Sonntag, 20. November 2011

Villa mit Meerblick, verzweifelt gesucht

Die römischen Villen von Stabiae – soweit stimmten unser Reiseführer und meine entfernte Erinnerung überein – liegen in der Stadt Castellammare di Stabia am Golf von Neapel. Dort schien sich dies freilich noch nicht wirklich herumgesprochen zu haben. Als wir nämlich in Castellammare aus der Circumvesuviana stiegen, der inzwischen etwas heruntergekommenen Banlieue-Metro von Neapel, und uns nach dem Bus zu den Villen erkundigten, trafen wir zwar auf lauter freundliche Menschen, aber erhielten keine einzige kompetente Antwort. Hier das Kurzprotokoll unseres leicht kafkaesken Parcours:

Junger Mann am Ticketschalter: „Oh, die römischen Villen, das ist aber weit, so sechs bis sieben Kilometer – da müsst ihr ein Taxi nehmen, oder einen Bus, auf dem Platz unterhalb des Bahnhofs.“ Älterer Herr in einem zufällig auf dem Platz unterhalb des Bahnhofs haltenden Bus: „Die römischen Villen, äh (überlegt) – ja, steigt ein! Ich sage euch, wann ihr umsteigen müsst.“ Anderer älterer Herr im Bus, etwas später: „Nein, noch nicht jetzt, an der nächsten Haltestelle!“ An der nächsten Haltestelle, der gleiche ältere Herr: „Falsch, vorher war die richtige, steigt bei der nächsten aus und nehmt irgendeinen anderen Bus zurück!“ Eine Frau bei der nächsten Haltestelle: „Römische Villen? Keine Ahnung. Vielleicht Bus Nummer 13? Aber ich weiss nicht, wo der fährt.“ Ein Touristenfallensteller, die Verzweiflung und ein Geschäft witternd: „Ich habe einen Minibus, für zehn Euro fahre ich euch hoch!“ Drei junge Frauen auf der Strasse: „Keine Ahnung, aber [auf den FS-Bahnhof deutend] nehmt doch hier einen Zug!“

Unsere Rettung war das Tourist Office vis-à-vis des Bahnhofs. Ein distinguierter Angestellter revanchierte sich mit begeisterter Dienstfertigkeit quasi im Alleingang für die Inkompetenz seiner Mitbürger: „Die römischen Villen? Gute Idee! Da geht ihr zu Fuss, in einer Viertelstunde seid ihr dort. Und der Eintritt ist frei!“ Er überhäufte uns mit Gadgets (Stadtplan, archäologischer Führer, Kartenset und Poster), entliess uns mit besten Wünschen – und behielt recht: In fünfzehn Minuten hatten wir das Hochplateau über Castellammare erklommen und standen vor der Villa Arianna.

Wer findet, ich gehe mit den hilfsbereiten Passanten zu streng ins Gericht, dem empfehle ich einen Augenschein vor Ort: Die Villen von Stabiae sind nichts weniger als spektakulär. Die Villa Arianna wirkt wie an den steilen Abhang geschoben, auf nicht enden wollender Breite zum Meer hin aufgefächert, das in der Antike nur einen beherzten Steinwurf entfernt an den Fuss des Plateaus stiess, wo sich heute die Mietskasernen der Stadt ausbreiten. Rechter Hand thront der Vesuv, am Horizont liegen die Inseln der Bucht, und die Räume sind mit Mosaiken und Wandmalereien von höchster Qualität geschmückt. Ähnliches gilt für die Villa San Marco, unser zweites Ziel etwas nordöstlich vom ersten: mehr in sich geschlossen, aber noch luxuriöser, mit verschwenderischen Höfen und Gärten sowie meisterhaften Fresken ausgestattet. Wer solche Schätze in seiner Stadt hat und nicht mal den Weg dorthin kennt, der ist – mit Verlaub – ein Banause. Und es ist ja nicht so, dass man auf den Besucher nicht vorbereitet wäre: Die nötige Infrastruktur ist vorhanden und das Personal auch (darunter eine sehr kompetente Aufseherin in der Villa Arianna, die uns in aller Ausführlichkeit durch die Räume führte und sämtliche Fragen beantworten konnte). Aber wir waren an diesem schönen Spätsommertag in beiden Villen praktisch alleine.

Gewiss, Pompeji stellt alles in den Schatten; und wer dort war, dann in Herculaneum, vielleicht noch in Oplontis, der hat seine Dosis Archäologie wohl gehabt. Dennoch hätte es Stabiae verdient, aus seinem Aschenputtel-Dasein herausgeholt zu werden. Dieses beginnt übrigens bei der sehr beiläufigen Erwähnung in Reiseführern aller Art und setzt sich fort im offiziellen Kombiticket zu den archäologischen Stätten des Vesuvs: Da sind die Villen von Stabiae nämlich grossspurig „inbegriffen“, obwohl der Eintritt frei ist… Ich beneide unseren zuvorkommenden Helfer im Verkehrsbüro nicht um seine Aufgabe, diesem Juwel einer archäologischen Stätte seinen gebührenden Rang zukommen zu lassen.


Technisches: Fairerweise muss ich hinzufügen, dass unser Führer uns richtig geraten hatte, in Castellammare Via Nocera auszusteigen und von dort einen Bus zu nehmen. Tatsächlich fährt Bus Nummer 1 über die Passeggiata Archeologica an beiden Villen vorbei – allerdings sahen wir ihn auf dem ganzen Weg kein einziges Mal. Wer nicht den Bus oder ein Taxi nehmen will, steigt ebenfalls in Via Nocera aus der Circumvesuviana und folgt diesem (Rund-)Weg. Zu Fuss ist das gut machbar, allerdings ist die erwähnte Passeggiata Archeologica nicht etwa ein romantischer Panoramaweg, sondern eine abfallgesäumte Umfahrungsstrasse ohne Trottoir. Die Villa Arianna und die Villa San Marco sind signalisiert. Man geht hier, wie erwähnt, auf wenig begangenen Wegen: Wer den Eindruck hat, auf einem Hühnerhof gelandet zu sein, lasse sich nicht beirren; der Eingang zur Villa San Marco ist da nur noch wenige Meter entfernt.

Einen Tag nach uns war offensichtlich User leics von virtualtourist.com unterwegs, dessen präzise Hinweise uns äusserst nützlich gewesen wären…

Kommentare:

  1. Die Villen von Stabiae sind beim nächsten Neapel-Besuch so gut wie gebucht. Danke für den Tipp! Immerhin weiss ich jetzt, wie ich sie finde. Oder doch nicht?

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  2. Aber klar doch! Um ehrlich zu sein, hätten wir uns den ganzen Trubel wohl sparen können, wenn wir vor der Abreise mal einen kurzen Blick auf Google Maps geworfen hätten, ganz so komplex ists gar nicht. Und falls alle Stricke reissen, fragst du einfach im Tourist Office an der Piazza Giacomo Matteoti nach einem Stadtplan...

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  3. Wie viele und welche Wandgemälde in welchen Gebäuden sind denn da noch vorhanden? Weiß das zufällig jemand?

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