Montag, 10. Mai 2010

Schweizer Reize

Nein, dies ist kein Boulevard-Blog geworden, und es geht hier auch nicht um Michelle Hunziker. Schweizer Reize ist vielmehr der Titel einer Ausstellung über die Reiseführer-Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek. Empfangen wird man dortselbst im hellen Gang vor dem Ausstellungsraum von Plakaten aus mehreren Jahrzehnten Tourismuswerbung; dazwischen bereiten Zitate aus zwei Jahrhunderten Reiseliteratur auf die eigentliche Ausstellung vor (mein Favorit, zeitlos: „Wer in kurzer Zeit die ganze Schweiz bereisen, dabei viel sehen und geniessen will, der bedenke, dass er zu Hause zum Schlafen wieder Zeit genug hat.“ Richard Noë, Die Schweiz in 15 Tagen mit Generalabonnement genussreich und billig zu bereisen. Freiburg/Leipzig, 1914/15). Im abgedunkelten Hauptraum wird unser Land dann von Nord bis Süd, von West bis Ost zweifach durchmessen, und diesem roten Faden nach sind die Reiseführer aufgereiht und aufgeschlagen. Da präsentiert sich geballt die ganze Vielfalt dieses Genres. Sicher ein Dutzend Sprachen sind vertreten, und es scheint kein Spezialinteresse, keine Fortbewegungsart zu geben, die nicht einen eigenen Führer rechtfertigen würden. Fast schon paradoxerweise äussert sich auch die bewusste Alternative zum Massentourismus wiederum in einer besonderen, reichhaltigen Kategorie von Publikationen.

Den Wänden entlang vertiefen thematische Vitrinen die Geschichte dieser Gebrauchsliteraturgattung. Man erfährt, dass ihre Anfänge in Reisetagebüchern des 18. Jahrhunderts liegen, welche den noch wenigen Reisenden einen Grundstock an Informationen und Hilfestellungen boten. Es wird klar, dass die Touristen dieser Frühzeit sehr selbständig unterwegs waren. So sind in der Anleitung auf die nützlichste und genussvollste Art in der Schweiz zu reisen von Johann Gottfried Ebel (1793) die Ortschaften alphabetisch angeordnet, auf dass jeder zwanglos das herauspicke, was ihn gerade interessiert. Die für heutige Reiseführer so charakteristische Ordnung nach Regionen und vor allem nach vorausgeplanten Reiserouten verdanken wir dem Engländer John Murray und einem immer noch bekannten Namen, dem Deutschen Karl Baedeker. Die ausgestellten Baedeker vom 19. bis ins 21. Jahrhundert zeigen sehr schön auf, wie die anfänglich literarisch-blumige Sprache nach und nach dem typischen neutral-distanzierten Reiseführer-Duktus weicht, welcher in allerletzter Zeit wieder von einem locker-originellen Umgangston abgelöst wird. Gleichzeitig wird deutlich, wie die Benutzerfreundlichkeit stetig verbessert wurde. Handlichkeit und Stabilität waren von allem Anfang an Grundvoraussetzungen. Die Bleiwüsten der Anfangszeiten hat schon Baedeker mit ersten Symbolen (darunter dem Vorgänger aller Sternchen-Bewertungssysteme) aufgelockert; und heutige Reiseführer bestehen ja, wie mir scheint, hauptsächlich noch aus Grafiken, Info-Kästen und den Top Ten der Redaktion...

So haben die Nationalbibliothek und der erfahrene Kurator Beat Gugger das Langeweilepotential einer Bücherausstellung geschickt umschifft. Anhand der Reiseführer geben sie einen breiten und spannenden Einblick in die Geschichte des Reisens und des Tourismus. Vieles wird mit der Zeit repetitiv, einzelnes bleibt besonders hängen, so die Erläuterungen zur Reisezeit (per Dampfboot und Kutsche) von Zürich ins Bündnerland im 19. Jahrhundert. Am meisten bewegt hat mich jedoch ein ganz spezieller Reiseführer; einer, der sich nicht an Touristen wendet, die in die Schweiz reisen, sondern gewissermassen an ihr Spiegelbild: Der Führer für Tessiner Amerika-Emigranten erläutert knapp und schnörkellos, dass nach Basel direkte SBB-Wagen verkehren, dass man dort im nahen französischen Bahnhof den Zug nach Paris nehmen muss, und wie man dann weiter nach Le Havre oder Cherbourg gelangt. Dort, wo kein Reiseführer die Touristen hinlockte, war also noch zu Beginn des letzten Jahrhunderts die Auswanderung üblich. Und so ist diese Ausstellung auch ein Zeugnis der Dankbarkeit dafür, dass der Fremdenverkehr seinerzeit ganze Alpentäler der Armut entriss.


Technisches: Die Ausstellung „Schweizer Reize. Die Schweiz in Reiseführern“ ist noch bis am 27. Juni 2010 zu den Öffnungszeiten der Nationalbibliothek zugänglich (beim Eingang rechts, einfach den Plakaten nach). Angenehm ist bei den Ausstellungen der NB immer ihre limitierte Grösse: Man kann sich durchaus verweilen, kriegt aber – wenn man will – in einer halben Stunde einen guten Überblick.

Kommentare:

  1. Das ist ja mal eine interessante Ausstellungsidee. Mich persönlich ziehen die Inhalte zwar nicht gerade magnetisch an ;-) - aber die Idee der Ausstellung ist super. Noch nie gehört, dass so etwas ausgestellt wird. Ihr Schweizer... ;-)

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  2. Um ehrlich zu sein: Besonders weit wäre ich nur für diese Ausstellung wohl auch nicht gefahren. Aber da mein Weg zum Mittagessen davor vorbeiführt, liess ich mich zum Besuch verführen und wurde nicht enttäuscht. Und zum Thema: Ich denke, relativ viele Bibliotheken stellen gelegentlich Bücher aus, obwohl die ja nicht wirklich ideale Ausstellungsobjekte sind. Die Nationalbibliothek hat ganz offensichtlich den Vorteil, dass sie für eine solche Ausstellung genügend Mittel aufwenden kann, um auch ein relativ abwegiges Thema spannend und informativ zu präsentieren.

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