Montag, 9. Juni 2008

Lenz

Ein Blick auf die Spielpläne von Theatern in der Schweiz (offenbar besonders in Bern) und auch anderswo zeigt: Dramatisierungen von Prosatexten sind in Mode. Der Trend ist nicht neu, scheint aber stabil zu sein. Nun gibt es literarische Texte, die sich besonders für die Bühne eignen: dialogische, handlungsreiche Texte, eigentlich verkappte Dramen, die nur darauf gewartet haben, dass jemand sie aus dem Korsett des Romans befreit und ihre Bühnenqualitäten entfaltet. Und es gibt Texte, die auf den ersten Blick auf einer Bühne nichts verloren haben. Einen solchen Text hat sich das Stadttheater Bern vorgenommen: Büchners Lenz. Die kurze Erzählung Georg Büchners über den Sturm-und-Drang-Dichter Lenz, genauer über dessen allmähliches Versinken im Wahnsinn, lebt von den ausführlichen Beschreibungen von Lenz’ Handeln, die Büchner (auch in dieser Hinsicht genial) in mächtige Parallelen setzt zur Aussenwelt, zur Landschaft und zum Wetter. Ein gewaltiger Drive im Text lässt den steigenden Wahnsinn erfahrbar werden. Aber da ist wenig Dialog, wenig bühnenwirksame Handlung. Wie also diesen Text spielbar machen?

Philipp Becker stellt zwei Männer auf die kleine Bühne der Vidmarhallen: einen dunkelhaarigen, etwas ostentativ zwischen Überschwang und Nervosität schwankenden, und einen blonden, ruhigen, mit gewaltiger Schlagseite zu Melancholie und Verzweiflung. Lenz, dieser vielschichtige Dichter, aufgespalten also in zwei Figuren, die Facetten seines Wesens verdeutlicht. Die Inszenierung ist sehr textlastig. Die schwierigen, theoretischen Passagen zur Ästhetik aus dem Gespräch von Lenz mit Kaufmann werden vorgetragen, auch andere Monologe; zu Beginn skizzieren Substantive und Verben vom Anfang der Erzählung Landschaft und Handlung. Ein paar wenige Szenen (zwischen Lenz und Pfarrer Oberlin hauptsächlich) punktuieren das Stück. Und dann der gestalterische Einfall, der massive Eisklotz, der an einer Kette von der Decke hängt, einzige Dekoration des schwarzen Fabrikraums; der zunächst nur vor sich hintropft, dann aber von den Schauspielern erklettert, umfangen und mit der Feueraxt spektakulär zu Trümmern zerhauen wird. Das Herz, das schmelzen möchte und brutalisiert wird? Die Natur, der der Mensch ihren Lauf nicht lässt, sondern sie seinen Launen unterwirft?

Ich schaffe es nicht, hinter dem dekorativen Einfall die weiteren Bedeutungsebenen zu entschlüsseln. Und in gleicher Weise lässt mich auch die restliche Inszenierung seltsam kalt. Zwar leuchten einzelne Worte, Sätze, Szenen hell auf und beleuchten diese eindrückliche Gestalt Lenz. Allzu vieles aber steht unverbunden nebeneinander; gewisse textlastige Passagen wirken unglaublich lang (obwohl das ganze Stück kaum mehr als fünfzig Minuten dauert). Dies immerhin muss ich sagen: Ich habe Lust bekommen, Büchners Original wieder einmal zu lesen.

Und noch etwas zum Ort der Handlung: Lenz hat mich zum ersten Mal in die Vidmar-Hallen gelockt, die neue Spielstätte des Berner Stadttheaters. Das Konzept - Industriebau wird zur hippen Theaterlocation umgenutzt - ist bekannt, aus Bern selber, aber natürlich auch aus Zürich und anderswoher. Ein paar Abstriche sind noch zu machen (Köniz ist verglichen mit Zürich-West eher Niemandsland, und wer mit dem Zehner-Bus anreisen zu müssen meint, sollte mit einem langen Marsch durchs Quartier rechnen), aber der neue Aufbruch ist spannend. Die kleine Bühne funktioniert als intimer Spielraum; und das Restaurant Le Beizli hat zwar einen auf Teufel komm raus originellen Namen, war aber vor und nach der Aufführung ein sehr angenehmer Ort zum Sein. Natürlich kann man sich fragen (und habe ich mich auch gefragt), warum das Stadttheater unbedingt auch noch im Themen- und Publikumssegment der freien Szene wildern muss. Aber umgekehrt wird ein Schuh daraus: Dass Impulse, Ideen und Innovationen aus der freien Szene auf den etablierten städtischen Bühnen ankommen, ist ein Zeichen für deren Lebendigkeit. Theater darf nie stillstehen, Blutauffrischungen sind jederzeit essentiell.


Technisches: Wir waren bereits im Mai an der letzten Aufführung, deshalb hier kein Link zur Ticketbestellung (die für Vidmar:2 diese Saison noch etwas archaisch ablief – im Herbst solls besser werden). Wer aber ein anderes Spektakel in den Vidmarhallen besuchen will, dem sei ans Herz gelegt, vom Bahnhof den Bus 17 bis Neumattweg zu benützen.

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