Montag, 11. Juli 2011

Heilige Scheisse

Zunächst ein kleiner Tusch: Dies ist der zweihundertste Artikel auf Phemios Aoidos. Ta-daa! Ich bin selber vielleicht am meisten beeindruckt von diesem Output (wohl etwa soviel wie meine Lizarbeit und sämtliche Seminare zusammen, aber wesentlich lesbarer). Der zukünftige Herausgeber meiner gesammelten Werke wird richtig was zu tun haben.

Von der Selbstbeweihräucherung jetzt aber ganz schnell wieder zurück in den Freiburger Festivalsommer. Wie zur Bestätigung meines letzten Artikels, in dem ich das Belluard-Festival als Wundertüte charakterisiert hatte, erlebten wir drei Tage nach der mittelmässig überzeugenden Klanginstallation im Bollwerk einen spritzigen, vielschichtigen und tiefsinnigen Abend in der Ancienne Gare. Anlass: die Projektion des Filmes Chacun sa merde von Hugues Peyret.

Ein so respektloser Titel verlangt nach einer Erläuterung. Thema des Films ist das Kunstprojekt (ich nenns jetzt einmal so) Merda d’artista des italienischen Künstlers Piero Manzoni. Dieser produzierte 1961 neunzig kleine Konservendosen, nummeriert, signiert und mit einer Etikette versehen, auf der in vier Sprachen zu lesen ist:

Künstlerscheisse
Inhalt netto 30 g
Natürlich erhalten
Dosenprodukt Mai 1961

Manzoni setzte den Verkaufspreis seiner Dosen auf den Gegenwert ihres Gewichts in Gold fest. Nach dem frühen Tod des Künstlers, zwei Jahre nach der Dosenproduktion, im Alter von erst dreissig Jahren, begannen das Interesse an und die Nachfrage nach seinen Werken bald gewaltig zu steigen. Die Merda-Dosen wurden zu Stammgästen in Museen, Ausstellungen und auf Auktionen; ihr Preis entwickelte sich weitgehend parallel zu den Zyklen auf dem Kunstmarkt. In den Boomjahren gegen Ende des letzten Jahrtausends erreichte er den Wert von drei Kilo Gold; im Oktober 2008 ging eine Dose bei Sotheby’s gar für beinahe hunderttausend Pfund Sterling weg.

Wenn das erste Nasenrümpfen über die unflätige Idee mal durch ist, merkt man bald und unweigerlich, wie vielschichtig und facettenreich Manzonis Werk ist, welche Gedankenstränge es eröffnet, welche Assoziationen es auslöst. Meine erste, leicht verstörte Frage war: Verarscht der uns jetzt, oder ist das ernst? Ist das ein richtiges Kunstwerk, oder ein Kommentar zum Kunstbetrieb auf irgendeiner Meta-Ebene? Unzweifelhaft ist ihm letzteres überragend gelungen. Wie die Preiskurve der Dosen die Fieberkurve des internationalen Kunstbetriebs getreulich abbildet, ist fast zu schön, um wahr zu sein. Gleichzeitig werden in den Gesprächen mit den Besitzern und Kuratoren andere Mechanismen des Kunstmarktes deutlich. Beispielsweise steigt der Wert einer Dose, wenn sie in einer renommierten Publikation abgebildet oder in einer wichtigen Ausstellung vertreten war. Ein italienischer Sammler kriegte sich kaum mehr ein vor Freude, dass seine Leihgabe ans Centre Pompidou in einer Fernseh-Dokumentation prominent zu sehen war: Beim Weiterverkauf wird er tüchtig Kasse machen! So trägt jeder aktuelle oder künftige Besitzer, jede Auktion, jede Ausstellung, ja eigentlich jede öffentliche Äusserung zum Gesamtkunstwerk Merda d’artista bei.

Man kann natürlich auch die weniger kommerziellen und mehr kunstgeschichtlichen Aspekte in den Blick nehmen. Dass die Künstlersignatur aus einem Alltagsobjekt ein Kunstwerk macht – darin zeigt sich Manzoni als origineller Nachfolger von Duchamp und seinen Ready-mades. Aber es ist eben nicht einfach ein gewöhnliches Alltagsobjekt, es ist wirklich und wahrhaftig sogar ein Stück vom Künstler selber. Ein ziemlich überdreht psychologisierender italienischer Sammler hatte schon Recht, als er den Vergleich mit Reliquien machte. Diesen Aspekt hat auch Manzoni selber betont, als er davon sprach, dass die Sammler immer am Intimen, Persönlichen des Künstlers interessiert sei, und dass er genau dies ihnen biete: seine höchstpersönlichen Ausscheidungen. Intimer geht nicht.

Unvermeidlich ist schliesslich die Ambivalenz aus Abscheu vor und Faszination an dem (angeblichen) Inhalt der Dose, den menschlichen Exkrementen. Fast scheint dies für die im Film porträtierten Personen die Kernfrage zu sein, was denn nun wirklich da drin ist. „Scheisse, steht ja drauf“ – so antworten viele, besonders die begeisterten Sammler. Kunsthistoriker und Familienmitglieder Manzonis hingegen zögern: Keine Ahnung, was der da tatsächlich reingepackt hat. Vielleicht hat er uns gleich doppelt verarscht, indem er Sand oder Kiesel eingefüllt hat? Augenzeugen wollen den Künstler mit Löffel und Eimer hantieren gesehen haben, aber die Berichte widersprechen sich. Wer an die Scheisse-Theorie glaubt, kann sich dann weiteren Ängsten hingeben: Ist das Zeug sicher? Besteht nicht Explosionsgefahr durch die chemischen Reaktionen in diesen Dosen? War das vielleicht gar Manzonis Absicht, dass in einigen Jahren in Sammlervitrinen in der ganzen Welt seine Werke in die Luft gehen? Solches ist bisher nicht passiert. Allerdings haben einige Dosen zu lecken begonnen und mussten restauriert werden. Die Analyse des austretenden Materials, immerhin, ergab: Exkremente. Und der Museumsdirektor präzisiert: Ob menschlich oder tierisch, konnte nicht festgestellt werden.

Hugues Peyret hat eigentlich nichts anderes getan, als möglichst viele der neunzig Dosen aufzuspüren (eine Heidenarbeit), einige ihrer Besitzer oder Aussteller zu besuchen und ihre Geschichte zu erzählen. Er hat sein Material souverän auf eine Stunde zusammengeschnitten und mit staubtrockenem Humor kommentiert. So hat er einen Film geschaffen, der seinem Gegenstand an Esprit und Vielschichtigkeit in nichts nachsteht, und damit reichlich Stoff zum vergnügten Lachen und anregenden Diskutieren.


Technisches: Chacun sa merde; suivi de la boite de merde. Deux films de Hugues Peyret. DVD, 2010. Ein Trailer zum Film ist auf Youtube zu finden.

Samstag, 2. Juli 2011

Klangraum Bollwerk

Zwar ist das frühsommerliche Freiburger Festival für Avantgarde-Kunst nach dem Bollwerk bzw. Belluard benannt, aber längst nicht alle Veranstaltungen finden in der mittelalterlichen Festung statt. Zweiter Hauptspielort ist seit einigen Jahren die Ancienne Gare, und darüber hinaus gebraucht das Festival immer auch unerwartete Orte in der ganzen Stadt als Bühne: öffentliche Plätze, leerstehende Geschäfte, ein abbruchreifes Haus oder gar Privatwohnungen. So habe ich zwar keine der letzten Ausgaben verpasst, aber das Bollwerk dennoch seit langem nicht mehr von innen gesehen. Bevor Entzugserscheinungen auftraten, galt es, dieses Versäumnis zu korrigieren. Und kaum ein Anlass wäre besser dazu geeignet gewesen als einer, der die einmalige Architektur des Belluard ausdrücklich einbezieht: Espèces d’espaces, eine Klanginstallation, speziell für den Ort geschrieben und mit zwölf Lautsprechern in den Innenhof und die Galerien der Festung projiziert.

Am letzten Dienstag kam ich also gegen viertel vor zehn im Quartier d’Alt an. Auf der Strasse und im angrenzenden Arsen’Alt brodelte die Festivalstimmung, unterstützt durch Küche und Bar, und es war an diesem heissesten Tag des Jahres immer noch feuchtwarm. Aus den meterdicken Mauern des Bollwerks strahlte hingegen eine wohltuende Frische. Die Stühle standen frei im ganzen Innenhof herum, auch auf der Bühne. Dorthin setzte ich mich und genoss den Blick auf die faszinierende Architektur. Innen am steinernen Hufeisen der Festung entlang ziehen sich nämlich zwei Stockwerke Galerien, mehrere Meter tief, von mächtigen Balkenkonstruktionen getragen und an ihren Stirnseiten chaletmässig mit Schindeln bedeckt. Auch an den Verbindungen des Hufeisens zur Stadtmauer hin hängen Holzverschläge. Ein Halbkreis Abendhimmel leuchtete in erdunkelndem Blau über den Dächern der Galerien; Scheinwerfer schälten einzelne Balken und Pfeiler aus der Dämmerung heraus.

Um zehn Uhr traten dann Antoine Chessex, Valerio Tricoli und Jérôme Noetinger an die Mischpulte und Computer in der Mitte des Hofes. Damit begann der weniger überzeugende Teil des Abends. Die anfänglichen Regen- und Donnerklänge wurden bald abgelöst von metallischen Tönen, von schriller Elektronik und magenmassierenden Bässen, teils auch von schierem Lärm. Mehrmals ritzte die einstündige Performance die Schmerzgrenze. Und freilich spielte die Klanginstallation mit dem Raum, lies Töne kreisen, lockte mal von vorne, mal von hinten – aber inwiefern dies ein Spiel, ein Dialog mit diesem konkreten Raum war, erschloss sich mir nicht. In einem Schuhschachtel-Konzertsaal wäre der Eindruck kaum anders gewesen. Sass ich zu exzentrisch? Hätte ich während der Performance herumgehen sollen? Auf jeden Fall habe ich die imaginäre Welt, die laut Programm im Labyrinth der Klänge hätte entstehen sollen, nicht erlebt.

So war für mich die Architektur der eigentliche Star des Abends. Und eine alte Erkenntnis hat sich bestätigt: Das Belluard-Festival ist eine radikale Wundertüte. Man liest das Programm, fühlt sich angesprochen vom einen oder anderen, was dort steht, aber weiss nie, was einen erwartet, bis mans gesehen hat: Einmal ist es eine absolute Sternstunde, das nächste Mal bleibt man ratlos zurück. Bitte nicht falsch verstehen: Ich beschwere mich nicht. Ein Festival, das Grenzen ausloten und ausgetretene Pfade vermeiden will, muss so sein. Dazu passt, dass das Belluard einen lediglich symbolischen Eintrittspreis verlangt. Probiert aus und kommt wieder, ist die Botschaft, erwartet nichts, lasst euch verstören, berühren, überraschen.


Technisches: Das diesjährige Belluard Bollwerk International schliesst heute abend seine Türen. Ich werde die nächstjährigen Termine so bald als möglich in meine Agenda schreiben, um nicht wieder im Vor-Ferien-Abschluss-Stress vom Festivalbeginn überrascht zu werden…

Freitag, 24. Juni 2011

Lesegenuss

Keinen der bald zweihundert Artikel auf diesem Blog habe ich so teuer bezahlt wie den letzten: Beim Fertigschreiben und Publizieren ist eine eigentlich schon überstanden geglaubte Halskehre erst so richtig losgegangen, die mich dann einen ordentlichen Teil der beiden folgenden Wochen unter Drogen ins Bett gezwungen hat. Erst heute wage ich mich – nach einer nun doch schadenfrei überlebten Arbeitswoche – wieder zu mehr als etwas Surfen und Fernsehen an den Computer. Dass ich ausgerechnet in den lichten Momenten dieser Zeit ein Buch mit dem Titel Geniessen gelesen habe, hat etwas von einem schlechten Witz. Aber man soll ja gerade dann besonders zu sich schauen, wenn es einem nicht so gut geht, und die Lektüre war tatsächlich ein Hochgenuss.

Soviel ist schnell gesagt. Etwas schwieriger ist es, das Buch präzise zu charakterisieren; denn es ist (passend zum Thema) eigentlich eine einzige grosse Aus- und Abschweifung. Der Autor Gero von Randow ist ein erfahrener Journalist, hauptsächlich im Wissenschaftsressort, aber auch in diversen leitenden Funktionen und seit 2008 als Korrespondent (in Frankreich, wo sonst); daneben hat er mehrere Bücher verfasst, darunter einen Bestseller zur Wahrscheinlichkeitsrechnung. Vor allem aber ist er ein überaus interessierter und kultivierter Mann. Seinem Buch zur Geschichte und Philosophie des Geniessens gibt er zwar äusserlich die Grobstruktur eines Festmenüs, warnt aber schon auf der ersten Seite vor den zahllosen Abschweifungen, die dem Leser bevorstehen. Und legt gleich los: Ein Gericht, ein Produkt, ja eine simple Redewendung ist ihm Anlass zu einem „apropos“, einem „übrigens“ – und kaum hat man sichs versehen, ist man mitten in einem Film, in einer Spezereihandlung, an einem Fürstenhof, in einem anderen Jahrhundert. Und alles ist durchsetzt von trefflichen, eigenen und geborgten geflügelten Worten sonder Zahl. Wer sich unter Geniessen aber eine simple Anekdotensammlung vorstellt, liegt dennoch falsch, denn man lernt etliches bei der Lektüre: die Geschichte der Kochkunst beispielsweise, oder kluge Überlegungen zur Ethik des Genusses. Von Randow bringt es fertig, ein beeindruckendes Wissen an den Mann und die Frau zu bringen, ohne besserwisserisch zu wirken. Sogar wenn er von einem ganz speziellen Bordeaux aus einem ganz bestimmten Jahr schwärmt, wirkt er nie wie ein Snob, vielmehr wie ein reiner Gourmet, der sich dermassen über eine Entdeckung freut, dass er sie mit der ganzen Welt teilen möchte.

Dieses Buch geniesst man wie ein Glas guten Weines. Es ist bibliophil gestaltet, in Leinen gebunden, meisterhaft gesetzt und mit Lesezeichen versehen. Und es ruft unaufdringlich, aber überzeugend die kulturelle und zivilisatorische Bedeutung des Genusses ins Gedächtnis zurück.


Technisches: Gero von Randow, Geniessen. Eine Ausschweifung. Hamburg, Hoffmann und Campe 2001. ISBN 3 455 11278 1.

Samstag, 4. Juni 2011

Traumorakel im stillen Tal

In der griechischen Mythologie bedaure ich am meisten die Seher. Sie sehen das Unheil, das sich aus eskalierender menschlicher Masslosigkeit aufbaut, furchterregend klar kommen, aber können nichts dagegen tun – und gehen oft auch selber daran zugrunde. Die trojanische Königstochter Kassandra ist das bekannteste, im Deutschen sprichwörtlich gewordene Beispiel. Vergleichbar erging es einem weniger bekannten Helden, dem Seher und Fürsten von Argos, Amphiaraos. Sein Verderben war der Feldzug gegen Theben, den Polyneikes, Sohn des Ödipus, gegen seinen Bruder Eteokles anstrengte. Adrastos, der König von Argos, sagte ihm seine Unterstützung zu und stellte ein Heer zusammen, angeführt von jenen sieben Helden, die in der Folge als die „Sieben gegen Theben“ bekannt wurden. Adrastos‘ Schwager Amphiaraos sollte ein Teilnehmer dieses Unterfangens sein, dessen tödlicher Ausgang für die meisten Beteiligten ihm bereits bekannt war. Deshalb versteckte er sich, um sich dem Untergang zu entziehen, wurde aber von seiner Frau Eriphyle verraten, die sein Versteck im Austausch gegen ein von Götterhand gefertigtes Halsband preisgab. So kam es, wie es kommen musste: Die Sieben zogen los, gelangten auf Umwegen, die hier nichts zur Sache tun, nach Theben, und liessen bis auf Adrastos alle ihr Leben vor den sieben Toren der Stadt. Ein besonderes Schicksal hingegen war für Amphiaraos reserviert: Als er verfolgt und dem Tode nahe war, öffnete sich auf Zeus‘ Geheiss die Erde vor ihm und verschluckte ihn samt seinem Gespann. Amphiaraos erhielt die Unsterblichkeit – und (gleichsam als ausgleichende Gerechtigkeit für sein übles Schicksal) als Kultort eines der schönsten, gewiss aber das lauschigste Heiligtum Griechenlands, das Amphiareion von Oropos, im äussersten Nordosten Attikas an der Grenze zu Böotien.

Das Amphiareion liegt im kleinen Tal eines Wildbaches, der nur gelegentlich Wasser führt. Bei unserem Besuch hörten wir ihn von unten rauschen, und blühende Bäume und Blumen verzierten die tiefgrüne Landschaft mit intensiv leuchtenden Farben. Die Gebäude des Heiligtums erstrecken sich dem Bach entlang das Tal hinunter: zunächst der Tempel des Heros Amphiaraos mit seinem Altar, dann eine Reihe von Statuenbasen, zuletzt die grosse Säulenhalle. Hinter ihr liegt ein kleines Theater. Die Sitzreihen sind durch die Jahrhunderte und Erdbeben fragmentiert und verformt, aber fünf grossartige Ehrensitze haben sich erhalten sowie das Proskenium, der Bühnenunterbau, der sich an die Rückwand der Stoa anlehnt. Auf dem gegenüberliegenden Ufer befindet sich der profane Teil des Heiligtums, das kleine Dorf, das ihm angegliedert war; heute ein relativ unübersichtliches Ruinenfeld, aus dem eine gut erhaltene Klepsydra, eine Wasseruhr, heraussticht.

In der Antike herrschte hier ein reger Kultbetrieb, animiert von zahllosen Pilgern, die von Amphiaraos Heilung von Krankheit erbaten. Pausanias erklärt, wie das ging: Man brachte dem Hausherrn zunächst ein Opfer dar und legte sich danach in der Säulenhalle schlafen. Im Schlaf, genauer: im Traum erwartete man dann vom Heros den Hinweis darauf, wie die Heilung bewerkstelligt werden sollte. Inschriften und Weihgeschenke bezeugen die Dankbarkeit zahlloser Geheilter. Wer diesen friedlichen, wohltuenden Ort heute erlebt, hat keinen Anlass, an ihrem Wahrheitsgehalt zu zweifeln.


Technisches: Dass ich zuvor noch nie im Amphiareion war, liegt auch daran, dass dieses Heiligtum ohne eigenes Fahrzeug äusserst mühsam zu erreichen ist. Kein Zug, kein Bus führt den Interessierten in das stille Tal bei Oropos. Nach ausführlichem Studium der Lokalgeografie sowie der Regionalbuslinien hatte ich endlich gemeint, eine besonders schlaue Lösung gefunden zu haben. Wir nahmen den Bus nach Agioi Apostoloi und stiegen in Kalamos aus. Dort würde sich doch sicher ein Taxi für die drei Kilometer bis zum Amphiareion finden lassen, oder? Fehlanzeige. Im Dorfladen, im Kiosk und im Café beschied man uns einstimmig, es gäbe im Ort kein Taxi; und der üblicherweise nächststationierte Taxifahrer, den man freundlicherweise für uns anrief, war diesen Tag abwesend. Als wir schon dachten, wir müssten uns mit Plan B abfinden und zu Fuss zur archäologischen Stätte gelangen, anerbot sich ein freundlicher älterer Herr, uns mit seinem Auto hinzubringen. Dem Manne sei rückblickend noch einmal herzlich gedankt! Für den Rückweg rief uns der Aufseher dann ein Taxi nach Oropos, was eine sehr praktische Lösung war, aber den Ausflug schliesslich relativ teuer werden liess... Als Fazit gilt daher: Man kommt durchaus mit dem ÖV zum Amphiareion, wenn man anschliessend ein bisschen Fussmarsch nicht scheut. Am einfachsten, gut 3 Kilometer, ist es von Kalamos an der Linie Athen-Agioi Apostoloi. Mehr Busse fahren nach Oropos; wenn man den Chauffeur dazu bringt, am richtigen Ort, kurz vor Markopoulo, an der Abzweigung nach Kalamos anzuhalten, hat man von dort praktisch gleich weit. (Die Busse fahren von der Platia Aigyptou ab; nach Agioi Apostoloi vom Südrand, nach Oropos von der Nordostecke des Platzes.) Die Taxivariante ist natürlich, wie wir gezeigt haben, auch machbar; genügend Taxis (zudem viele Verpflegungsmöglichkeiten) finden sich im Hafen von Oropos; für die einfache Fahrt haben wir, wenn ich mich richtig erinnere, 18 Euro bezahlt. Praktischer ist man zweifellos im Mietauto unterwegs, was zudem den Vorteil hat, dass gleichentags auch andere archäologische Stätten wie Marathon und Rhamnous erreichbar sind. (Dazu ein Geheimtipp: Wer mit Metro oder Bus zum Flughafen fährt und dort einen Mietwagen nimmt, vermeidet die aktive Bekanntschaft mit dem Athener Verkehrschaos und ist sofort auf dem attischen Land.)

Die archäologische Stätte selber ist zu den üblichen Zeiten geöffnet, nämlich Dienstag bis Sonntag von 9 bis 15 Uhr. Eine Informationstafel gibt vor Ort eine relativ gute Übersicht über die Ruinen; wer weitergehend interessiert ist, kann zur Vertiefung auch den (nicht mehr ganz neuen) Führer von Vassilios Petrakos erstehen. An Online-Informationsquellen erwähnt seien die Kulturdatenbank des Tourismusministeriums (leider nur auf Griechisch) sowie die Wikipedia (wie für griechische archäologische Stätten üblich in der englischen Version besser und ausführlicher als in der deutschen).

Freitag, 27. Mai 2011

Nachtflüge

Auf den griechischen Journalisten Fotis Georgeles bin ich das erste Mal im Frühling 1999 in meinem Erasmus-Jahr in Athen aufmerksam geworden. Nördlich der Grenzen tobte der Kosovo-Krieg, und währenddem in Westeuropa die Rollen eindeutig besetzt waren – die Serben seit Jahren schon die Bösen, die Albaner die Armen –, war es in Griechenland genau umgekehrt: unbedingte Solidarität mit den serbisch-orthodoxen Glaubensbrüdern, zwischen Skepsis und Verachtung für die ungeliebten Albaner. In dieser Zeit, in der alle griechischen Medien rabiat auf die NATO eindroschen, stiess ich beim Zappen auf eine Diskussionssendung. Die rechtsnationalistische Journalistin Liana Kanelli vertrat mit Bestimmtheit die These vom westlichen Mord an den Orthodoxen. Ein mir unbekannter Reporter hielt dagegen: Fotis Georgeles. Er komme, sagte er, soeben aus dem Kosovo zurück, und wenn die Berichte über serbische Gräueltaten, die er dort gehört hatte, auch nur zum Teil stimmten, dann müsse man die herrschende Sicht der Dinge sehr kritisch hinterfragen. Soviel eigenständige Meinung imponierte mir. Ich fand heraus, dass Georgeles Chefredaktor der Lifestylepostille KLIK war, und von da an gehörte diese zu meiner monatlichen Lektüre. Man musste dort zwischen all dem Lifestyle gelegentlich etwas graben, fand aber dabei immer hervorragende Texte; so erinnere ich mich an ein kluges Interview mit dem eben ernannten Aussen- und heutigen Premierminister, dem (mindestens damals) unaufgeregten und gänzlich ideologiefreien Georgios Papandreou.

Das Highlight jedes Monats aber (und Grund genug, dass ich mir KLIK nachher noch ein Jahr lang in die Schweiz liefern liess) war das Editorial von Fotis Georgeles. Darin berichtete er fast immer über Alltägliches, kürzlich Erlebtes, häufig über Reisen oder Ausflüge – vordergründig. Dahinter versteckten sich jedes Mal hochpräzise Beobachtungen zur Gegenwart. 42 dieser Editorials und anderer Texte sind vor ein paar Jahren als Buch herausgekommen, unter dem Titel Νυχτερινές πτήσεις, „Nachtflüge“, aufgemacht also (wiederum vordergründig) als Sammlung von Reiseberichten. Die eigentlichen Berichte von Reisen in ferne Länder, nach Südamerika oder auf einsame Inseln im Pazifik, sind allerdings eher die schwächeren Partien des Buches – zu nahe sind sie mir am klassischen Reisejournalismus mit seinem Placenamedropping und seinem naheliegenden Erstaunen über die offensichtlichen Kontraste der Feriendestinationen zum heimischen Europa. Je näher er aber an zu Hause ist, und insbesondere in den Stücken über seine Heimatstadt Athen, desto mehr zeigt sich Georgeles in Hochform. Er erweist sich als sensibler Seismograf des urbanen Lebens, ausgestattet mit einem präzisen Blick, einem potenten analytischen Instrumentarium und einem breiten Reservoir an Erfahrungen, was Urbanität bedeutet und wie sie sich in verschiedenen Regionen äussert und interpretiert wird. Schonungslos seziert er die Lebensfeindlichkeit seiner Stadt, nicht ohne auch ihre Faszination, das allgegenwärtige und spontane Aufflackern von Leben, zu analysieren. Erhellend sind seine Gegenüberstellungen der griechischen Hauptstadt mit der anderen Stadt, die ihm am Herzen liegt, mit Paris – eine fast ideale Stadt, wenn man ihm Glauben schenkt, eine Stadt für die Menschen, nicht für die Autos, wie er kurz und desillusioniert schreibt. Ich finde freilich, dass ihm da öfters die Hassliebe des gebürtigen Atheners den Blick trübt, und würde ihm gelegentlich widersprechen, würde beispielsweise darauf hinweisen, dass gerade in Athen quasi im Jahresrhythmus neue Hotspots entstehen, wo rund um einen Platz und wenige Strassen wie in einem Treibhaus Bars und Cafés aus dem Boden schiessen. Aber das ändert nichts daran, dass Georgeles es versteht, mit wenigen Worten, mit knappen Beobachtungen und Vergleichen die Essenz dessen einzufangen, was Urbanität und städtisches Leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts ausmacht.

Das KLIK übrigens wurde vor längerem eingestellt (inzwischen existiert es, wie ich eben entdecke, wieder als Webzine). Fotis Georgeles hat dafür vor ein paar Jahren die Athens Voice gegründet, ein wöchentliches Gratisblatt für Athen. Auch da schreibt er ein Editorial, und das ist glücklicherweise online! Jedes Mal, wenn ich in Athen bin und eines der relativ gefragten Exemplare erhaschen kann, kriege ich glänzende Augen. Und gleichzeitig frage ich mich jedes Mal: Warum gibts sowas bei uns nicht? Warum gibts hier nur die Journalismussimulation von 20 Minuten, das Selbstschulterklopfen von Blick am Abend und den Teenie-Augenkrebs von 20 Minuten Friday? Athens Voice ist grossformatig und relativ dick. Das Titelblatt wird jede Woche von einem anderen Künstler gestaltet. Die Redaktion setzt intelligent und aufwendig Themen (aktuell beispielsweise ein Dossier zur Kultur in Zeiten der Krise); dazu kommen Satire, Kolumnen, Analysen zu Politik und Gesellschaft – kein investigativer Journalismus, gewiss, aber viel solider Lesestoff, souverän gestaltet, und zugleich ein umfangreicher Ausgangsführer mit den ganzen nützlichen Informationen zu Theater, Kino, Musik, Restaurants und Bars. Glücklich das Land, denke ich dann, das solche (und ähnliche) Gratisblätter hat; und es ist mir um die Griechen gleich ein bisschen weniger bange.


Technisches: Φώτης Γεωργελές: Νυχτερινές πτήσεις. Athen, Kedros 2008. ISBN 978 960 04 3854 3. Übersetzt ist das Buch scheinbar (noch) nicht worden.

Sonntag, 15. Mai 2011

Inglorious Basterds

Am wenigsten gern schreibe ich auf diesem Blog über etwas, das meine Erwartungen enttäuscht hat; wenn ich mich bereits auf eine begeisterte Rezension gefreut hatte und mich dann mit der Aufgabe konfrontiert sehe, meine Enttäuschung zu analysieren und in Worte zu fassen. Objekt dieser Enttäuschung ist heute Quentin Tarantinos Film Inglourious Basterds, den wir kürzlich auf DVD gesehen haben. Nun habe ich mit Tarantino nicht wirklich Erfahrung; zuvor hatte ich einzig Kill Bill 1 gesehen (und gemocht). Soviel hatte ich immerhin mitgekriegt: dass Tarantino eine Vorliebe für schräge, schrille oder skurrile Charaktere hat – sowie ein geradezu fetischistisches Verhältnis zu hervorspritzendem Blut. Von beidem gibt es in Inglourious Basterds reichlich; ich würde sogar behaupten, es gibt daneben kaum etwas anderes. Der Film besteht aus nur wenigen, endlosen Szenen, in denen mit quälender Langsamkeit eine üble Beklemmung zelebriert wird. Man sieht das Unheil kommen und kann doch nichts tun, man möchte schreien, man windet sich mit Gänsehaut auf seinem Sofa und fixiert doch weiterhin den Bildschirm, um die Katastrophe wie ein Uhrwerk ablaufen zu sehen, bis die Szene in der Regel im erwähnten Blutspritzen endet.

Klar: Es braucht absolute Meisterschaft, um solch aggressives, unentrinnbares Unbehagen zu erzeugen. Die Szenen sind mit souveräner Sicherheit gestaltet und inszeniert, da steht jeder Salzstreuer richtig. Die Figuren, allen voran SS-Sturmbannführer Landa (Christoph Waltz, der für seine Interpretation so ziemlich jeden verfügbaren Preis bekam), sind überlebensgrosse Gestalten. Das ist ein Meisterwerk, ohne Frage. Mein Problem ist wohl, dass ich keine Studiensammlung beklemmender Szenen erwartet hatte, sondern eine Geschichte – und diese hat in dem Film offensichtlich zweite Priorität. Dabei wäre der Kern zu einer fabelhaften Geschichte vorhanden gewesen, nämlich die brillante Idee, eine jüdische Guerillaeinheit, eben die titelgebenden Basterds, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hinter die deutschen Linien zu schicken und dort Tod und Panik säen zu lassen. Diese Idee, finde ich, ist etwas müde verpulvert worden. Überhaupt bleibt vieles vom Plot im unendlichen gegenseitigen Belauern stecken. Anderes, wie die Schlusswendung, wirkt im höchsten Mass unrealistisch, reiner Vorwand für eine letzte Pointe. Bleibt als Fazit: Glücklich der Regisseur, der solche Ideen hat und sie dann nicht mal vollständig auskosten muss, um einen bedeutenden Film zu machen. Mein Fall freilich war dieser nicht.


Technisches: Inglourious Basterds (2009), von Quentin Tarantino, mit Brad Pitt, Christoph Waltz, Mélanie Laurent, Diane Krüger und vielen anderen grossen Stars.

Freitag, 6. Mai 2011

Zwischen allen Stühlen

Dass ich den griechischen Autor Petros Markaris sehr gerne lese, ist auf diesem Blog bereits zur Genüge dokumentiert. Seine Kostas-Charitos-Krimis habe ich alle verschlungen. Dass mich folglich auch seine Autobiografie interessiert, wird nicht verwundern. Allerdings ist „Autobiografie“ vielleicht die falsche Bezeichnung für das Buch Κατ΄εξακολούθηση, das Markaris 2005 für die Kollektion „In der Küche des Schriftstellers“ (Στην κουζίνα του συγγραφέα) verfasst hat. Es handelt sich präziser um einen Rück- und Überblick über sein literarisches Schaffen und dessen Verortung in seinem Leben, seinem Denken und seinen Erfahrungen. Und es ist dieses aussergewöhnliche und vielseitige Leben, das mich bei der Lektüre am meisten fasziniert hat. Von armenischer und griechischer Herkunft, in Konstantinopel/Istanbul dreisprachig (Griechisch, Türkisch, Deutsch) aufgewachsen, Ökonomiestudent in Österreich und Deutschland, dann nach Athen übersiedelt, Theater- und Drehbuchautor (unter anderem für Filme von Angelopoulos und Fernsehserien), Übersetzer von Brecht und Goethe und eben seit knapp zehn Jahren höchst erfolgreicher Kriminalschriftsteller – einer Katze vergleichbar scheint Markaris mehr als ein Leben zu haben. Eindringlich beschreibt er das Istanbul der 40er und 50er Jahre, eine Stadt, die mit dem Adjektiv „kosmopolitisch“ nur unzulänglich beschrieben ist. In drei Minuten Tramfahrt, erinnert sich der Autor, war es absolut üblich, sechs Sprachen zu hören: Türkisch, Griechisch, Armenisch, Sephardisch, Italienisch und Französisch. Gleichzeitig lebten die bedeutenden Minderheiten der Griechen, Armenier und Juden traditionell nicht nur von den Türken, sondern auch voneinander säuberlich getrennt – so sehr, dass die Ankündigung von Markaris‘ armenischem Grossvater, er wolle eine junge Griechin heiraten, umgehend zu seiner Enterbung führte. Nur am Rand kommt der Autor auf die Pogrome gegen die Nicht-Türken zu sprechen, die in den Fünfziger Jahren viele ihrer Angehörigen ins Exil drängten. Für den jungen Petros bedeuteten sie insbesondere, dass seine Eltern ihre Stadtwohnung aufgeben mussten und sich ins Sommerhaus auf den Prinzeninseln zurückzogen, eine für den Teenager aus der Grossstadt die meiste Zeit sterbenslangweilige Umgebung. Von den weiteren Lebens- und Schreibensstationen seien zwei erwähnt: Markaris‘ einziges Theaterstück, Die Geschichte von Ali Retzo, mit dem er die Zensoren der Militärjunta übertölpelte und nach eigener Einschätzung den bedeutendsten kulturellen Widerstandsakt gegen die Obristendiktatur auslöste; und die augenzwinkernde Art und Weise, wie sich Kommissar Kostas Charitos, dieser kleinbürgerlich-bauernschlaue Polizist, plötzlich und unerwartet im Kopf seines Autors einnistete und diesen im hohen Alter zum Romanautor machte (und zu einem über alle Massen erfolgreichen dazu).

Weniger spannend, streckenweise sogar reichlich langweilig, fand ich die literaturtheoretischen Passagen des Buches. Markaris entwirft eine umfassende Theorie des zeitgenössischen Kriminalromans und lässt sich dazu ausführlich über die bekanntesten literarischen Kommissare Europas, ihre Denkweisen und ihre kulinarischen Vorlieben aus. Das ist für die Einordnung seines eigenen Werks nicht uninteressant, aber für den gemeinen Krimileser etwas langfädig. Auch der Essay über die Brecht-Rezeption in Griechenland gehört in diese Kategorie. Die direkte, ruppige, oft sarkastische Sprache, die Markaris seinem Helden Kostas Charitos in den Mund legt, ist weit besser zugänglich als der häufig etwas schwerfällige griechische Essay-Stil, der viele Seiten des Buches dominiert. Dem Literaturwissenschaftler mag es anders ergehen; ich bin mir bewusst, dass diese Empfindung stark von meinen persönlichen Vorlieben und Interessen abhängt. Deshalb freue ich mich besonders, dass letztes Jahr ein weiterer Charitos-Krimi herauskam (der erste Band einer Trilogie überdies), der als Souvenir aus Athen mitgekommen ist und jetzt in meinem Regal der Lektüre harrt.


Technisches: Petros Markaris, Κατ΄εξακολούθηση. Athen, Patakis 2005. ISBN 978-960-16-2256-9. Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Wiederholungstäter. Ein Leben zwischen Athen, Wien und Istanbul (übersetzt von Michaela Prinzinger) 2008 bei Diogenes in Zürich erschienen (ISBN 978-3-257-06639-5).


P.S.: Auf den Tag meiner Rückkehr aus Athen ist auch der vierte Geburtstag dieses Blogs gefallen. Auch für Blogs scheint zu gelten: Je älter, desto weniger wichtig werden genaues Alter und Jahrestage. Anstelle eines gloriosen Festtagsbeitrags bitte ich deshalb die geneigte Leserin und den geneigten Leser ganz bescheiden um zwei Sekunden Innehalten und Meditieren über die Vergänglichkeit alles Irdischen…