Freitag, 15. Juni 2012

Lions, Tigers, and Women

Ich kann nicht über den letzten Ballettabend der Saison am Stadttheater Bern berichten, ohne zuvor eine kurze kulturpolitische Anmerkung zu machen. Auf diesen Sommer fusionieren Stadttheater und Berner Sinfonieorchester zu Konzert Theater Bern. Bereits über diese Fusion wie über den wahnsinnig originellen neuen Namen liesse sich trefflich debattieren; mir geht es aber um die Personalpolitik. Ein neuer Direktor wurde engagiert, Stephan Märki, Generalintendant des renommierten Deutschen Nationaltheaters in Weimar, und wie üblich und wohl unvermeidlich in solchen Fällen folgten weitere Rochaden auf den leitenden Posten. Anfang Mai erfuhr man, dass der Vertrag mit Ballettchefin Cathy Marston, die gerne in Bern geblieben wäre, nach Ablauf der nächsten Saison nicht verlängert wird.

Nun stelle ich nicht in Frage, dass es bei unterschiedlichen Ansichten in dieser Konstellation natürlich der (neu verpflichtete) Chef ist, welcher bleibt, seine Untergebene, die gehen muss. Enttäuscht hat mich hingegen, wie sang-, klang- und stillos die Ballettchefin abserviert wurde. Der neue Intendant wird mit ein paar formelhaften Worten des Bedauerns zitiert, um dann spitz anzumerken, die Sparte Tanz müsse mutiger werden. Mutiger, aha. Und das lässt ihm der Stiftungsrat widerspruchslos durchgehen? Hat denn niemand der am Entscheid Beteiligten Marstons Arbeit in den letzten Jahren verfolgt? Hat keiner darauf hingewiesen, oder mindestens begriffen, was sie Bern alles gebracht hat? Dabei ist die Liste doch lang: ihr zugänglicher, komplexlos ästhetischer Stil (eine Wohltat nach dem bemüht intellektuellen Tanz unter Stijn Celis); ihre Fähigkeit, Geschichten – wahre und erfundene – auf die Tanzbühne zu bringen, die man dort nicht erwartet hätte; ihre präzise Analyse der Figuren, ihr intensives, aber nie plakatives Sezieren von Gedanken und Gefühlen; ihr freudiges Zugehen aufs Publikum mit öffentlichen Proben und Tryouts; ihre schrankenlose Offenheit gegenüber der restlichen Berner und weiteren Kulturszene, die sich insbesondere in der kreativen, respektvollen musikalischen Zusammenarbeit gezeigt hat.

Geradezu exemplarisch war dies alles im letzten, eindrücklichen Ballettabend der Saison zu besichtigen, Lions, Tigers,and Women. Nach For Play, einem athletischen, rasanten, farbenfrohen Stück der New Yorker Choreografin Andrea Miller zu Musik von Bach und Moderneren, stellt Cathy Marston im zweiten Teil, Hunting Me, die Grosswildjägerin Vivienne von Wattenwyl ins Zentrum. Die Geschichte ist bekannt von Lukas Hartmann und aus dem Naturhistorischen Museum: Die englisch-bernische Burgerstochter begleitete ihren Vater, den Abenteurer Bernhard Perceval von Wattenwyl, auf Safari nach Afrika; nachdem er durch einen Löwen zu Tode gekommen war, übernahm die Dreiundzwanzigjährige die Leitung der Expedition und schoss die restlichen geplanten Grosswildeinheiten. Auf der Bühne des Stadttheaters sind aber kaum Jagd- oder Heldengeschichten zu sehen. Der Fokus liegt fast durchgehend auf dem Innenleben der seltsamen Jägerin, die dem nervösen, safaribeigen Umfeld im langen blauen Kleid fast entrückt scheint. Die Musik kommt live von der Pamela Méndez Band, ein jazziger Pop in düsterer Clubatmosphäre; Band und Tänzer teilen sich die Bühne. Die Bund-Kritikerin bemängelte dies als letztlich unsinnigen Wettstreit zwischen Tanz und Musik; für mich ist es eher ein Beleg für die Absenz jeglicher Eitelkeit bei der Ballettchefin, die sich auf eine gleichwertige Partnerschaft mit der Sängerin eingelassen hat, weit entfernt davon, einfach eine Begleitmusik für ihr Ballett einzukaufen. Allerdings war die Musik der schwächere Part in diesem Duett; besonders im schlichten Solostück am Schluss stiess Pamela Méndez‘ Stimme hörbar an ihre Limiten.

Eine Saison des Bern:Balletts mit Cathy Marston bekommen wir noch, immerhin, und die werde ich als kostbares Erlebnis geniessen. Spannend tönt alles, ganz besonders freue ich mich aber auf die erneute Zusammenarbeit mit der Camerata Bern in einem Stück über Anna Göldi.

Technisches: Die Dernière geht in diesen Minuten über die Bühne. Weiter nachgelesen werden kann das Social-Media-Experiment zur Begleitung des Stücks, nämlich Vivienne von Wattenwyls Blogeinträge und Twitter-Posts; Bewegtbilder gibts bei art-tv.ch. Zu einer völlig gegenteiligen, vernichtenden Kritik – soweit ich seine überladen-selbstverliebte Prosa richtig entschlüsselt habe – kommt poltron auf tanznetz.de.

Kommentare:

  1. Fämios, du weisst ja noch sonst so viel reizende Lieder, / Thaten der Menschen und Götter, die unter den Sängern berühmt sind; / Singe denn davon eins [...] Allein mit jenem Gesange / Quäle mich nicht, der stets mein armes Herz mir durchboret. / Denn mich traf ja vor allen der unaussprechlichste Jammer! ;-) poltron

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  2. Nenne den Mann mir, Muse, den schrecklichen, ohne Erbarmen, / ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Kummer erregte! / Gleich wie ein Speer, ein scharfer, von mächtigem Arme geschleudert, / Schild und Panzer durchschlägt und fest sich bohrt ins Gekröse, / also schnellt Poltrons Wort, das gefiederte, unter die Berner, / auszulöschen den Tanz und des Leierspiels Saiten zu schneiden.

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