Samstag, 28. Januar 2012

Sandale des Grauens

Weil meine Liebste für ihre Schüler einmal pro Jahr einen antiken Filmabend veranstaltet, müssen wir gelegentlich vorbereitend den einen oder anderen Sandalenfilm visionieren. Die Klassiker vom Schlage Ben Hurs sind inzwischen erschöpft, so dass die Suche auf weniger bekannte Schinken ausgedehnt werden musste, sowohl aus der Glanzepoche dieses Genres, den fünfziger Jahren, als auch aus der Renaissance der letzten Zeit. Also machten wir es uns an einem ruhigen Ferienabend auf dem Sofa gemütlich und schoben Jason and the Argonauts ins DVD-Laufwerk.

Da hatten wir aber ganz schön ins Klo gegriffen. Der einzige Wert, den man diesem amerikanischen TV-Film beimessen kann, ist eine gewisse Kultigkeit, weil er so grottenschlecht ist. Die Schauspieler agieren, als hätte man sie direkt vom Bahnhofplatz gecastet und ihnen aufgetragen, mal ein bisschen Antike zu spielen. Das endet dann entweder in angestrengtem Over-acting oder in vielleicht stoisch gemeintem, aber nur gelangweilt wirkendem Herumstehen. Letzteres gilt vor allem für Jason (Jason London), einen High-School-Schönling mit Vokuhila-Matte und einem überaus dämlichen Kindergesichtchen. Dieser Held wird zwar in der griechischen Mythologie durchaus gelegentlich etwas unterbelichtet dargestellt, aber eine solche Behandlung ist ein Affront gegenüber dem abendländischen Erbe. Mit einer Jutematte über der rechten Schulter macht er sich auf nach Iolkos, um von seinem Onkel den Thron zurückzufordern, den dieser seinem Vater vor Jahren entrissen hatte. Dort fällt er frisurtechnisch immerhin nicht so auf, weil bei den Notablen der Stadt die Sitte herrscht, sich Wollfäden um die Stirn zu drapieren und einen Bart unters Kinn zu kleben. Der gerissene König Pelias (Easy Rider Dennis Hopper, mit dunklem Haar, maliziösem Blick und hinterhältigem Lächeln, auf dass jeder seine Schlechtigkeit erkenne) schickt ihn auf die Suche nach dem Goldenen Vlies. Dorthin kann das Milchbübchen natürlich nicht alleine aufbrechen, und so sucht sich Jason eine ganze Equipe von Säufern und Trotteln zu seiner Begleitung zusammen. Das alles verlangt dem Zuschauer einiges ab; doch getoppt wird das Ganze noch von den Szenen in der Götterwelt: Über einer wattigen Wolkenschicht werden da die Torsi von Zeus und Hera herangezoomt; die beiden werfen sich mit wichtigen Mienen allerhand Gestelztes an den Kopf, und zum Schluss unterstreichen Donner und Blitz die Bedeutung dieses mies geschnittenen Rendez-vous. Beim Olymp, der Film wurde im Jahr 2000 gedreht, da brauchte man doch nicht mit der Tricktechnologie der achtziger Jahre zu hantieren!

Ungefähr eine von drei Stunden haben wir diesen Tiefpunkt der westlichen Zivilisation ausgehalten, dann war uns der Ferienabend zu schade und wir wechselten die DVD: Annibale, ein alter Sandalenfilm diesmal, 1959 – und der beginnt (nach kurzem Geplänkel im Senat zu Rom) optisch sehr wuchtig: Eine endlose, schon ziemlich lockere Kolonne von Soldaten stapft langsam über ein weites Schneefeld. In der Nahaufnahme sieht man sie in kurzen Röcken und mit unförmigen Stücken Schaffell auf den Schultern durch kniehohen Schnee taumeln. Auf dem steilen Anstieg bricht einer ein, muss gestützt werden; ein anderer rutscht aus, stürzt eine Felswand hinunter, bleibt zerschmettert liegen. Zwei Elefanten biegen um einen Felsen herum; dann sehen wir ein Feuer lodern, daneben ein Soldat, der die vorbeiwankenden Kameraden von links nach rechts weist – als gäbe es zwischen Steilhang und Abgrund überhaupt eine Unsicherheit über den einzuschlagenden Weg. Wieder stürzt einer runter, und es sieht so aus als wäre es der gleiche wie vorher. Dann hissen sich erschöpfte Soldaten an einem Seil mühsam eine Böschung hoch. Wie wohl die Elefanten da emporgelangen? Doch da sind sie schon wieder, die gleichen zwei, die um den gleichen Felsen biegen; und da ist ja auch wieder der Verkehrspolizist neben dem Feuer. Bevor dieses Perpetuum mobile sich noch weiterdreht, erblicken wir jetzt Hannibal (Victor Mature), im roten Umhang und mit gar feldherrlichem Blick, wie er mit irgendeinem schröcklich gekleideten Keltenfürsten verhandelt – eine prächtige Idee, vielleicht kann der ihm für die Rückkehr einen Weg zeigen, der nicht durch einen jungen Fichtenwald mit gegen hundert Prozent Steigung aufwärts führt!

Dieses Mal hatten wir eine Viertelstunde lang Geduld, dann griffen wir in unserer Verzweiflung zu einem dritten Kandidaten, Ulisse (1954). Welche Erleichterung: Dieser liess sich zu Ende schauen, und sogar mit etlichem Vergnügen. Er zeigte nebenbei auch, dass es durchaus möglich ist, von der bekannten Geschichte abzuweichen, ohne diese zu ruinieren. Die italienische Produktion nahm sich nämlich selbstbewusst und mit souveräner Gestaltungskraft der homerischen Odyssee an. Die Episoden mit Kirke und Kalypso wurden miteinander verschmolzen (und den Abstieg in die Unterwelt gab es als Bonus auch gleich dazu), die Abenteuerberichte nicht als Erzählungen am Königshof, sondern als Rückblenden am Strand von Scheria präsentiert; die Szenen von Odysseus‘ Rückkehr nach Ithaka waren stark gerafft und auf das Wesentliche verdichtet. Ein meisterhafter Schnitt unterstrich Tempo und Dramatik und ermöglichte es Regisseur Mario Camerini, die Odyssee in hundert Minuten zu erzählen, ohne hetzen oder zu viel auslassen zu müssen. Freilich blieb dabei die Logik gelegentlich auf der Strecke: Dass etwa Polyphem sich mit frisch gepresstem Traubensaft betrinken konnte, fand ich wenig überzeugend. Hochstehend war jedoch die Besetzung: Kirk Douglas spielte mit neckischem Bart und kurzem Umhang den Odysseus voller Mut, Schlauheit und Abenteuerlust. Sylvana Mangano war in einer Doppelrolle als Kirke und Penelope zu sehen, majestätisch und mysteriös; und auch Anthony Quinn hatte einen kurzen Auftritt als Antinoos. Am stärksten in Erinnerung blieben mir aber jene Szenen, für die Camerini unerwartete, bestechende Interpretationen gefunden hatte. Unvergesslich etwa die Vorbeifahrt bei den Sirenen: Odysseus, an den Mast gebunden, schaut neugierig an die nebelverhangene Küste, als plötzlich – nicht Engelsgesänge ertönen, sondern die Stimmen seiner Frau und seines Sohnes. Die Qual und Sehnsucht, die auf seinem Gesicht aufscheinen, schneiden unmittelbar ins Herz.

So endete der Abend spät, aber versöhnlich. Die Suche nach der Sandale des Jahres war schliesslich, als wir es schon nicht mehr erwarteten, doch noch von Erfolg gekrönt. Und nebenbei wurden wir ganz ungezwungen wieder einmal daran erinnert, zu welchen zweifelhaften Leistungen die Filmindustrie in Hollywood und Italien fähig ist.

Freitag, 20. Januar 2012

Tyrann in Wolkenkuckucksheim

Schöne Vorsätze: Viel lesen, viel schreiben. Und dann stolpere ich nahtlos aus dem Silvesterkater in einen ziemlich überfrachteten Januar – ein Ende ist noch nicht abzusehen –, und hier staut sich wieder einmal alles… Seis drum, heute kommt endlich die Jahreseröffnung mit einem Rückblick in den Dezember:

Max Merker hatten wir vor bald vier Jahren zum ersten Mal auf der Bühne des Theaters Solothurn gesehen. The Complete Works of William Shakespeare (Abridged) war damals für meinen Geschmack zwar zu stark in den Klamauk abgedriftet, und Merker und seine Kollegen hatten zu leichtfertig zum Holzhammer gegriffen, aber seine grosse Bühnenpräsenz und sein staubtrockener Humor liessen klar erkennen, dass wir da einen begnadeten Komiker vor uns hatten. Durchaus passend also, dass Max Merker diese Saison in Biel und Solothurn Die Vögel des Aristophanes inszenierte, der seinerseits ein ziemlich überdrehter Autor war, der groben Verzerrung und dem Griff unter die Gürtellinie niemals abhold. Und obwohl das Stück als „Schauspiel nach Aristophanes, Fassung von Max Merker“ angekündigt war, folgte das, was wir zu sehen bekamen, relativ eng und getreu dem Vorbild aus dem fünften Jahrhundert vor Christus. Merker hat die Vorlage in erster Linie gestrafft, auf eine Stunde zwanzig Minuten zusammengeschnitten, noch etwas mehr Tempo hineingebracht und da und dort einen kleinen Aktualitätsbezug. Vor allem aber hat er einen Aspekt herausgeschält: die Entstellung der Utopie zur Tyrannis.

Zur Vorbereitung auf den Theaterbesuch habe ich bei Albin Lesky (der Die Vögel „das vollendetste unter den erhaltenen Stücken“ des Aristophanes nennt) die etwas verwunderte Bemerkung gelesen, dass ausgerechnet diese Komödie unüblich frei ist von aktuellen politischen Bezügen – obwohl sie doch zur Zeit der sizilianischen Expedition Athens aufgeführt wurde, als Hoffen und Bangen die kriegsgeschüttelte Stadt beherrschten wie selten. Tatsächlich ist die Geschichte von der Vogelstadt Wolkenkuckucksheim vordergründig ein Märchen. Der schlaue Peithetairos und sein Begleiter Euelpides flüchten aus Athen ins Reich der Vögel, wo ersterer die zunächst widerstrebenden und feindseligen Tiere überzeugt, in den Wolken eine Stadt zu bauen. Indem sich die Vögel zwischen Menschen und Göttern positionierten – so die Idee des Peithetairos –, könnten sie den Opferrauchverkehr lahmlegen und mit diesem Druckmittel zu den Herren der Welt werden. Unter grosser Anstrengung und reichlich Klamauk kommt es genauso; und Peithetairos, der umgehend wie selbstverständlich zum Sprecher der Vögel wird, lenkt nicht eher ein, als er von der Verhandlungsdelegation der Götter die Basileia, die personifizierte Weltherrschaft, zur Frau erhalten hat. Doch nicht nur die Götter, auch seine Mitstreiter, die Vögel, leiden unter dem bald gar nicht mehr verhüllten Herrschaftsanspruch des Schlaumeiers. Er lässt sie rücksichtslos schuften, züchtigt Abweichler und reisst ohne viel Federlesens die Herrschaft über die Vogelstadt an sich.

So driftet die märchenhafte Utopie von einer freien Stadt in den Wolken unversehens und ziemlich abrupt in eine Diktatur mit üppigem Personenkult ab. Merker hat diese Entwicklung schärfer herausgehoben, als ich sie von Aristophanes im Kopf hatte. Silke Geertz spielt den Peithetairos als Hosenrolle, und das Adjektiv „burschikos“ ist hier absolut am Platz. Und das bringt mich zum Verdacht, dass der hellsichtige Athener in dieser utopischen Komödie durchaus eine Botschaft mit aktuellem politischem Bezug untergebracht hatte: Dass nämlich die Flucht in Utopien keine Lösung ist, weil jede Utopie ihr Missbrauchspotenzial schon in sich trägt, das nur auf Verwirklichung wartet. Und dass man deshalb besser daran täte, sich im wahren Leben zu engagieren, anstatt sich in Utopien zu flüchten.


Technisches: Die Vögel stehen in Solothurn noch genau einmal, am 11. Februar 2012, auf dem Programm; Tickets gibt es online. In der Übersetzung von Ludwig Seeger sind Die Vögel im Projekt Gutenberg greifbar.

Samstag, 31. Dezember 2011

Dem enteilenden Jahr zum Andenken

Je mehr Jahre man erlebt, desto weniger fällt jedes einzelne ins Gewicht und desto flüchtiger erscheint es einem. 2011 war da keine Ausnahme, im Gegenteil: Die Beschleunigung bleibt konstant. Und während mir seine letzten Stunden durch die Hände fliessen, ohne dass ich mehr als einen gelegentlichen Zipfel davon zu erhaschen vermag, schaue ich zurück auf das Blogjahr 2011. Ein Blick nach rechts zeigt: Es brachte die magerste Ernte seit dem Beginn dieses Unterfangens vor bald fünf Jahren. Das hat zum einen oberflächliche Gründe, etwa den, dass ich endlich in aller Stille darauf verzichtet habe, das Abonnement der zunehmend langweilig gewordenen Weltwoche zu erneuern, weshalb die gelegentliche Schnellfeuer-Medienkritik hier im Blog weggefallen ist. Aber es gilt auch festzuhalten, dass ich 2011 weniger ins Theater gegangen bin als auch schon, und dass ich so wenige Bücher gelesen habe wie seit einigen Jahren nicht mehr. (Freilich ist der Unterschied fast noch im Zufallsbereich, und nächstes Jahr wirds wegen schwindender Zeitungslektüre eher wieder besser.) Vor allem aber hatte mich über unüblich lange Phasen die Blogunlust im Griff.

Ich berichte all dies mit der grösstmöglichen Gelassenheit. Auch im neuen Jahr werde ich den rechten Mittelweg zwischen Ehrgeiz und Vergnügen anzusteuern versuchen. Einen kleinen Vorsatz habe ich dennoch, was meinen Lesestoff angeht – oder sogar zwei. Meinem diesjährigen Ziel, in Sachen Archäologie mehr Konkretes zu lesen, bin ich mit zwei-drei Büchern leidlich gerecht geworden. Dabei lässt sich jedoch nicht abstreiten, dass ich mich eher im Bereich des populärwissenschaftlichen Bilderbuches bewegt habe. Es würde mir ohne Zweifel gut tun, wieder einmal etwas härtere Kost zu beissen; dickere Bücher, und solche, die Arbeit und Anstrengung erfordern. Das wäre dann Vorsatz Nummer eins, und Nummer zwei passt bestens dazu: Es ist einige Jahre her, dass ich zum letzten Mal mehr als ein paar Sätze Altgriechisch im Original gelesen habe. Bevor ich vollends alles vergesse, wäre es ein schönes Ziel, diese Kernkompetenz wieder etwas zu schärfen. Ich müsste dazu so einfach wie möglich einsteigen – das Neue Testament wäre ein Ansatz, oder vielleicht auch Lysias oder Lukian – und mich dann langsam nach oben tasten. Gewiss: Das ist bisher mehr eine löchrige Skizze als ein Vorsatz, und ich verspreche nichts, weder mir selber noch sonst jemandem. Aber die Idee ist doch schön, deshalb will ich sie hier festhalten.

Und damit uns allen ein besinnliches Jahresende und ein gutes Neues Jahr!

Mittwoch, 21. Dezember 2011

Poulet aux prunes

Von Marjane Satrapi kannte ich bisher nur Persepolis, ein Meisterwerk unter beiden Gestalten, Comic wie Film. Andere ihrer Graphic Novels standen seit langem auf meiner imaginären Liste von Büchern, die ich irgendwann gerne mal lesen würde; zum Beispiel Poulet aux prunes, die traurige Geschichte von dem iranischen Musiker, der seine Geige verloren hat und aus Kummer darüber sterben will. Jetzt ist mir die filmische Umsetzung zuvorgekommen: Wiederum hat Marjane Satrapi selber, zusammen mit Vincent Paronnaud, ihr Werk für die Leinwand adaptiert; dieses Mal allerdings nicht als Zeichentrick-, sondern als Realfilm mit illustrem Staraufgebot.

Und dann dies: Mathieu Amalric als Nasser-Ali, der Meistergeiger, spielt über weite Strecken reichlich hölzern; auch andere Figuren wirken klischiert, selbst die grosse Isabella Rossellini als Nasser-Alis Mutter bleibt seltsam blass. Viele Szenen haben nicht den richtigen Rhythmus, sind langfädig, oder noch schlimmer: schweben gewissermassen im Nichts, tragen zum Fortgang der Geschichte kaum etwas bei. Charakteristisch dafür sind die beiden Auftritte von Jamel Debbouze: Als skurriler Trödler, der eine Stradivari im Angebot hat, sowie als strubbelbärtiger Einsiedler, der aus dem Nichts am Grab von Nasser-Alis Mutter auftaucht, spielt er zweimal in erster Linie sich selbst – aber für die Entwicklung des Films sind beide Episoden kaum von Bedeutung. Es fühlt sich an wie aufdringliches Name-dropping: Schaut her, Jamel ist mein Freund, er spielt in meinem Film, sogar gleich zwei Mal, habt ihr ihn erkannt? Dazu kommen handwerkliche Mängel: Zum Beispiel erwarte ich gewiss nicht, dass der Darsteller des besten Violonisten seiner Zeit selber ein Virtuose ist; aber dass seine Bewegungen, wenn er spielt, mindestens einigermassen mit der gleichzeitig erklingenden Musik übereinstimmen, das ist doch nicht zuviel verlangt? Immerhin: Gegen Ende wird der Film besser. Da werden einige offene Fäden geschickt verknüpft, und wir entdecken das wahre, traurige Geheimnis in Nasser-Alis Leben, den eigentlichen Grund für seinen Wunsch zu sterben. Das ist stimmig und sehr berührend, wenn auch vieles von dieser Berührung durch reichlich Druck auf die Tränendrüse erzeugt wird und wir vom Kitsch nicht mehr fern sind.

Ich habe den Eindruck, dass Marjane Satrapi richtiggehend in Comics denkt und lebt. Dies würde Stärken und Schwächen dieses Films erklären wie beispielsweise den relativ penetranten allwissenden Erzähler (dessen Identität gegen Ende elegant aufgedeckt wird). Konsequenterweise überrascht es denn auch nicht, dass ihr eigentliches Talent überall dort aufblitzt, wo der Film zum Trickfilm wird – wo gezeichnete Szenen sich zwischen die realen schieben, wo schräge Vor- und Rückblenden die tollkühnsten Assoziationen auslösen. Als Nasser-Ali, inspiriert von Sokrates, ein paar gewichtige letzte Worte an seine Kinder richten will und das feierlich aufgebaute Pathos mit pythoneskem Witz ruiniert wird, haben wir Tränen gelacht. Und der Vorspann mit seinen schlichten Schattenfiguren war überhaupt reine Poesie. Dieses Timing, diese Kreativität fehlen grossen Teilen des Films. Und man würde sich wünschen, dass Satrapis nächstes Werk wieder etwas näher am Trickfilm wäre.


Technisches: Poulet aux prunes startet am 29.12. in den Deutschschweizer Kinos.

Samstag, 10. Dezember 2011

KKQQ

KKQQ von der 2bcompany im kleinen Saal von Nuithonie, das sind: links drei Übersetzerkabinen aus hellem Holz mit Fenstern vorne und seitlich, rechts oben hängend drei Leinwände, vorne auf der Bühne ein Tisch und ein paar andere Requisiten. In den Kabinen sitzen zwei Frauen und ein Mann mit Headsets auf dem Kopf; sie blicken in ihr MacBook oder lesen, gelegentlich hört man sie gedämpft reden oder singen. OK. Dann gehen die Projektoren an; auf den Leinwänden erscheinen die gleichen drei in ihren Kabinen und formen mit Zetteln mehr oder weniger synchron eine Begrüssungsbotschaft, während gleichzeitig in den Kabinen die individuelle Beschäftigung weitergeht. Plötzlich stürmt eine der Frauen, den Computer in den Händen, aus ihrer Kabine auf die Bühne, grüsst, nimmt Anlauf, hechtet über den Tisch, schmeisst einen Plastikchristbaum in Richtung Kabine, hechtet wieder zurück, klatscht die Wände ab, schmeisst wieder, schreit und keucht dabei als wäre sie auf einem Schlachtfeld. Nun gut. Dann kehrt sie zurück in die Kabine, und auf den Leinwänden entspinnt sich mit quiekenden Stimmen ein absurder Dialog über Kaffee beziehungsweise dass und wie man sich diesen doch sonst wohin stecken sollte.

So geht das noch ein Weilchen weiter, auch die zweite Frau kriegt etwas Auslauf, schmeisst ihrerseits Bücher, es wird ein bisschen falsch gesungen. Experimentelles Theater halt. Doch dann, die angekündigten 45 Minuten sind schon recht fortgeschritten, fällt endlich der Groschen: Was ich hier sehe, ist eine ausgeklügelte, durchchoreografierte Collage aus real und Konserve, aus live und zeitversetzt. Die Szenen auf den Leinwänden sind die gleichen, die wir eben in den Kabinen gesehen haben, nach Bedarf beschleunigt und zusammengeschnitten, und die real ablaufenden Vorgänge treten aufs Raffinierteste in Dialog mit den Filmen. Jetzt macht aufs Mal auch das Geschmeisse endlich Sinn: In einer herrlichen, mit „remplissage de tête“ betitelten Sequenz erscheint des Mannes Kopf gross auf der mittleren Leinwand und wird von links und rechts mit Christbäumen, Büchern und hechtenden Frauen abgefüllt. Für den Rest des Stücks läuft mein Kopf auf Hochtouren, um mit massiv parallelem Hinsehen die Querbezüge zu bemerken und aufzulösen.

So pubertär wie sein Titel, so schräg bleibt KKQQ bis zum Schluss; die Absurdität der Texte und Lieder, soweit ich sie verstehe, ist kaum zu toppen. Doch eine Aussage, ein Interpretationsansatz wird klar: Und wenn sich Kunst gar nicht in Gattungen aufteilen liesse wie die Ware beim Metzger? Wenn ein Theater auch ein Film, ein Film auch ein Gemälde sein könnte, und zwar gleichzeitig, je nach dem, wie man darauf blickt? Wenn sich ein Bühnenkunstwerk nicht nur in den bekannten drei Raum- und der einen Zeitdimension abspielen würde, sondern darüber hinaus Zugang hätte zu einer fünften Dimension, in der es mit sich selber interagieren könnte? Viel mehr als eine Performance ist KKQQ ein Labor, eine Petrischale gigantischen Ausmasses, in welcher allerlei Sporen ins Kraut schiessen, miteinander verschmelzen, Hybriden und Chimären bilden und die herkömmliche Lehre sanft in Frage stellen.


Technisches: Nach dem Studium der Website scheint mir, dass die Stücke der 2Bcompany wohl als work in progress zu kategorisieren sind – an einigen sind sie schon mehrere Jahre dran. So ist zu erwarten, dass sich die eine oder andere Gelegenheit noch bieten wird; als nächstes im März und April in Vidy.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Annuntio vobis gaudium magnum

Welch ein Fest für Bühnen- und Kostümbildner: Die Sixtinische Kapelle galt es nachzubauen, die Fassade des Petersdoms, dazu majestätische Innenhöfe und reiche Säle; dann waren hundertzwanzig Kardinäle zu bekleiden (komplett mit Soutane und Talar inklusive Rochett), weiteres kirchliches Personal in Samt, Seide und Brokat sowie natürlich die Schweizergarde. Nanni Morettis Film Habemus Papam spielt im Vatikan und schwelgt deshalb unweigerlich im katholischen Prunk. Die Geschichte beginnt mit dem Begräbnis des Papstes und dem feierlichen Einzug der Kardinäle ins Konklave. Da sich in den ersten Wahlgängen drei Spitzenkandidaten gegenseitig neutralisieren, einigt man sich auf einen Kompromisskandidaten, den scheuen, gütig lächelnden französischen Kardinal Melville (Michel Piccoli). Doch als dieser auf der Loggia des Petersdoms den Gläubigen präsentiert werden soll, lähmt ihn ein jäher Panikanfall. Der Balkon bleibt leer.

Im ganzen minutiösen Protokoll ist eine solche Situation nicht vorgesehen. Entsprechend verstört improvisieren die Verantwortlichen. Immerhin organisieren sie psychologischen Support und fliegen zunächst den Psychiater Brezzi (Nanni Moretti selber) ein, den besten seiner Zunft, wenden sich dann auch noch an dessen Kollegin und Exfrau (Margherita Buy). Doch damit kommen sie vom Regen in die Traufe: Auf dem heimlichen Ausflug in deren Praxis büxt der Papst aus und taucht in Rom unter.

Von da an verfolgt der Film zwei parallele Stränge: einen grotesken (die Langeweile im end- und aussichtslosen Konklave) und einen feinsinnigen (die Reise des Papstes zu sich selbst). Ersterer ist reichlich schwerfällig. Moretti spielt seinen Psychiater so gestelzt-klischiert, dass es ein Graus ist; auch die Gespräche zwischen dem atheistischen Wissenschaftler und der katholischen Hierarchie sind kalter Kaffee. Und dass die Kardinäle zu Todo cambia von Mercedes Sosa zu tanzen beginnen, sollte wohl poetisch sein, ist aber eher peinlich. Grossartig hingegen ist der fünfundachtzigjährige Michel Piccoli als sinnsuchender Papst. Seine Irrfahrt durch Rom sorgt im zweiten Erzählstrang für Faszination und Leichtigkeit. Und als er schliesslich wieder auftaucht, ist er bereit, auf den Balkon zu treten, und weiss, was er dort sagen will.

Wer giftige Kirchenkritik erwartet hat, sieht sich auf den ersten Blick enttäuscht. Der Zweihänder ist Morettis Sache nicht. Das Florett jedoch schon: In kleinen Anspielungen sind da und dort feine, treffsichere Spitzen versteckt. Omnipräsent ist Johannes Paul II – Piccolis geheimer Ausflug erinnert an seine klandestinen Fluchten aus dem Vatikan, und der polnische Pressesprecher ist ein charmanter Seitenhieb gegen die seinerzeit installierte Polen-Connection. Auch dass der Papst eigentlich hätte Schauspieler werden wollen, ist unschwer als Referenz an den Schauspielschüler Wojtyla zu erkennen. Die journalistischen Vatikan-Watcher kriegen beim Beobachten und Interpretieren des Rauches aus dem Konklave souverän ihr Fett ab. Geradezu bösartig wird der Euro- und Italienzentrismus der katholischen Kirche aufgespiesst: Dass die Kardinäle aus Ozeanien beim Konklave-Volleyballturnier nur eine Rumpfmannschaft bilden, währenddem die Italiener gleich mehrere Equipen bestücken könnten, trifft den Nagel auf den Kopf und ist giftiger als viele Statistiken. Michel Piccoli schliesslich erinnert nicht nur physisch an den unprätentiösen Querdenker Johannes XXIII und an den lächelnden Papst Johannes Paul I. Dass jedoch ein so unscheinbarer, scheuer und gütiger Mann heute noch auf der unerbittlichen kirchlichen Karriereleiter bis ins Heilige Kollegium aufsteigen und – wenn auch als Kompromisskandidat – zum Papst gewählt werden könnte, halte ich für eine zwar nostalgische, aber reichlich abwegige Idee.


Technisches: Habemus Papam von Nanni Moretti kommt sinnigerweise an Mariä Empfängnis in die Deutschschweizer Kinos. Eine schöne Besprechung hat Antje Schrupp in ihrem Blog veröffentlicht.

Sonntag, 27. November 2011

Stochern im Nebel

Mein Italienisch reicht zum Überleben in Italien, für Smalltalk und gelegentliche Blog- und Zeitungs-Lektüre, aber für Literatur ist es an der Grenze. Ob es wirklich eine gute Idee war, als Ferienlesestoff La casa del comandante von Valerio Varesi mitzunehmen? Zwar erzeugt ein Krimi in der Regel den notwendigen Sog, damit ich dranbleibe – aber was, wenn ich gerade die entscheidenden Anspielungen und Details nicht verstehen würde? Die Angst erwies sich als unbegründet. Gewiss war die Lektüre ein dauerndes Tappen im Nebel, wo die Sichtweite wenige Meter beträgt und sich Häuser, Bäume und Personen nur schemenhaft abzeichnen; aber auf eine spezielle Weise war diese Art meines Verstehens ihrem Objekt angemessen. Varesis Commissario Soneri ist nämlich in Parma stationiert und ermittelt hauptsächlich in der Bassa padana, dem Landstrich entlang des Po und seiner Auen, der fast immer in zähen Nebel eingehüllt ist, wo skurrile Einzelgänger im Rhythmus des Flusses leben und dabei den Menschen aus dem Weg gehen, und wo Ressentiments aus den Partisanenkämpfen des Zweiten Weltkriegs noch nach Jahrzehnten schwelen, jederzeit bereit aufzulodern.

So irrten wir beide: ich im Italienischen und Soneri durch den Nebel der Bassa, im lange aussichtslosen Versuch, aus einer ganzen Serie von Verbrechen und Auffälligkeiten irgendwie schlau zu werden: ein osteuropäischer Fischer, im Pappelwald erschossen aufgefunden; ein Partisanenkommandant, in seinem Haus am Fluss einsam gestorben; eine Bancomat-Bande, welche die Dörfer heimsucht; irritierende Raser auf der Strasse und auf dem Fluss; das ganze gewürzt mit halbgaren politischen Theorien der frustrierten Jugend. Der Commissario ist wirklich nicht zu beneiden, denn jeder, den er trifft, weiss eindeutig mehr, als er sagt; dazu kommt das ständige Kompetenzgerangel mit den Carabinieri und zum Abrunden ein Chef, der nur seine eigenen simplen Theorien gelten lassen will. Jedes kleine Fortschrittchen muss Land und Leuten mühevoll abgerungen werden und trägt dennoch kaum zum Verständnis bei. So geht das in konsequenter Aussichtslosigkeit bis fast ans Ende: Ich habe noch kaum je einen Krimi gelesen, der so viele Mosaiksteinchen zu setzen vermochte, ohne dass auch nur in Umrissen ein Gesamtbild absehbar wurde. Erst mit den allerletzten paar Steinchen wachsen die Linien zusammen; der Schluss führt mit jäher Beschleunigung zu einer memorablen Konfrontation, in der Soneri nicht nur den Fall (besser: die Fälle) löst, sondern auch soweit möglich mit sich selbst einigermassen ins Reine kommt.

Nicht zu beneiden ist in all dem Chaos auch Soneris Freundin Angela, die ich im Nebelfluss noch lediglich als frivole Staffage kennengelernt hatte. Hier bekommt sie breiteren Raum, nimmt kräftiger Fleisch und Blut an, wird für Soneri zur wichtigen Helferin in den Ermittlungen und zum lebensretten Anker im Frust der erfolglosen Suche. Ihre grosse Beziehungsdiskussion kurz nach Beginn des Buches ist etwas gar schematisch philosophierend, aber im Ganzen tun die Szenen von gemeinsamem Hoffen und Verzweifeln, von Einsamkeit und Zärtlichkeit dem Buch gut. Sie lockern die Mühsal der Recherchen auf und sind ein Gegenpol zur omnipräsenten Melancholie und Verzweiflung.


Technisches: Valerio Varesi, La casa del comandante. Edizioni Frassinelli 2008. ISBN 978 88 88320 16 8. Im Gegensatz zu anderen Romanen Varesis ist dieser noch nicht auf Deutsch erschienen.