Sonntag, 4. Dezember 2011

Annuntio vobis gaudium magnum

Welch ein Fest für Bühnen- und Kostümbildner: Die Sixtinische Kapelle galt es nachzubauen, die Fassade des Petersdoms, dazu majestätische Innenhöfe und reiche Säle; dann waren hundertzwanzig Kardinäle zu bekleiden (komplett mit Soutane und Talar inklusive Rochett), weiteres kirchliches Personal in Samt, Seide und Brokat sowie natürlich die Schweizergarde. Nanni Morettis Film Habemus Papam spielt im Vatikan und schwelgt deshalb unweigerlich im katholischen Prunk. Die Geschichte beginnt mit dem Begräbnis des Papstes und dem feierlichen Einzug der Kardinäle ins Konklave. Da sich in den ersten Wahlgängen drei Spitzenkandidaten gegenseitig neutralisieren, einigt man sich auf einen Kompromisskandidaten, den scheuen, gütig lächelnden französischen Kardinal Melville (Michel Piccoli). Doch als dieser auf der Loggia des Petersdoms den Gläubigen präsentiert werden soll, lähmt ihn ein jäher Panikanfall. Der Balkon bleibt leer.

Im ganzen minutiösen Protokoll ist eine solche Situation nicht vorgesehen. Entsprechend verstört improvisieren die Verantwortlichen. Immerhin organisieren sie psychologischen Support und fliegen zunächst den Psychiater Brezzi (Nanni Moretti selber) ein, den besten seiner Zunft, wenden sich dann auch noch an dessen Kollegin und Exfrau (Margherita Buy). Doch damit kommen sie vom Regen in die Traufe: Auf dem heimlichen Ausflug in deren Praxis büxt der Papst aus und taucht in Rom unter.

Von da an verfolgt der Film zwei parallele Stränge: einen grotesken (die Langeweile im end- und aussichtslosen Konklave) und einen feinsinnigen (die Reise des Papstes zu sich selbst). Ersterer ist reichlich schwerfällig. Moretti spielt seinen Psychiater so gestelzt-klischiert, dass es ein Graus ist; auch die Gespräche zwischen dem atheistischen Wissenschaftler und der katholischen Hierarchie sind kalter Kaffee. Und dass die Kardinäle zu Todo cambia von Mercedes Sosa zu tanzen beginnen, sollte wohl poetisch sein, ist aber eher peinlich. Grossartig hingegen ist der fünfundachtzigjährige Michel Piccoli als sinnsuchender Papst. Seine Irrfahrt durch Rom sorgt im zweiten Erzählstrang für Faszination und Leichtigkeit. Und als er schliesslich wieder auftaucht, ist er bereit, auf den Balkon zu treten, und weiss, was er dort sagen will.

Wer giftige Kirchenkritik erwartet hat, sieht sich auf den ersten Blick enttäuscht. Der Zweihänder ist Morettis Sache nicht. Das Florett jedoch schon: In kleinen Anspielungen sind da und dort feine, treffsichere Spitzen versteckt. Omnipräsent ist Johannes Paul II – Piccolis geheimer Ausflug erinnert an seine klandestinen Fluchten aus dem Vatikan, und der polnische Pressesprecher ist ein charmanter Seitenhieb gegen die seinerzeit installierte Polen-Connection. Auch dass der Papst eigentlich hätte Schauspieler werden wollen, ist unschwer als Referenz an den Schauspielschüler Wojtyla zu erkennen. Die journalistischen Vatikan-Watcher kriegen beim Beobachten und Interpretieren des Rauches aus dem Konklave souverän ihr Fett ab. Geradezu bösartig wird der Euro- und Italienzentrismus der katholischen Kirche aufgespiesst: Dass die Kardinäle aus Ozeanien beim Konklave-Volleyballturnier nur eine Rumpfmannschaft bilden, währenddem die Italiener gleich mehrere Equipen bestücken könnten, trifft den Nagel auf den Kopf und ist giftiger als viele Statistiken. Michel Piccoli schliesslich erinnert nicht nur physisch an den unprätentiösen Querdenker Johannes XXIII und an den lächelnden Papst Johannes Paul I. Dass jedoch ein so unscheinbarer, scheuer und gütiger Mann heute noch auf der unerbittlichen kirchlichen Karriereleiter bis ins Heilige Kollegium aufsteigen und – wenn auch als Kompromisskandidat – zum Papst gewählt werden könnte, halte ich für eine zwar nostalgische, aber reichlich abwegige Idee.


Technisches: Habemus Papam von Nanni Moretti kommt sinnigerweise an Mariä Empfängnis in die Deutschschweizer Kinos. Eine schöne Besprechung hat Antje Schrupp in ihrem Blog veröffentlicht.

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