Donnerstag, 19. Februar 2009

Vorspiegelung wahrer Tatsachen

Um mit dem Anekdotischen zu beginnen: Max Frischs Tagebuch 1966-1971 stand so lange wie kaum ein anderes Buch ungelesen in meinem Regal. Auf den ersten Blick eignet sich das Buch natürlich fürs Blättern, fürs eklektische Lesen, fürs Herauspicken einzelner der unzähligen, handlich portionierten Perlen; und das tat ich denn auch hie und da. Aber als ich neulich endlich jene für die Lektüre notwendige Aktivierungsenergie aufzubringen vermochte, war ich schnell zusehends begeistert von diesem so dichten wie präzisen Bericht aus einer Epoche (die späten Sechziger) und einem Lebensabschnitt (Frischs späte Fünfziger). Denn aus den kleinen Fragmenten des Jahreslaufs schälen sich da ein paar grosse Themen heraus; Ideen, an denen Frisch hängen bleibt, die er weiterentwickelt zu kleinen Geschichten, immer fragmentarisch und mit leicht skizzenhaftem Zug. So die Dokumentation der Gründung einer Vereinigung, deren Mitglieder sich verpflichten, bei eintretender Senilität aus dem Leben zu scheiden. Als fiktiver Sekretär entwirft Frisch ein Handbuch für Mitglieder, das letzteren Indizien für die Einschätzung ihres Zustandes bieten soll. Das ist von so schonungsloser, giftig-genauer Beobachtung, dass es einem das Herz zusammenzieht bei der Lektüre. Erhellend auch die Berichte über Reisen in die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten. Frisch ist da nicht als Privatperson eingeladen, sondern als bereits berühmter Schriftsteller, und die Mischung aus hochoffiziellen Kontakten und sehr subjektiven Stimmungsbildern zeichnet ein erstaunlich lebendiges und zugängliches Bild eines in Selbstgerechtigkeit und Rechtfertigung erstarrten Reiches einerseits, eines mit dem Erbe der eigenen Ungerechtigkeit und den Kollateralschäden des Weltmachtstatus kämpfenden Landes andererseits.

Die wertvollsten Perlen dieses dichten, reichen Buches sind für mich zwei: das sich über vier Jahre des Buches hinweg erstreckende Verhör, in welchem ein kritischer Intellektueller mit den altbekannten und immer wieder gestellten Fragen nach der Legitimation von Gewalt im Kampf gegen Ungerechtigkeit konfrontiert wird und sich jeder rhetorischen Falle, jeder Vereinfachung, jeder wohlfeilen Distanzierung entzieht, beharrlich zum eigentlichen Kern dieser Fragen vordringend. Und (natürlich) die berühmten Fragebögen, diese subtilen, erhellenden, fast gemeinen Kratzer an der Oberfläche unseres gut geregelten Alltags.

Viel zu sagen wäre über die Gattung Tagebuch, jene Vorspiegelung wahrer Tatsachen, die doch auch nur (nur?) einen sehr subjektiven und sorgfältig bearbeiteten Ausschnitt aus der Wirklichkeit fasst. Mir scheint bezeichnend, dass ich gerade in den „fiktionaleren“ Passagen, im Handbuch für die Vereinigung Freitod, in der Skizze eines Unglücks, im Porträt von Kabusch, die Wirklichkeit, die ich kenne, wieder erkannt habe.


Technisches: Max Frisch, Tagebuch 1966-1971. Suhrkamp Taschenbuch 256. ISBN 978-3-518-36756-8.

Kommentare:

  1. Ich verstehe das adjektiv nicht bei dieser üblichen Klausel. Aus meiner Sicht gibt es doch weder falsche noch wahre Tatsachen, denn Tatsachen sind ganz einfach Tatsachen.

    Man kann Tatsachen vorspiegeln.

    Man kann aber keine falschen Tatsachen vorspiegeln, da es falsche Tatsachen nicht gibt. Und wahre gibt es demzufolge eben auch nicht, sondern einfach nur Tatsachen.

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  2. "Vorspiegelung angeblicher Tatsachen" wäre wohl treffender... Ich finde Ihre Beobachtung aufmerksam, der gängige Ausdruck ist tatsächlich zu viel des Guten. Wenn ich richtig sehe, stammt er aus der juristischen Sprache - was erstaunt, da diese ja besonders präzise sein sollte! Ein anderer aufmerksamer Analytiker der gleichen Phrase ist übrigens Ralph.

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