rhetorik etwas schwer zu ertragen: Der junge Zenturio Marcus Aquila übernimmt ein Kommando im Norden Britanniens, dort wo sein Vater vor Jahren mit der neunten Legion aufgerieben worden ist; aus Unerfahrenheit und Nervosität begeht er gleich zu Beginn wider besseren Rat einen Fehler, bügelt diesen jedoch mit überraschend sicherem Instinkt und einer grossen Portion Heroismus wieder aus und endet schwer verletzt auf einem Landgut der Familie im Süden der Insel. Da ist viel Pathos in den kurzen, geschliffenen Reden und reichlich Heldenmut in den Blicken – Amerika halt, bin ich versucht zu sagen.

Der Hauptteil der Geschichte jedoch überzeugt durch die intensive und vielschichtige Beziehung zwischen Marcus und seinem Sklaven Esca. Nach seiner Verletzung ausgemustert und so der Möglichkeit beraubt, die Familienehre wiederherzustellen, beschliesst Marcus nämlich, auf eigene Faust, nur begleitet von Esca, das besetzte Territorium zu verlassen und jenseits des Hadrianswalls nach dem Feldzeichen der neunten Legion zu suchen, welches sein Vater getragen hatte und das seit jener schicksalshaften Niederlage schmählich vermisst wird. Esca verdankt Marcus, der ihn aus der Arena gerettet hat, sein Leben, und ist ihm als Sklave zu bedingungsloser Unterwerfung verpflichtet, aber macht keinen Hehl daraus, dass er alles geben würde für seine Freiheit. Der Römer seinerseits setzt sich entschlossen und selbstbewusst über sämtliche Warnungen hinweg, muss aber bald feststellen, dass es in Wirklichkeit sein orts- und sprachkundiger Sklave ist, der die Fäden in der Hand hat. Das Himmelfahrtskommando der beiden wird so zu einem subtilen Spiel von Vertrauen und Argwohn, von Menschlichkeit und Brutalität, von Verrat und Gewissensbissen, das kulminiert in der Begegnung mit jenem sagenumwobenen Stamm ganz im Norden der Insel, bei dem der Schlüssel des Rätsels liegt, wo aber gleichzeitig die Verhältnisse auf den Kopf gestellt werden.

Wenn sich ein grosser Film dadurch auszeichnet, dass er zentrale menschliche Gefühle, grosse Ängste und wichtige Fragen durchdekliniert, um am konkreten Beispiel Antworten zu finden, dann ist Der Adler der neunten Legion tatsächlich ein grosser Film. Channing Tatum als Marcus Aquila und Jamie Bell als Esca bringen die subtilen Machtspiele, die Nuancen des Vertrauens, die sich entwickelnde Beziehung unaufdringlich und intensiv auf die Leinwand. Auch hier geht es nicht ohne Heroismus, Opferbereitschaft und fröhliches Sterben ab, und über die eine oder andere Inkonsistenz muss man gnädig hinwegsehen. (Weshalb beispielsweise ein Keltenstamm im äussersten Norden Schottlands afrikanische Züge trägt, wissen wohl nur die Götter Hollywoods.) Dafür hält die DVD als besonderen Bonus einen alternativen Schluss bereit, der auf das etwas rechthaberische Pathos des Originals verzichtet, das Konzept der Ehre subtil dekonstruiert und mit einer wunderbar leichten Szene einer grossen Freundschaft abschliesst.


Technisches: Auf Bezugsquellen für die DVD brauche ich den geneigten Leser und die geneigte Leserin kaum extra zu verweisen – dafür vielleicht auf die offiziellen Websites für den Film, auf Deutsch (kurz und bündig) und auf Englisch (ausführlich und reich dokumentiert).

Sonntag, 12. Februar 2012

Lunapark der Irrungen

Ein Winternachtstraum hat Cathy Marston ihre Shakespeare-Adaption für den ersten Berner Ballettabend dieser Saison genannt. Bei der Dernière letzte Woche stimmte das Wetter: In Mantel, Schal und Mütze dick vermummt eilten wir durch Schnee und Kälte ins Stadttheater. Anstelle der leichtfüssig-schwülen Atmosphäre des Sommernachtstraums beherrschte kühle Leere die Bühne. Karussell-Fragmente deuteten einen in Ruinen liegenden Lunapark als Spielort an; ein Maschendrahtzaun sperrte ihn notdürftig ab, ein Schild verbot den Eingang. Da sind ja alle Elemente vorhanden für ein wildes, verbotenes Treiben! Der doppelte Kobold Puck lockt ahnungslose Spaziergänger ins verbotene Land, und in der Kühlschrankatmosphäre kündigt sich Shakespearscher Schalk an.

Der Schalk zieht sich durch das Stück, blitzt immer wieder auf, auch in Requisiten wie den überdimensionierten Badeentchen oder dem ewig auf- und absteigenden Karussellpferd. Doch die Grundstimmung bleibt angespannt, bedrückt. Die amourösen Verwirrungen sind ziemlich schonungslos in Szene gesetzt; die Tanzsprache ist weniger rund und fliessend als bei vielen von Marstons bisherigen Produktionen, vielmehr von Akrobatik, ja Slapstick geprägt; auch Hip-Hop-Moves sind einige zu sehen. Ein immer wiederkehrendes Motiv ist das Untereinander-durch: Viele Kontakte und Konfrontationen enden damit, dass sich der eine unter dem anderen durchschiebt, auch aus den unmöglichsten Situationen heraus – ein starkes Symbol dafür, dass es hier drunter und drüber geht, oder auf Schweizerdeutsch, dass hier einiges zunderobsi gekehrt wird. Und natürlich die Musik: Gabriel Prokofiev hat die frische, leichte Sommernachtstraum-Musik von Felix Mendelssohn mit seinem eigenen Concerto for Turntables & Orchestra gekreuzt und ergänzt.

Das ist eine explosive Mischung mit einigen Querschlägern. Bis zur Pause kommt wenig Zug auf, und schon gar kein Schwelgen; die Szenen wirken gelegentlich unfertig, die Übergänge sind brüsk. Im zweiten Teil beruhigt sich das wilde Treiben etwas. Auf einmal kriegen die Figuren Zeit, sich miteinander zu beschäftigen; wir sehen ein intensives, langes Duett; die Akrobatik bleibt dominant, wird aber abgerundet. Zum Schluss schwebt auf Kettenkarussell-Sitzen dann auch noch ein Kinderchor über die Bühne, währenddem darunter Hochzeit gefeiert wird.

Es lohnt sich, Gabriel Prokofievs Blogeintrag zur Entstehungsgeschichte dieser Produktion zu lesen. Dabei wird klar, wie sehr Cathy Marston die Meisterschaft hat, ganz verschiedene Inputs und Ideen zusammenzubringen, in ihrem Kopf Bilder zu sehen, Musik zu hören und beides zu kombinieren; und wie sie diese Mischung dann mit richtigen Menschen, mit dem Bern:Ballett, dem Berner Sinfonieorchester, dem DJ Martin Baumgartner, dem Damen- und Kinderchor, Realität zu werden vermag.


Technisches: Da wir an der Dernière waren, kommt dieser Blogpost zu spät für allfällige Nachahmung. Für einen schwachen Nachklang verweise ich wieder auf den Trailer bei art-tv; für weitere Lektüre neben dem bereits Verlinkten auf die Kritik von Marianne Mühlemann im Bund.