Freitag, 28. Januar 2011

Slow Crime

Meine kriminalistische Italienreise hat mich nach Rom, Triest und Bologna jetzt in die Gegend von Parma geführt, an den Po, der als Der Nebelfluss dem Roman von Valerio Varesi nicht nur den Titel gibt, sondern auch so etwas wie sein heimlicher Protagonist ist. Breit und träg mäandert er durch die Ebene, schleift hier sein Ufer ab, baut dort eine Insel auf, birgt Geheimnisse auf seinem Grund und gibt sie irgendwann wieder frei. Und der Rhythmus seines zunächst grenzenlos anschwellenden, dann langsam fallenden Hochwassers bestimmt den Gang dieser Geschichte. Dem kann sich bei aller Ungeduld auch der eigentliche Hauptdarsteller, Commissario Soneri, nicht entziehen, der seine Ermittlungen voranbringen möchte und doch keine andere Wahl hat, als seine Tage auf den schmalen Strassen und in den kleinen Dörfern am Fluss zu verbringen und zu verlieren.

Hauptcharakteristikum und Erfolgsgeheimnis dieses Krimis ist seine Langsamkeit. Soneri versucht, den Tod zweier alter Einzelgänger und Brüder aufzuklären, deren einer mitten in der Nacht mit seinem Lastkahn in den stetig steigenden Fluten des Pos verschwindet, während der andere tags darauf unter einem Fenster des Krankenhauses zerschmettert aufgefunden wird. Dass es sich dabei weder um Zu- noch um Unfälle handeln kann, wird mindestens dem Kommissar bald einmal klar; und als herauskommt, dass beide Brüder im Zweiten Weltkrieg als faschistische Schwarzhemden brutale Verbrechen verübt haben, zeichnet sich rasch auch ein mögliches Motiv ab. Wie in Zeitlupe zieht sich danach die Suche nach dem Täter dahin, und man folgt Soneri in aller Musse in den Circolo Nautico, zu den Carabinieri und in die Osteria, wo der Kommissar schäumenden Fortanina trinkt, grandiosen Vorderschinken isst und aus Andeutungen und Zufällen einen weiteren Fetzen seiner Spur zu erhaschen, eine Erklärung für das Vorgefallene zu finden sucht. (Der Zufall übrigens tritt mehrfach in der charmanten Gestalt von Soneris Freundin Angela auf, deren Fetisch, ihren Geliebten nur an den unmöglichsten Orten zu treffen, die beiden zwar in Teufels Küche, aber gleichzeitig die Ermittlungen vorwärts bringt.)

Im Nebel über dem Po wird die Lektüre zum Slow-Food-ähnlichen Genuss, von der diffusen Spannung gleich einer bald abgelaufenen Uhrfeder stetig, aber ohne jegliche Thriller-Hektik vorangetrieben. Dies gilt auch für die finale Konfrontation mit dem von weit her gekommenen Mörder, die eher einem Gespräch beim Psychologen ähnelt, gleichzeitig aber einen Plot von raffinierter Eleganz enthüllt. Für einmal kann ich ohne Einschränkungen den Lobesschnipsel auf dem Klappentext zitieren, der da sagt: „Manche Bücher vermisst man schon, ehe man sie ausgelesen hat. Varesis Der Nebelfluss gehört dazu.“ Glücklicherweise halten Buchhändler und Bibliotheken von Valerio Varesi (auf Italienisch wie auf Deutsch) noch etliche weitere Bücher bereit.


Technisches: Valerio Varesi, Der Nebelfluss. Commissario Soneri sucht eine Leiche. Deutsch von Karin Rother. Reinbek, Rowohlt Taschenbuch 2006. ISBN 978 3 499 23780 5. Das Original ist unter dem Titel „Il fiume delle nebbie“ 2003 bei Edizioni Frassinelli in Mailand erschienen.

Freitag, 21. Januar 2011

Sennentuntschi

Als Kind verband mich mit den Sagen meiner engeren Heimat eine Art Hassliebe. Ich war fasziniert von diesen Geschichten und gleichzeitig niemals frei von der Angst, dass tatsächlich um das nächtliche Haus die Sträggele toben oder auf den Höhen des Lindenbergs der Stiefeliryter jagen könnte. Mit dem Erwachsenwerden ist diese Angst zum Glück verschwunden; die Faszination aber ist geblieben, ja vielleicht noch stärker geworden. Auf jeden Fall ist mir heute klarer bewusst, weshalb Sagen den Leser oder Hörer so unmittelbar packen und ansprechen: weil sie nämlich das Unheimliche und das Unrecht aus dem theoretischen, bloss gefühlten Bereich in die Realität holen und unmittelbar erfahrbar machen. Es gibt in der Sagenwelt eine übergreifende Logik, ein Bewusstsein für Zusammenhänge zwischen Ursache und Vergeltung. Das Unbehagen, das jeden recht Denkenden befallen muss, wenn er von Unrecht erfährt, befällt hier oftmals in furchtbarer Konsequenz denjenigen, der es verursacht hat. Sagen sind so gewissermassen ein Versuch der Volksüberlieferung, das real existierende Ungleichgewicht zwischen Tätern und Opfern irgendwie zu einem Ausgleich zu bringen.

Und damit sind wir schon mitten in der Analyse des Sennentuntschis. Exemplarisch werden in dieser Geschichte einer weiblichen Puppe, welche von ein paar Sennen zur Unterhaltung und Triebableitung gebastelt, dann lebendig wird und sich zum Schluss fürchterlich für das ihr Angetane rächt, Frevel und Strafe verhandelt. Der Regisseur Michael Steiner hat das Sennentuntschi ins Kino gebracht und ihm eine kongeniale Wendung gegeben: Er erzählt die Geschichte als Krimi. In einem kleinen Dorf in den Bündner Bergen wird der Mesner an der Kirchglocke baumelnd gefunden, aber nichtsdestotrotz in geweihter Erde bestattet – und als sich die Trauerprozession durch die engen Gassen windet, taucht hinter einer Hausecke plötzlich eine schöne junge Frau auf, die Haare zerzaust, behelfsmässig gekleidet und total entkräftet. Der junge Dorfpolizist kümmert sich um das seltsame, sprachlose Wesen, scheint aber im ganzen Ort der einzige zu sein, der nicht entweder mit Ekel, Panik oder Verachtung auf sie reagiert. Verwoben in die Geschehnisse im Dorf und im Unterland wird allmählich die Vorgeschichte auf der Alp, hoch oben, in einer unheimlichen und zugleich unheimlich schönen, von der Zivilisation entrückten Parallelwelt; zudem tragen dreissig Jahre zurück liegende Erinnerungen zur wachsenden Beklemmung bei. Der Plot ist meisterhaft gestaltet, evoziert bald einen Horrorfilm, bald die heutige Tagesaktualität, aber nie als Selbstzweck: Immer bleibt die Geschichte punktgenau im Fokus und werden deren verschiedene und vielfach verflochtene Stränge mit sicherer Hand in eine Erzählung zusammengefügt.

Steiner findet für die alte Sage neue, starke Bilder – so die unendlich scheinende, steile Geröllhalde, welche die Alp von der übrigen Welt trennt, oder die extremen Fokusverschiebungen im Vorspann. Und er ist zwar nicht darum herum gekommen, für seinen auf Schweizerdeutsch gedrehten Film die üblichen Verdächtigen vor die Kamera zu verpflichten, hat aber die Figuren dermassen präzis besetzt, dass das Ganze nie zum Klassentreffen ausartet, sondern beklemmend realitätsnah ist. Die Vorschusslorbeeren und die weitgehend überschwängliche Kritik für den Film sind absolut verdient. Zu bemängeln wären allenfalls Details: Die kurze Rahmenerzählung ist eigentlich unnötig, und die Dialoge wirken besonders im ersten Teil etwas betulich. Vor allem gegen Ende läuft der Film jedoch zur Höchstform auf. Und als dann alles offen daliegt, entlässt er uns mit der erschütternd banalen Einsicht, dass es für das Böse weder Teufel noch Dämonen braucht: Dazu genügen wir Menschen mit unseren Vorurteilen, unseren bösen Absichten und unserem simplen Ungeschick ganz mühelos selber.


Technisches: Das Sennentuntschi lief in den Deutschschweizer Kinos wochenlang bis kurz vor Weihnachten, jetzt aber kaum mehr; und hier im Westen habe ich es noch nicht angekündigt gesehen. Wer den Film verpasst hat, muss also wohl auf die DVD warten. Ich sags nochmals: Es lohnt sich. Was ich auch sagen muss: Dieser Film ist keine leichte Kost, sondern geht mit seiner erschütternden Geschichte und den drastischen Bildern ziemlich ans Gemüt.

Freitag, 14. Januar 2011

Müder Ritt durch die Klischees

Aus dem abgelaufenen Jahr ist noch eine Premiere zu verzeichnen: mein erster Theaterbesuch im Nouveau Monde. Auf dieser Freiburger Bühne wird in der Regel Musik gespielt, die mir nicht besonders nahe geht oder steht, was erklärt, warum ich sie bislang nur dann besucht habe, wenn das Festival du conte oder das Belluard Bollwerk International zu Gast waren. Ein paar Mal jedoch schiebt Sylvain Maradan, der Intendant, einen Theaterabend in das Musikprogramm, und Anfang Dezember schien mir die Gelegenheit günstig. Affichiert war „A l’ouest de l’homme“ der Cie RDH, und versprochen gewissermassen eine genderwissenschaftliche Studie mit den Mitteln der Bühne: Fünf Frauen analysieren im Selbstversuch die Männlichkeit. Wie spricht ein Mann? Wie bewegt er sich? Wie reagiert er auf andere Männer? Und: Kann das eine Frau auch? Das Labor für diesen Versuch war der archetypische Ort, an dem ein Mann noch ein Mann ist (oder war), der Wilde Westen, und angesagt demnach ein Western, dieses unvergleichliche Konzentrat übersteigerter Männlichkeit mit entsprechender Bühnenausstattung: eine ganze Reihe von Saloon-Schwingtüren, davor eine zünftige Ladung Stroh, ein Wasserbecken, Whiskyflaschen und Schiesseisen aller Art; darüber tobten die Protagonistinnen in Stiefeln, Jeans, Hemd und Stetson.

Was ein ausgezeichneter Ansatz für eine umfassende Auslegeordnung hätte sein können, entpuppte sich leider als kunstloser Versuch, mit dem Dampfhammer Gelächter zu erzeugen. Denn alle Originalität, alle Finesse, alle Ironie, die diesem Stück hätten innewohnen können, wurden schlicht erschlagen von einer simplen Grobschlächtigkeit – vom Irrglauben, dass Lautstärke reicht, um lustig zu sein, und dass sich ein ganzer Abend mittels einiger Running Gags bestreiten lässt. Lässt er sich eben nicht: Wenn etwas dekonstruiert werden soll, dann reicht einmaliges Überspitzen. Die Lächerlichkeit einer aufgeblasenen Körperhaltung oder einer Mackergeste ist auf den ersten Blick ersichtlich, vor allem wenn sie von einer Frau gezeigt wird. Die Wiederholung macht den Witz nicht witziger, im Gegenteil, sie schwächt ihn ab und ermüdet die Zuschauer. Wie hatten wir hier doch mal analysiert? Man muss schon sehr gut sein, um mehr als einmal ins Publikum kotzen zu können.

Einsamer Pluspunkt des Abends war die Musik, dargebracht vom einzigen (genetischen) Mann auf der Bühne, dem Gitarristen Sven Pohlhammer, der den Part von Ennio Morricone übernahm. Auch das war überspitzte Essenz des Westerns – aber mit atemberaubender Meisterschaft dargeboten. Wer parodieren und ironisieren will, muss sein Handwerk verstehen. Für alle anderen gilt mit Goethe: Getretener Quark wird breit, nicht stark.


Technisches: Fairerweise muss ich anfügen, dass ich vielleicht auch ganz einfach den Humor nicht verstanden habe. Andere Zuschauerinnen kriegten sich gar nicht mehr ein vor Lachen. Spricht das jetzt gegen mich oder gegen das Freiburger Publikum?

A l’ouest de l’homme wurde letztes Jahr da und dort in der Westschweiz aufgeführt. Aktuelle Daten habe ich keine gefunden, auch nicht die Website der Cie RDH. Für etwas mehr Informationen verweise ich auf georgemag.ch.

Freitag, 31. Dezember 2010

Auf ein Neues

Der Dezember schien sich im Voraus ganz luftig und grosszügig zu präsentieren, aber irgendwie ist er mir unversehens zwischen den Fingern zerronnen – das Jahr ist um, es bleibt nur, ein paar rückblickende Worte zu formulieren. Ich war ein paar Mal im Ballett und im Theater, habe einige Filme gesehen und siebzehn Bücher gelesen (nicht alle hier dokumentiert), dazu ein Mehrfaches davon in Form von Zeitungen, Zeitschriften und Blogs. Anderes war weitaus bedeutender, im Guten wie im Schlechten, aber das vermindert nicht die Wichtigkeit, kritischen Sinn und sprachlichen Ausdruck ständig zu schärfen. Es ist mir gelungen, meinen Vorsatz auszuleben, einiges an Grundlagenliteratur zum Altertum zu lesen, was mich sehr freut. Im nächsten Jahr möchte ich mehr nach dem Lustprinzip vorgehen. Auch dazu steht hier Etliches aus der Antike in den Regalen: Grabungsberichte, Museumskataloge, Monografien und Sammelwerke. Ich hege die Hoffnung, damit die oft trockenen Basen aus der diesjährigen Lektüre mit Farbe und Leben zu umkleiden, und bin mir auch gewiss, dass die Grundlagen mir die Spezialliteratur einfacher verständlich machen werden.

Und damit allen Mitlesenden ein gutes neues Jahr – möge es denkwürdig werden, reich an Schönem und Gutem, und möge das unvermeidliche Missliche schnell und dauerhaft der Vergessenheit anheimfallen! Und lasst uns nicht vergessen, dass Buch und Bühne nicht das Leben sind, aber dass wir ohne sie im Leben ärmer wären.

Freitag, 17. Dezember 2010

Nordisches Irrlicht

Von Peer Gynt kannte ich bis vor drei Wochen nur die Musik. Die beiden Suiten von Edvard Grieg haben durchaus aufbrausende und kontrastreiche Momente, hinterlassen aber mit ihren grandiosen Naturszenen, innigen Liedern und schwelgerischen Melodien einen sehr romantischen, verklärten Eindruck. Und nun dies: Peer Gynt von Henrik Ibsen, in der Übersetzung von Christian Morgenstern, inszeniert von Thorleifur Örn Arnarsson auf der Bühne des Luzerner Theaters. Dieser Peer Gynt ist ein Irrwisch und Tausendsassa, Herzensbrecher und Frechdachs, Mutters Liebling, Lügenbaron und Trollenprinz, unfassbar und unbegreiflich – es braucht ganze drei Schauspieler, um ihn einigermassen darzustellen, dazu den Bestand mehrerer Brockenhäuser, um ihm ein so überbordendes wie angemessenes Bühnenbild (Vytautas Narbutas) zu bieten. Der erste Teil gleicht einem Vulkanausbruch, einem Höllenritt durch Raum und Zeit: Meeresüberfahrt in der Badewanne, Trollenhochzeit auf Bücherstapeln, Griegs Musik aus dem Radio und vom Klavier in Fragmenten herwehend, Morgensterns kongeniale Verse scharf und ironisch, wenn auch oft unverständlich im allgemeinen Chaos, Lärm und Gebrüll. In der Pause präsentiert sich Peer Gynt im Foyer als Spitzenkandidat der Peer-Gynt-Partei PGP für den Posten des Königs, des Präsidenten, oder was auch immer Glamouröses zur Auswahl steht, hat aber mit seinem Aufruf zur Revolution beim belustigten Publikum wenig Erfolg. Nach der Pause dann so etwas wie der besinnliche Teil: Auf das expansiv-expressive Rausgehen in die Welt folgt Peers Rückkehr zu sich selbst, oder wenigstens sein Versuch, ein paar wichtigen Themen nicht länger auszuweichen. Der gealterte Heisssporn sieht sich zum Schluss mit einem Gegenspieler konfrontiert, der ihm unerbittlich die Stirn bietet – und findet (ganz altmodisch) unerwartete Erlösung.

Wir erlebten in Luzern einen temporeichen, vergnüglichen Abend. Die schiere Reizüberladung, verbunden mit meiner mangelnden Vorbildung, hat es mir allerdings verunmöglicht, die ganze Tiefe des Stücks zu erfassen; der Genuss blieb deshalb etwas an der Oberfläche. Immerhin: Dass Griegs Musik und Ibsens Peer Gynt herzlich wenig miteinander gemeinsam haben, ist nicht nur mir aufgefallen. Die Wikipedia fasst die communis opinio so zusammen: „Heute besteht weitgehend Einigkeit darüber, dass die nationalromantische Musik Griegs denkbar schlecht zu Ibsens modernem Drama passt.“ Ich empfehle also, Drama und Musik getrennt zu lesen bzw. zu hören – aber ich empfehle beides ausdrücklich, und ebenso die eindrückliche Luzerner Inszenierung.


Technisches: Peer Gynt steht im Haus an der Reuss im Dezember und Januar noch drei Mal auf dem Spielplan. Morgensterns deutsche Übersetzung findet sich unter anderem beim Projekt Gutenberg, oder als Taschenbuch vom Ondefo-Verlag (ISBN 978 3 93970308 2).

[UPDATE: Das Luzerner Theater hat seine Website umgebaut; den Link zum Stück habe ich angepasst, ebenso den zum Projekt Gutenberg. Auf den Versuch, den laufend verschwindenden Youtube-Links hinterherzuhecheln, verzichte ich allerdings...]

Freitag, 10. Dezember 2010

Herren unserer Zeit

Momo: Dieser Name erweckt Nostalgie; weit zurückliegende Erinnerungen an den Kinderbuchklassiker von Michael Ende und vor allem an den ersten Kinobesuch meines Lebens, als ich ganz allein mit den Primarschulgspänli den Zug nach Luzern nehmen und mir den Film anschauen durfte. Nun kommt Momo als Orchesterballett auf die Bühne des Berner Stadttheaters, choreografiert von der Niederländerin Didy Veldman; statt Shakespeare oder Ibsen, statt Historie oder Weltliteratur also zur Abwechslung ein Märchen. Das macht das Ballett zugänglicher, erzählerischer und leichter verständlich als andere Handlungsballette der letzten Jahre.

Damit ist nicht gesagt, dass die Geschichte banal wäre. An Hand von Momo und ihren Freunden untersucht sie nämlich die Frage, wer denn Herr unserer Zeit ist: wir selber, oder sonst irgendwer oder irgendwas. Das Thema Zeit scheint äusserlich mehrfach im Motiv der Uhr auf. Durchdekliniert wird es aber insbesondere in der tänzerischen Umsetzung des Umgangs mit der Zeit. Die Grosszügigkeit, Verspieltheit, das eigentliche Vergessen der Zeit zugunsten dessen, wozu sie dient, charakterisiert Momo und ihre Freundinnen; scharf kontrastiert damit die hektische Effizienz der Zeitdiebe, der Grauen Herren; flotte Tempowechsel von der Zeitlupe bis zum maschinenähnlichen Schnelldurchlauf sind der choreografische Ausdruck dieses Gegensatzes. Ein zweites Thema schleicht sich dann ein: die Korrumpierbarkeit. Denn nur indem sie ihnen etwas Heissersehntes versprechen, sie mithin also bei einem schwachen Punkt erwischen, können die Grauen Herren die Menschen für sich gewinnen. Alle – bis auf Momo. Die nämlich ist schlicht immun gegenüber Tand und Schein. In einer wunderbaren Szene mit viel Slapstick wird ihr eine Puppe untergeschoben, Modell Letzter Schrei – und währenddem diese tanzend und quiekend über die Bühne stakst, steht Momo das schiere Unverständnis, was das soll und weshalb das cool ist, ins Gesicht und den Körper geschrieben.

Vielleicht ist dies die entscheidende Szene. Der ultimative Showdown in der Zentrale der Grauen Herren jedenfalls wird ganz knapp und beiläufig abgehandelt; fast absichtslos nähert sich Momo mit Schildkröte und Stundenblume, währenddem die letzten der Zeitdiebe sich in relativ kurzem Prozess gegenseitig die lebensspendenden Zigarren aus den Mündern reissen. Am Schluss – man erinnert sich, es ist ein Märchen – regnet es Blütenblätter in Fülle, Momos Freunde winden sich verwundert aus dem kalten Diktat der Zeit und gewinnen Ausdruck, Bewegung und Lebensfreude wieder.

Die Tänzerinnen und Tänzer des Bern.Ballett, allen voran Hui Chen Tsai in einer grossen Rolle als Momo, setzen die Geschichte mühelos um. Die Musik, die das Berner Sinfonieorchester unter Dorian Keilhack dazu spielt, kommt von Dmitri Schostakowitsch, zusammengestellt von Philip Feeney. Schade, dass nirgends zu erfahren ist, um welche Stücke es sich handelte, denn die Musik passt so gut, als hätte Schostakowitsch sie während der Lektüre von Endes Buch geschrieben. Sehr tanzbar, erfasst sie in jeder Szene perfekt die Gefühlslage – atonal zu Beginn, wie um den Schritt ins Land der Märchen zu markieren, spätromantisch-schwelgerisch dann über weite restliche Strecken, immer geschickt spielend mit Beschleunigung und Verlangsamung. Kaum mitgekriegt haben wir leider von unseren Stammplätzen im 3. Rang die Videos von Hambi Haralambous.

Ein Blick in den Zuschauerraum bestätigte: Dies ist ein Ballett, das auch Kinder anspricht und ihnen zugänglich ist. Vielleicht ein geschickter Schachzug des Bern.Ballets im Angesicht der Stadttheaterkrise und der überwundenen und doch immer noch drohenden Sparmassnahmen?


Technisches: Momo steht im Stadttheater Bern im Dezember und Januar noch mehrfach auf dem Spielplan. Einen schönen Vorgeschmack gibt die Videodokumentation von Hambi Haralambous. Und wer den Klassiker wieder einmal lesen möchte, findet ihn (hoffentlich) in jeder anständigen Bibliothek sowie beim Piper-Verlag.

Samstag, 27. November 2010

Antike Wirtschaft

Bei meiner archäologischen und althistorischen Lektüre ist mir in letzter Zeit klar geworden, dass die Kenntnis der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Überlegungen für das Verständnis historischer Phänomene oft von grosser Bedeutung ist – beziehungsweise wäre, denn in meinem Studium ist dieser Aspekt kaum je methodisch angegangen worden. Es galt hier also eine Lücke zu schliessen. Glücklicherweise stand das entsprechende Standardwerk bei mir bereits im Regal: Antike Wirtschaft von Moses I. Finley. Finley, soviel hatte ich immerhin mitgekriegt, war einer der führenden Forscher zur antiken Ökonomie, und die aus einer Vorlesung hervorgegangene Übersichtsdarstellung gewissermassen die Summe seiner Forschungen. Die deutsche Ausgabe kommt schlichtestmöglich daher, als schmales Bändchen im sobren Tarnkappengewand der Reihe dtv wissenschaft. Der Inhalt jedoch ist nahrhaft; die Lektüre verlangt Wachheit und Konzentration. Finley herrscht mit der Souveränität des erfahrenen Gelehrten über seinen Gegenstand, gewichtet mit sicherer Hand, polemisiert überzeugt gegen unbegründete Auffassungen und muss doch selber mehr als einmal auf sehr unsicherem Terrain seine Analysen errichten. Denn eines macht er von Anfang an klar: Griechen und Römer, die sich doch in allen möglichen wissenschaftlichen Gattungen als originelle Pionierdenker erwiesen hatten, kannten die Ökonomie als Wissenschaft nicht.

Der Befund ist zunächst mal ernüchternd. Er bedeutet: Es gibt in der antiken Literatur keinerlei abstrakte Betrachtung wirtschaftlicher Phänomene, es fehlen auch grundlegende Hilfswissenschaften wie Statistik sowie die entsprechende Terminologie und Konzepte; ja es fehlt jeglicher Beleg dafür, dass wirtschaftliche Zusammenhänge erkannt oder untersucht worden wären, die über anekdotische Einsicht hinausgingen. (Wenn das Wetter in Ägypten ungünstig war, kam weniger Getreide nach Rom und die Preise stiegen – soviel war klar, aber zum Anlass weitergehender Studien zur Preisgestaltung beispielsweise wurden solche Alltagsphänomene nicht genommen.) Für uns bedeutet das auch: Es ist schlicht sehr wenig belastbares Material vorhanden, das uns heutigen entsprechende Untersuchungen erlaubt. Für fast alles, was er beschreibt, kann Finley trotz immenser Quellenkenntnis aus der antiken Literatur und Epigrafik gerade mal ein paar Beispiele anführen; und die Bewertung und Einordnung dieser Quellen erweist sich geradezu als Hauptschwierigkeit: Sind es belanglose oder anekdotische Einzelfälle, oder sind es dennoch, gerade wegen ihrer Beiläufigkeit, charakteristische Beispiele verbreiteter Praxis?

Aus dieser schütteren Quellenlage errichtet der Autor ein beeindruckendes und umfassendes Gesamtbild. Er geht aus von den Menschen und ihren Rollen. Stand und Status definieren den Rahmen der Möglichkeiten eines jeden und damit auch sein wirtschaftliches Handeln. Der Beziehung zwischen Herren und Sklaven wird besondere Aufmerksamkeit geschenkt, wobei Finley ausdrücklich von modernen (moralischen) Bewertungen und Vorstellungen warnt, was Freiheit und Sklaverei angeht: Sklave zu sein, konnte ein sehr breites Spektrum von Lebenssituationen bedeuten, das von schonungsloser Unterdrückung bis zu selbständiger Erwerbstätigkeit reichte. Dazu kommt, dass das heute gängige Konzept der Lohnarbeit in der Antike nur in wenigen Ausnahmefällen angetroffen wird: Wer kein Sklave war, war freier Handwerker, kaum je ein Angestellter. Ähnlich differenziert ist der Grundbesitz zu betrachten: Nominell freie Bauern hatten beispielsweise in der späten römischen Republik in der Regel zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.

Hauptlektion des Buches ist wohl, dass Verallgemeinerungen mit Vorsicht zu formulieren sind, nicht nur der Quellenlage wegen. Man muss sich schliesslich auch immer bewusst sein, dass vieles, was in unseren Geschichts- oder Archäologiebüchern aufscheint, absolute Ausnahmefälle darstellte, so etwa die römischen Kaiserhöfe, die eine historisch kaum je mehr erreichte Konzentration von Reichtum im Vergleich zum Normalbürger darstellten. Einen methodisch wichtigen Eintrag ins Stammbuch habe ich mir allerdings gemacht; er betrifft die Kleinräumigkeit der antiken Wirtschaft. Exportproduktion war immer eine Ausnahme, die grosse Mehrzahl der wirtschaftlichen Kontakte blieben auf das Umfeld lokaler Bauernmärkte oder die Kontakte zwischen einer Stadt und ihrem unmittelbaren Umland beschränkt. Mitentscheidend dafür waren die hohen Transportkosten, sobald kein Meer oder Fluss zur Verfügung stand – oder in Finleys kongenialer Formulierung zu den hauptsächlichen Transporttieren der Antike: „Alle drei – Ochse, Maulesel, Esel – waren langsam und gefrässig“. Deshalb war ein Landtransport über 120 Kilometer teurer als ein Seetransport über die gesamte Breite des Mittelmeeres, und wer nicht in Wassernähe sass, hatte ein Problem.

Moses I. Finleys Antike Wirtschaft ist ein Buch, mit dessen einmaliger Lektüre es nicht getan ist. Es wird unabdingbar sein, zukünftigen Lesestoff mit seinen Erkenntnissen zu verknüpfen und das hochkonzentrierte Werk regelmässig beizuziehen. Dass es notwendigerweise in einen gutsortierten Handapparat zur Altertumsgeschichte und Archäologie gehört, scheint mir unbestreitbar.


Technisches: Moses I. Finley, Die antike Wirtschaft. Autorisierte Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Wittenburg. dtv wissenschaft. München, dtv 21980. ISBN 3 423 04277 X. Das Buch ist zurzeit vergriffen, deshalb sei der Hinweis auf Google Books erlaubt.