Sonntag, 16. Juni 2013

Centrale Montemartini (Katalogreisen, Nr. 1)

Zum Glück dauert der Vaterschaftsurlaub auf diesem Blog ein paar Monate und nicht nur eine Woche wie im richtigen Leben: Zeit für Unmittelbareres als Theater, Packenderes als Bücher, Lehrreicheres als Museen. Allmählich schaufle ich mir in einem intensiven Stundenplan wieder gelegentlich einen Moment für mich selber frei. Und habe so Zeit gefunden für eine neue Idee, die aus der Not eine Tugend macht: Da ich in den nächsten Jahren nicht mehr so viel und auch nicht mehr gleich in Europa herumkommen werde wie bis anhin, reise ich stattdessen virtuell. Das Material dafür steht laufmeterweise in den Regalen hinter mir – all die Führer und Kataloge, denen ich in den Museumsshops dieser Welt selten widerstehen kann. Wann, wenn nicht jetzt, ist der Zeitpunkt, in ihren Seiten alte Erinnerungen aufzufrischen und all das zu lernen, das in der (oftmals leider) Eile des Besuchs übersehen und überlesen wurde?

Eine eher wenig bébétaugliche Destination macht den Anfang meiner Katalogreisen: Rom. Veteranen des Blogs erinnern sich an meinen hymnischen Bericht aus der Centrale Montemartini, dem zum archäologischen Museum gewordenen Elektrizitätswerk im Industriegebiet der Via Ostiense. Allein die Erinnerung macht gute Laune und motiviert, den stattlichen Katalog zur Hand zu nehmen – der sich als Glückstreffer erweist: Viel eher als ein Museumskatalog ist das nämlich ein Buch über die grossen römischen Ausgrabungen vom Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts und ihren museologischen Niederschlag. In die Centrale Montemartini, erfahre ich, sind nicht einfach querbeet ein paar Statuen aus den Kapitolinischen Museen ausgelagert worden, sondern in erster Linie die Früchte jener umfangreichen Ausgrabungen, welche die urbanistischen Umwälzungen des zur Hauptstadt Italiens gewordenen Roms so gut wie möglich begleiteten. So viel bedeutender Boden wie weltweit niemals sonst wurde da in kurzer Zeit umgegraben, weite Teile der Stadt innerhalb der Mauern; darunter insbesondere am Pincio und auf dem Esquilin Gegenden, in denen die Villen der Reichsten mit ihren weitläufigen Gartenanlagen protzten. Den künstlerischen Reichtum, der da ans Licht kam, kann man sich ansatzweise vorstellen; und man muss den Archäologen jener Zeit einen dicken Kranz winden, dass sie in aller Eile mit unermüdlichem Einsatz wenigstens so viel gerettet haben, wie möglich war. Auf dem Kapitol waren die schönsten Stücke seinerzeit nach Gattungen geordnet präsentiert worden. Erst die Neuaufstellung rund um die Maschinen der Centrale Montemartini hat die für das Verständnis so eminent wichtigen Fundkomplexe wieder zusammengefügt – die republikanischen Grabkomplexe im Untergeschoss, das monumentale Zentrum im Maschinensaal, die horti der prächtigen Villen im Kesselraum.

Das alles erläutert gelehrt und verständlich der vorbildliche Führer und präsentiert dazu fast beiläufig die wichtigsten Werke in Text und schönem Bild. Das Ziel war eindeutig nicht die vollständige Dokumentation der im Museum versammelten Kunstwerke, sondern waren die grossen Linien; und mithin ist das Buch für den Katalogreisenden eine ideale, weiterbildende Lektüre. Ich gestehe verschämt: Diese grossen Linien hatte ich bei meinem Besuch schlicht übersehen; meine fehlenden Grundlagen in stadtrömischer Urbanistik taten das Ihrige. Die Versäumnisse sind nachgeholt, die Lücken gestopft; Gott sei Dank gibt es Museumskataloge…

Technisches: Marina Bertoletti, Maddalena Cima, Emilia Talamo: Centrale Montemartini. Milano, Electa 2007. ISBN 978 88 370 4622 4. Der Katalog ist auf Italienisch und Englisch erhältlich, wir hatten uns standesgemäss für ersteres entschieden.

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